Abtreibung als Gesundheitspflege

Allen Ernstes: Diese Idee gibt es. Es gibt sie nicht in irgendeinem unaufgeklärten Weltwinkel, in den Köpfen unterdrückter, verprügelter und zwangsweise ungebildeter Frauen, sondern im Hirn einer weißen, gutsituierten Britin.

Ann Furedi – die heute 54 Jahre alt wird und deren Geburt ich hier ausdrücklich nicht bedauere, sondern nur das, was sie aus ihrem Leben und dem Leben anderer Menschen macht – ist Geschäftsführerin des BPAS (hier aus moralischen Gründen nicht verlinkbar), des größten Abtreibungsunternehmens in Großbritannien mit vierzig Abtreibungskliniken in England, Wales und Schottland und über vierzigjähriger Erfahrung in der diskreten Beseitigung von Menschen. Das BPAS ist eine eingetragene gemeinnützige Einrichtung (registered charity); nach Angaben des BPAS bezahlt der National Health Service 96% der dort vorgenommenen Abtreibungen.

Kliniken und Arztpraxen können in der Regel ohne oder mit wenig Werbung bestehen. Kein Mensch, der Gelbsucht oder Krebs hat, muß durch Werbung überzeugt werden, dagegen etwas machen zu lassen. Eine auf Abtreibungen spezialisierte Klinik kann aber nur bestehen, wenn Abtreibung beworben wird. Denn die wenigsten Abtreibungen werden wegen einer unzweifelhaft bestehenden Gefahr für Leib und Leben der Mutter vorgenommen. Das heißt, es muß Überzeugungsarbeit geleistet werden, wenn man vorhat, mit der Beseitigung von Menschen sein Brot zu verdienen. Es muß das Bedürfnis, das man bedienen will, geschaffen werden. Übrigens bedeutet charity keinesfalls, daß die Ärzte für einen symbolischen Lohn arbeiten; das Durchschnittsgehalt eines höheren Angestellten einer solchen Klinik dürfte weit über dem Einkommen eines niedergelassenen Internisten liegen. Die britische Bloggerin Caroline Farrow hat darüber etwas zu sagen. In ihrem glaubwürdig recherchierten Artikel heißt es [Übers. von mir]:

Zwar ist Ann Furedis Gehalt nicht angegeben, wohl aber, daß ein Angestellter zwischen 120.000 und 130.000 £ [ca. 151.000-164.000 €] im Jahr verdient. Da ihr Kollege in Marie Stopes [ein weiteres britisches Abtreibungsunternehmen, Anm.d.Übers.] 125,000 £ [ca. 158.000 €] verdient, ist es realistisch anzunehmen, daß Furedis Gehalt auf dem gleichen Niveau liegt. Was das gemeinnützige Engagement angeht, so gibt BPAS an, Darlehen an Kundinnen in der Gesamtsumme von 2.500 £ abgeschrieben zu haben und auf Gebühren für Abtreibungen in Höhe von 24.491 £ verzichtet zu haben. Das ist der Gegenwert von etwa 41 medikamentösen Abtreibungen oder 24 chirurgischen Abtreibungen zwischen der 9. und der 18. Woche oder von 18 Spätabtreibungen. Verglichen mit den 26 Mio. £ an erzieltem Jahreseinkommen und dem Ziel, den Betriebsüberschuß auf 2,1 Mio. £ zu steigern, erscheint die Ausgabe von 27.000 £ als Hilfe für eine Handvoll klammer Kundinnen nicht eben als Inbegriff der Freigebigkeit einer gemeinnützigen Einrichtung, die sich bedeutenden Nutzen für die Allgemeinheit zuschreibt.

In einem Artikel im Independent (Übersetzung von mir) schreibt Ann Furedi [Übers. von mir]:

Seit das Gesetz zur Abtreibung am 27. Oktober 1967 die Königliche Zustimmung erhielt, haben mehr als sieben Millionen Frauen in Großbritannien den Zugang zu sicheren, legalen Abtreibungen genutzt, und zig Millionen konnten Sex genießen im Bewußtsein, daß eine unerwünschte Schwangerschaft nicht zur Mutterschaft führen muß.

Furedi führt aus, daß das Gesetz zwar äußerst restriktiv ist, aber äußerst liberal ausgelegt werden kann; in der Praxis kann jeder Arzt auf den bloßen Wunsch einer Frau nach Abtreibung befinden, daß ein Kind sie psychisch beeinträchtigen würde, und zur Tat schreiten.

Durch den medizinschen Forschritt sind die Risiken der Abtreibung so weit gesunken, daß die Beendigung einer Schwangerschaft durch Abtreibung fast immer sicherer ist als die Beendigung durch die Geburt nach vollständiger Reifung des Kindes.

Heute wird Abtreibung als Lebenswirklichkeit gesehen.

Furedi erklärt nun, daß, da es Abtreibungen gibt und das Umgehen des gesetzlichen Verbots einfach ist, das Gesetz völlig abgeschafft werden sollte. Sie vertritt die Ansicht, daß Abtreibungen ohne Begründung und auf Wunsch ohne irgendwelche Hemmnisse jeder Frau ermöglicht werden müssen. Hierbei ist ihr eigentliches Argument, daß es Abtreibungen gibt und sie leicht und ohne die Mütter gesundheitlich zu beeinträchtigen vorgenommen werden können. Weil es möglich ist, muß es legal sein und Weil es möglich ist, ist es gut sind aber keine logischen Schlußfolgerungen, sondern liegen intellektuell auf der gleichen Ebene wie Weil ich an die Bonbons drankomme, ohne auf einen Hocker zu steigen, darf ich sie nehmen. Auch die Argumentation Weil eine Geburt gefährlich und schmerzhaft ist, darf man Kinder beseitigen ist aus logischer Sicht unzulässig. Die Tatsache, daß irgendein Vorgang Risiken birgt, bedeutet nicht, daß man einen Hauptbeteiligten an diesem Vorgang beseitigen darf. Daß bei einer Schwangerschaft das Kind zu den beiden Hauptbeteiligten gehört, steht aus biologischer Sicht außer Zweifel.

Abtreibung sollte als das anerkannt werden, was sie ist – ein sicherer und notwendiger Eingriff zur Gesundheitspflege, die gewöhnlich nicht komplizierter ist als viele der kleineren Eingriffe, die in der allgemeinmedizinischen Praxis durchgeführt werden.

Abtreibung ist sicher und sollte Frauen, die sie benötigen, ebenso leicht zugänglich sein wie Verhütungsmittel.

Auch diese Übersetzung ist meine. Wenn ich mich aber in einen Leser hineinversetze, kann ich kaum anders, als von einem sinnentstellenden Übersetzungsfehler auszugehen. Deshalb zitiere ich das Original:

Abortion should be recognized for what it is – a safe and necessary healthcare procedure that, usually, is no more complicated than many of the minor procedures carried out in general practice.

Abortion is safe and it should be available as easily as contraception for women who need it.

Wenn man als Arbeitshypothese annimmt, Abtreibung sei tatsächlich körperlich und seelisch für die Frau nicht belastender als die Entfernung einer Warze (eine Hypothese, die ich für unsinnig halte, aber lassen wir sie hier zur Verdeutlichung einmal zu), ist Abtreibung immer noch für eine Person ganz und gar nicht gut. Diese Person ist das Kind.

Ich wünsche Ann Furedi zu ihrem 54. Geburtstag alles aus meiner Sicht Gute. Wir haben eine grundsätzlich verschiedene Sicht davon, was gut ist – und ich wünsche ihr, daß sie begreift, was Leben ist, und logische Konsequenzen daraus zieht. Nach meiner Ansicht wären die ersten logischen Konsequenzen eines solchen Begreifens heilsame Reue und Umkehr. Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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