Geplanter Tod

Folgenden Leserbrief hatte ich dem Münchner Merkur geschrieben. Veröffentlicht wurden davon nur der erste Absatz und der letzte Satz (in diesem Artikel kursiv gesetzt). Dadurch scheint es beinahe, als sei ich ein Befürworter der Sterbehilfe. Ich möchte mich bemühen, keinen bösen Willen vorauszusetzen.

Eine junge Amerikanerin hat ihren Tod bis in Einzelheiten geplant, um nicht durch ihrem unheilbaren und aggressiven Hirntumor überlange leiden zu müssen und um niemandem überlang zur Last zu fallen. Ihr Mann, ihre Familie und auch das Gesetz des Bundesstaates Oregon stehen hinter ihr. Es wird ein friedlicher Abschied im Zimmer der Kranken, die noch bei vollen Kräften ist und das für ihren sanften Tod notwendige Gift bei sich hat. Der Termin steht fest. Ihre auf Youtube kundgemachte Entscheidung wird millionenfach unterstützt.
Das klingt logisch, einsehbar und menschenfreundlich. Es ist gut, Leid zu vermindern, autonom zu sein, im Kreis der Lieben zu sterben. Hat nicht jeder die Hoheit über sein eigenes Leben und Sterben?

Niemand wird geboren, weil er das wollte. Wir nähern uns zwar der Möglichkeit, daß nur noch genau solche Menschen geboren werden, wie die biologischen Eltern zulassen – oder wie die sozialen Eltern bestellen -, aber die Hauptperson bei einer Geburt ist nicht die Mutter, sondern das Kind, und das hat sich selbst nicht gewählt.

Das andere Ende des Lebens haben wir auch nicht in der Hand. Es ist möglich und sinnvoll, das Lebensende betreffende Verfügungen zu schreiben, aber es ist ausgeschlossen, das eigene Ende vollkommen und ohne Möglichkeit, daß es anders wird, zu planen. (Täglich sterben Menschen völlig ungeplant durch Unfälle oder ihnen selbst unbekannte Krankheiten, unabhängig davon, wie sie grundsätzlich zu ihrem Leben und Tod stehen.)

Es wird immer Menschen geben, die sich aus nachvollziehbaren Gründen den Tod wünschen. Es wird auch immer einige wenige Fälle geben, in denen die Nachvollziehbarkeit sehr groß ist. Dennoch kann es kein Recht auf Selbsttötung oder Tötung auf Verlangen geben, ebensowenig wie es ein Recht aufs Gezeugtwerden geben kann. (Ein Recht aufs Geborenwerden gibt es, weil ein Mensch im frühesten Entwicklungsstadium, lange vor der Geburt, bereits Mensch ist – mit allen dazugehörigen Menschenrechten.)

Das Recht auf Leben zieht die Pflicht zur Hilfeleistung zum Leben nach sich. Gäbe es ein Recht auf Selbsttötung, so ergäbe sich daraus eine Pflicht zur Selbsttötungshilfe. Das bedeutet: Es müssen (nicht: dürfen oder könnten) Menschen dazu ausgebildet, angeleitet und angehalten werden, anderen Menschen unter bestimmten Umständen zum Tod zu verhelfen. Diese sind dann im Rahmen ihrer Berufspflichten außerstande, eine nach Maßgabe der Voraussetzungen berechtigten Bitte um Selbsttötungshilfe abzulehnen. Das heißt: Sobald die Beihilfe zur Selbsttötung legalisiert wird, müssen – nicht: dürfen – Menschen andere Menschen töten; sofern sich nicht genügend finden, die das auch wollen, könnten unter Umständen Ärzte oder Pfleger dazu verpflichtet werden. Das ist unanständig.
Barbara Munker hat in ihrem Leserbrief vom 15. Oktober sehr klar die unmittelbaren gesellschaftlichen Veränderungen durch legalisierte Sterbehilfe dargelegt: In den Niederlanden steigt die Zahl der Selbsttötungen kontinuierlich, seit die Sterbehilfe dort gesetzlich verankert wurde, und die Fähigkeit zur Willensbekundung ist durchaus nicht bei allen so zu Tode Gebrachten eindeutig. (Daß zudem legalisierte Sterbehilfe zum Wirtschaftszweig wird, kann sich jeder selbst denken. Ehrenamtlich wird professionelle Tötung niemals vollzogen.) Für mich bleibt aber das Hauptargument gegen Sterbehilfe das oben dargelegte: Der Staat darf niemanden zum Profikiller machen.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Geplanter Tod

  1. Thilo Behrens schreibt:

    Was bleibt für den Leser: Die nur allzu verständlich Situation der Amerikanerin und ihrer Familie. Und ein – im Kontext des Abgedruckte – ziemlich polemisch erscheinendes und absolut unsensibles Argument gegen die arme Frau. So kann man auch Stimmungen schüren gegen die ach so böse Kirche (vor allem die katholische natürlich). Und – noch trauriger – dies letztlich auf dem Rücken derer, um die es in der Diskussion eigentlich geht.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Leider. Mit etwas Glück wird meine Bitte um Ergänzung im Merkur veröffentlicht, aber ich finde es wirklich peinlich, was aus meinem Text dort gemacht wurde.

  2. cassandra_mmviii schreibt:

    Ganz ehrlich: ruf da an und fordere eine Richtigstellung. Du bist dermassen sinnentstellt zitiert worden, dass geht nicht. Man muss ja nicht dauernd drauf aus sein, sich zu streiten, aber irgendwann ist mal Schluss.

    Das niemand allein sterben will, in einem häßlichen Krankenzimmer, zwischen Schichtwechseln und Fremden, verstehe ich. Die Antwort lautet Palliativmedizin und Hospize. Und dort dann mit Lieblingsmusik, dem Hund, der Familie und so weiter in Frieden gehen. Oder tatscächlich für die letzten Tage nach Hause kommen.

    Es steht übrigens auch ohne Legalisierung von Euthanasie bereits heute in der BRD jedem frei zu sagen „ich breche die medizinische Behandlung ab und will nur noch gegen Schmerzen behandelt werden“. Niemand muss 35 Mal wiederbelebt werden. Die totale medizinische Fremdbestimmung ist nicht so real wie manche das herbeireden.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe dorthin geschrieben; anrufen werde ich wohl auch – doch ja, das ist eine gute Idee.
      Was Du über medizinische Fremdbestimmung schreibst, ist wahr. Ich vermute allerdings, daß an dem heutigen Schwenk zur Euthanasie zum Teil die Medizin der 60er bis 80er Jahre Schuld trägt, die Moribunde mit Gewalt am Leben hielt. Nun geht die Richtung zum anderen, noch schlimmeren Extrem.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        Da kommt tatsächliches Mitleid (wer fühlt das nicht wenn er jemanden sieht, der sehr krank ist?), die Konfrontation mit der eigenen potentiellen Verletzlichkeit und dem eigenen Sterben, Tabuisierung von Leid und Tod und Kostendiskurse zusammen. Das ist alles sehr komplex.

        Ich finde es auch grad sehr unschön, mit dem inoperablen Krebs meiner Nachbarin konfrontiert zu sein. Ich hätte das in meiner kleinen, heilen Welt lieber nicht. Sie bittet um Gebet. Also bete ich und häkele eine Mütze für sie. Jede Masche ein Gebet „hilf ihr“- „ihr ihrem Mann“. Und die werde ich ihr mitgeben wenn sie Sonntag abend losfährt zur Chemo- so ich denn fertig werde. Wenn nicht, bekommt sie sie wenn sie wiederkommt.
        Das ist Aktionismus angesichts des Leides. Er ändert nichts. Aber sie allein lassen ist auch keine Alternative. Sie soll sichtbar bleiben dürfen, unsere Nachbarin, sie soll sich nicht auch noch aus Rücksicht auf die Gefühle anderer verstecken müssen.
        Sie hat die Option, sich zu töten, für sich ausgeschlossen. Diese Stimmen gibt es auch.
        Bete mit mir für sie und ihren Mann.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Gemailt hatte ich dem Münchner Merkur noch dies:
    „Mein Leserbrief vom 17.10. zum Thema Sterbehilfe wurde leider in einer Weise gekürzt, daß er als vorsichtig eingeschränktes Plädoyer für die Sterbehilfe verstanden werden kann. Ich bin gegen jede Form von Sterbehilfe!
    Ausgelassen wurde unter anderem:
    Das Recht auf Leben zieht die Pflicht zur Hilfeleistung zum Leben nach sich. Gäbe es ein Recht auf Selbsttötung, so ergäbe sich daraus eine Pflicht zur Selbsttötungshilfe. Das bedeutet: Es müssen Menschen dazu ausgebildet, angeleitet und angehalten werden, anderen Menschen unter bestimmten Umständen zum Tod zu verhelfen. Diese sind dann im Rahmen ihrer Berufspflichten außerstande, eine nach Maßgabe der Voraussetzungen berechtigten Bitte um Selbsttötungshilfe abzulehnen. Das heißt: Sobald die Beihilfe zur Selbsttötung legalisiert wird, müssen Menschen andere Menschen töten; sofern sich nicht genügend finden, die das wollen, könnten Ärzte oder Pfleger dazu verpflichtet werden. Das ist unanständig.

    Ich bitte Sie dringend, auch diesen Leserbrief zu veröffentlichen. Ich möchte wirklich nicht als Befürworterin der Sterbehilfe auftreten – nicht einmal ein bißchen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Claudia Sperlich“

    Veröffentlicht wurde der kursiv gesetzte Absatz, ohne irgendeine Anmerkung, daß vielleicht der Merkur da ein bißchen was verpennt hatte. Nun, alles kann man nicht haben.

Kommentare sind geschlossen.