Allerheiligen und die Gespenster

Die Kinder, die am Vorabend zu Allerheiligen um Süßigkeiten betteln (sehr strenge Menschen sagen: Erwachsene um Süßigkeiten erpressen), bekamen heuer von mir Schokoladenbonbons, jeder auf einen Zettel geklebt. Auf jedem dieser Zettel steht zunächst:

Halloween, kurz für All Hallows‘ Even, ist der Abend vor dem Fest Allerheiligen. Es gibt spannende Heilige, nach denen Ihr goo­geln könnt – zum Beispiel:

Und dann geht es mit einem der folgenden Texte weiter:

Johanna von Orléans, ein französisches Bauern­mädchen, kämpfte erfolgreich gegen die Engländer, die Frankreich besetzt hatten. Sie wurde von den Englän­dern gefangen, verurteilt und als „Hexe“ ver­brannt; die Franzosen haben wenige Jahre nach ih­rem Tod den Prozess wieder aufgerollt und ihre Un­schuld nachgewiesen.
Der Mann, der den ersten Prozess am stärksten be­trieben hatte, ist in einer Jauchegrube ertrunken.

Franziskus von Assisi war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Er legte allen Reichtum ab – als sein Va­ter ihn öffentlich zur Rede stellte, auch alle Kleider! ALLE! – und wohnte in einer Hütte, um so Gott zu dienen. Er sammelte andere Männer um sich, die auch so genügsam leben wollten. Die Franziskaner sind heute ein großer Mönchsorden.

Martin von Tours war Soldat in römischen Diensten – zum Militärdienst war er als Offizierssohn verpflichtet. Er teilte seinen Mantel mit einem Bettler. (Der obere Teil eines Soldatenmantels gehörte dem Staat; der untere, angesetzte dem Träger. Martin konnte diesen Teil abtrennen und verschenken. Aber Spott und wohl auch Arrest riskierte er dabei.) Weil er als Christ keine Waffen tragen wollte, bat er den Kaiser um Entlassung. Der warf Martin Feigheit vor. Da ging Martin ohne Waffen an die vorderste Front, und niemand griff ihn an. Nun kam der Kaiser seiner Bitte nach.

Hildegard von Bingen hatte von früher Jugend an Visionen; sie sah wundervolle Bilder, die ihr zeigten, daß Menschen Gott vertrauen sollen, der sie behütet und möchte, daß sie Gutes tun, auch wenn sie dadurch verachtet werden oder in Gefahr geraten. Sie schrieb ihre geistigen Erlebnisse und ihre Gedanken auf; das Buch wird noch heute gelesen. Außerdem komponierte sie Lieder. Und schließlich hatte sie keine Scheu, mit großen Politikern ihrer Zeit zu korrespondieren. Kaiser Friedrich I, genannt Barbarossa, bekam von ihr einen sehr zornigen Brief, weil er die Kirche nach seinen Vorstellungen umbiegen wollte.

Nikolaus von Myra war ein Bischof, also ein hoher Würdenträger der Kirche. Er blieb aber bescheiden und half armen Leuten. Einmal verhinderte er unter Lebensgefahr, daß drei Unschuldige hingerichtet wurden. Außerdem unterstützte er Mädchen, die sonst aus Armut in die Sklaverei gezwungen worden wären.

Elisabeth von Thüringen war eine Königstochter, die als sehr junge Frau beschloss, auf allen Luxus und jeden nicht lebensnotwendigen Besitz zu verzichten und sich vollkommen für die Armen einzusetzen.

Gertrud von Nivelles war eine adlige Dame, die sich mit ganzer Kraft für die Bildung von Mädchen einsetzte. Es war zu ihrer Zeit noch keinesfalls alltäglich, daß Menschen – Männer wie Frauen – lesen und schreiben konnten. Auch in der Krankenpflege und Armenfürsorge setzte sie sich ein, nicht nur als Organisatorin, sondern auch eigenhändig.

Maximilian Kolbe war ein polnischer Priester, der von den Nazis in das Konzentrationslager Auschwitz gesperrt wurde. Als ein Gefangener floh, bestimmten die Nazis zehn Männer, die dafür sterben sollten. Einer rief verzweifelt: „Meine arme Frau, meine Kinder!“ – und Maximilian bot an, an seiner Stelle zu sterben. Er wurde mit den anderen ohne Wasser und Nahrung in einen fensterlosen Raum gesperrt. Bis kurz vor seinem Tod sang und betete er. Er starb als letzter der zehn.

Karl Leisner fand die Nazis schon als Jugendlicher abstoßend. Er wollte Priester werden. 1939 erfuhr er von dem Attentat auf Hitler; als er hörte, daß der überlebt hatte, sagte er: „Schade!“ Er wurde denunziert und verhaftet. Im KZ Dachau wurde er 1944 von einem Mithäftling und Bischof zum Priester geweiht – heimlich, weil die Nazis das verboten. Die letzten Monate war er krank, die Befreiung im April 1945 überlebte er nur um wenige Wochen.

Moses der Äthiopier lebte etwa von 320 bis 395. Er war Sklave und ein ziemlicher Rabauke, der leicht gewalttätig wurde. Er lief seinem Herrn weg, schloss sich einer Räuberbande an und wurde deren Boss. Irgendwann wurde ihm klar, dass dies kein gutes und erfüllendes Leben sein konnte. Er suchte ein Kloster auf und war von der Friedfertigkeit und Freundlichkeit der Mönche so beeindruckt, daß er sich nicht nur taufen ließ, sondern selbst Mönch wurde. Grob wurde er nie wieder.

Gleich mehrere Bonbons kleben auf diesem Zettel:

Halloween ist ein altes englisches Wort, zusammengezogen aus All Hallows‘ Even. Das bedeutet den Abend vor dem Tag Allerheiligen, an dem die katholische Kirche an all die Menschen denkt, von denen sie sicher ist, daß sie nach ihrem Tod zu Gott gekommen sind.
Eure Geisterspiele sind ein alter Brauch. Man glaubte früher, vor dem Tag aller Heiligen kommen die Dämonen, um die Menschen zu ärgern, zu quälen und davon abzuhalten, den Heiligen nachzueifern.
Die kostümierten Kinder sollten also eigentlich den Dämonen Angst machen, nicht den Menschen. Und dafür durften sie von den Menschen Süßigkeiten erbetteln.
Aber eigentlich ist ganz einfach Allerheiligen.
Wieso? Ist doch erst morgen?
Das hat damit zu tun, daß im Judentum der Tag nicht von morgens bis abends gezählt wird, sondern vom Abend bis zum Abend (also bis zum Beginn des nächsten Tages. Da Jesus als Mensch Jude war und auch seine ersten Jünger Juden waren, hat die Kirche diese Zählung übernommen, aber seltsamerweise nicht immer, sondern nur vor Sonntagen und besonders wichtigen Festen. Der Vorabend von Allerheiligen ist bereits Allerheiligen.

Gerne darf diese Methode, mit Halloween umzugehen, übernommen werden. Ich erhebe keine Rechtsansprüche auf die Zetteltexte.

Ich habe genug Schokoladenbonbons für zwei Gespenstertrupps.
Und wenn keine kommen?
Dann eß ich die Schokolade selber.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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12 Antworten zu Allerheiligen und die Gespenster

  1. C.Lang schreibt:

    Sehr gute Idee. Hoffe, bei den Kindern wird so Interesse für die Heiligen und evtl. auch für Jesus und die Kirche geweckt. Wäre ihnen zumindest von Herzen zu wünschen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Die ersten beiden waren gerade hier – die süßen noch ziemlich kleinen Nachbarsmädchen in Begleitung ihrer Mutter, die das als harmlosen Ulk machen (und so klein sind, daß die mütterliche Begleitung nur nett und nicht peinlich ist). Mit schwarzer Federmaske und schwarzem Umhang die größere, und gefreut haben sie sich!

  2. Thilo Behrens schreibt:

    Ich freue mich grad schon auf nächstes Jahr, danke für die Anregung! 😉

  3. Karl Eduard schreibt:

    Tolle Sache. Alle Achtung. Mein Chef hat seinen Zweitgeborenen Hagen genannt. Und hat keinen Schimmer vom Nibelungenlied.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Standesbeamte können ein Lied von schräger Namensgebung singen.

      • Karl Eduard schreibt:

        „Hagen“ ist nicht schräg. Der Mann hatte Charakter, Ehre und Treue. Wir bekommen bei unseren Kunden mit, bei der Namensgebung ihrer Sprößlinge, daß da im Oberstübchen gähnende Leere herrscht.

  4. Hildesvin schreibt:

    Vom heiligen Martin ward mir zuerst Kunde durch den Film „Die Heiden von Kummerow“ – das Buch habe ich erst später gelesen.
    Nichts für ungut, die Heiligenviten sind ein Ausbund an Albernheiten und Abgeschmacktheiten, die ihresgleichen suchen.
    Sehr zu empfehlen: „Julian der Abtrünnige“ von Felix Dahn.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Den Tip hast Du mir neulich schon gegeben, und er ist immer noch falsch. Dahn ist unfaßbarer Kitsch, aber er hat auch nicht „Julian der Abtrünnige“ geschrieben. Das war Joseph Bidez, ein Historiker mit mehr Hirn und mehr Geschmack als Dahn. Gutes Buch trotz einiger Schwächen.

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