Kirche, Welt und Sex

Die meisten Menschen, die überhaupt wissen, daß es eine katholische Kirche gibt, glauben, die katholische Kirche sei aller Körperlichkeit feind und sehe sexuelle Erregung und Lust als Sünde an. Die meisten Menschen heißt hier: die außerhalb der katholischen Kirche fast ausnahmslos, die innerhalb zu über 50%, vielleicht zu über 70%.
Die Welt hingegen, unser tintenklecksendes Säkulum, ist natürlich – sofern nicht von der Kirche verdorben – vollkommen frei in sexueller wie auch anderer Hinsicht, wobei die andere Hinsicht nicht so bedeutend ist.

Besonders befreiende Momente, die die Kirche, dies mittelalterliche Relikt, ablehnt, sind:

Entsorgte Embryonen
Bei der Befruchtung einer Eizelle entsteht eine unverwechselbare DNA, die erst nach dem Tod zerfällt. Die DNA enthält nicht nur alle körperlichen Informationen – Geschlecht, Aussehen, körperliche Anlagen -, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Informationen über Intelligenz und Begabungen (die selbstverständlich ebenso von Umwelt und Umfeld geprägt werden). All dies kann man in Schulbüchern der Biologie nachlesen.
Das bedeutet: die befruchtete Eizelle ist ein unverwechselbarer Mensch im sehr frühen Stadium. Bei einem Spontanabort stirbt ein Mensch – oft unbemerkt – in der Regel, ohne daß ein anderer Mensch diesen Tod verschuldet hat. Bei einer Abtreibung stirbt ein Mensch durch die Hand eines anderen – eine Hand, die dabei sauber bleibt, aber das ändert nichts.

Eingefrorene Eier
Damit Frauen dem Arbeitsmarkt in der Zeit ihrer größten Schaffenskraft vollkommen zur Verfügung stehen, wird ihnen angeboten, die Schwangerschaft auf eine Zeit zu vertagen, in der sie schon kaputtgearbeitet sind und der Wirtschaft nicht mehr so viel nützen können. Die Kinder kommen dann nicht durch einen Liebesakt zustande, sondern durch eine vollständig unsinnliche medizinische Prozedur, und sind erwachsen, wenn ihre Mutter eigentlich schon Großmutter sein könnte. Dies wird als emanzipatorische Errungenschaft zur überfälligen Befreiung der Frau aus den Fesseln der Natur gefeiert.

Geliehene Unterleiber
Kinder müssen nicht mehr notwendig selbst ausgetragen werden. Der Liebesakt entfällt auch in diesem Fall – die Zeugung findet ohne körperliche Nähe statt. Die Leihmutter tut gut daran, zu dem in ihr wachsenden Wesen keine starke Beziehung aufzubauen, um hinterher keinen Verlust zu betrauern. Gelingt ihr das nicht und will sie das Kind am Ende doch behalten, wird sie vertragsbrüchig.

Damit werden Sexualität und Zeugung vollständig entkoppelt. Sex ist konsequenzenloses Vergnügen, man kann ja verhüten oder wegmachen, Zeugung hat mit Sinnlichkeit nichts mehr zu tun. (Mir ist klar, daß auch bei Befürwortern der obengenannten Methoden in der Regel ganz normale Zeugung zu ganz normaler Schwangerschaft führt. Aber die technisierten Möglichkeiten werden von immer mehr Menschen als immer noch ganz normal und sinnvolle Alternative zum natürlichen Weg angesehen.)

Die Kirche sieht Sexualität als Gottesgeschenk an, viel zu großartig, um sie zu banalisieren. Die Kirche geht davon aus, daß ein Mensch vom ersten Moment seines Lebens an eine unverlierbare Würde hat. Die Kirche ist der Ansicht, daß es für jeden Menschen gut ist, wenn er von frühester Kindheit an liebevoll behandelt wird. Die Kirche lehrt, daß Brautleute sich das Sakrament der Ehe bei der Trauung gegenseitig spenden – und daß sie im Liebesakt den Konsens der Eheschließung vollziehen. Übrigens auch, daß dieser Vollzug der Ehe (ja, ich weiß, daß der Ausdruck komisch klingt) von beiden Seiten in vollkommen freier Entscheidung stattfinden muß, damit die Ehe gültig ist. Mit anderen Worten: Ohne Lust keine katholische Ehe und damit nach kirchlicher Lehre keine legitime Beziehung. Lust ist nach dem Katechismus der katholischen Kirche notwendiger, aber nicht hinreichender Bestandteil einer geglückten Beziehung – Verantwortung füreinander und für jedes aus der Beziehung entstehende Kind ist ein gleichrangiger Bestandteil.

Der Teil Welt, der die eingangs beschriebenen Vorgänge gutheißt, glaubt, Zeugung und lustvolle Sexualität voneinander trennen zu können. Kinder gehen auch ohne Lust. Kinder haben wollen muß nichts mit erfüllendem Sex zu tun haben. Und das ist die Meinung der Welt, nicht der Kirche! Der gleichen Welt übrigens, die Kinder, wenn sie gerade nicht so gelungen sind oder irgendwie nicht passen, entsorgen läßt, und die unter Zwang und angstbesetzt gezeugte Kinder übler Kerle schon gleich wegwerfen kann – mithin die Kinder ausbaden läßt, was nur-biologische Väter den Müttern angetan haben. (Praktisch übrigens für die Väter, die dann keine Alimente zahlen müssen.)

Diese Entkoppelung von Liebe, Sexualität und Zeugung, bis dahin, daß die drei nichts mehr miteinander zu tun haben, ist Weltsache. Die Welt ist in dieser Hinsicht prüder und lustfeindlicher als das ganze 19. Jahrhundert mit seinen Korsetts – und zugleich scheinen mir ihre Ideen in einer Zeit geboren, da Morphium und Kokain noch legal waren.

Die Kirche ist in der Zeit und auf die Ewigkeit ausgerichtet. Die Welt ist im 19. Jahrhundert.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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