Ein Heiliger und ein Vater – aber kein Papst

Martin von Tours, der großzügige und friedfertige Heilige, dessen die Kirche heute gedenkt, starb vor 1617 Jahren. Ihm habe ich zwei Gedichte geschrieben – das eine ist ein Choral und wird in der Großgemeinde Maria unter dem Kreuz gesungen.

St. Martin
Melodie: Großer Gott, wir loben dich

Martin mußte lange Zeit
Als Soldat des Kaisers leben.
Waffen und Soldatenkleid
Trug er nur mit Widerstreben,
Wollte, statt im Heer zu stehn,
Jesu Friedenswege gehn.

Als er um den Abschied bat,
Ließ der Kaiser ihn nicht ziehen,
Sprach von Feigheit und Verrat.
Martin sprach: “Ich will nicht fliehen,
Doch auch Blut vergießen nicht:
Christus ist mein Friedenslicht.”

“Ohne Waffen laß mich gehn,
Ohne Furcht vor Kriegsgefahren.
Wehrlos will vorm Feind ich stehn,
Jesu Kreuz wird mich bewahren.
Jesus ist mein guter Hirt,
Der den Frieden schaffen wird.”

Bischof Martin folgte Gott,
Tat und lehrte Sein Erbarmen,
Teilte gerne in der Not
Brot und Wissen mit den Armen.
Eigne Not galt ihm gering,
Bis sein Weg zu Ende ging.

“Herr, es ist ein harter Streit,
Deinen Dienst zu tun im Leben.
Und ich kämpfte lange Zeit!
Willst Du mir nun Abschied geben,
Ruh ich gern, doch auf Dein Wort
Führ ich Deine Sache fort.”

Martins tapfrer Lebenslauf
Ist im Frieden ausgeklungen.
Gott nahm Seinen Diener auf,
Engel haben ihm gesungen,
Trugen ihn nach Leid und Streit
In die lichte Ewigkeit.

© Claudia Sperlich

Das andere ist ein Resumé der üblichen Martinsfeiern.

Ach Martin

Martin, ach, Laternenlicht
wär dir wohl noch recht geworden,
auch die lauten Kinderhorden,
aber Heidentum doch nicht!

Nur Kostümfest und Geschrei,
Glühwein dann und Würstchenessen,
kannste als Asket vergessen,
wärste eh nicht gern dabei!

Martin, trotz der Feierei
ohne Glaubensgrund und Wissen
wollen wir dich doch nicht missen –
steh uns armen Toren bei!

Bitt für uns mit frommem Sinn,
Gott woll uns den Tand vergeben!
Laß die armen Gänse leben,
den Klamauk nimm freundlich hin,

hilf, die Großen wachzurütteln,
bis sie sich zu Gott gewandt,
nimm die Kleinen bei der Hand!
Sonst ist dieses Fest zum Schütteln.

© Claudia Sperlich

Ein anderer Martin, Agnostiker aus frommem evangelischen Elternhaus, beschränkte zwar sein Interesse für Heilige auf den kunsthistorischen Blick (Martin von Tours wurde von vielen großen Meistern gemalt), bestand aber am Martinstag auf die traditionelle Gans. Auch ihm habe ich vor einigen Jahren ein Gedicht geschrieben.

Vater

Wir gingen abends oft zum Automaten.
Laternen warfen ihre gelben Scheiben
aufs Pflaster, und mein Schatten wollt nicht bleiben –
ich staunte, daß wir niemals auf ihn traten.

In deiner Hand war sehr viel Raum für meine.
Im Wechsel schwer und leicht erklang dein Gehen,
und wenn ich rannte, bliebst du manchmal stehen –
dein Hinken wartete auf kurze Beine.

Du gabst mir Antwort auf die schwersten Fragen
und zeigtest mir den Großen Himmelswagen,
und manchmal rezitiertest du Gedichte.

Dann stecktest du die Schachtel Filterlose
bedächtig in die Tasche deiner Hose –
dann gings nach Haus zur Gutenachtgeschichte.

© Claudia Sperlich

Ich bin diesen beiden Martins dankbar – sogar aus ganz ähnlichen Gründen, auch wenn der jüngere der beiden kein Heiliger war. Großzügig und liebevoll war er aber auch.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Ein Heiliger und ein Vater – aber kein Papst

  1. Peccator quidam schreibt:

    Vielleicht sollte ich doch mal wieder hinüber nach St. Marien statt immer nur fremd zu gehen, wenn dort so gut gedichtete zeitgenössische Lieder gesungen werden.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Immer gerne! Übrigens: Die Großgemeinde besteht ja aus St. Marien und Heilig Kreuz – und gesungen wird das Lied in beiden. Kleiner Tip: Wer in Heilig Kreuz geht, hat den Umzug durch einen sehr schönen Park. Um St. Marien sind bloß Häuser (wenn auch schöne).

      • Peccator quidam schreibt:

        Die Häuser kenne ich sehr gut! 🙂 Leider konnte ich heuer an gar keinem Zug teilnehmen, aber vielleicht schaffe ich es bald noch mal in St. Marien, auch wenn die Werktagsmessen dort für mich zeitlich sehr ungünstig liegen. Ist Pater A. dort eigentlich noch vorhanden?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Ja, Pater A. ist da noch. Und Hl. Kreuz ist dankenswerterweise täglich von 8.00 Uhr bis 18.00 Uhr zugänglich, man kann also auch einfach so zwischendurch hin, zum Gucken oder zum Beten oder um einfach mal ein bißchen Ruhe zu haben.

  2. reverendpeter schreibt:

    Hat dies auf Life Church rebloggt.

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