Türlein 6

Nikolaus und der Betrüger

Ich hatte jenem Christen Geld geliehen –
er ist ein Nachbar, und er war in Not.
Ich weise keinen ab von meinem Haus!
Dem Armen hilf! Das ist des Herrn Gebot.
Doch an dem Zahltag will er sich entziehen.

Er reicht mir seinen Stab – ich soll ihn halten.
Er schwört vorm Bildnis eines Würdenträgers:
„Du bist mein Zeuge, Bischof Nikolaus!
Das Geld ist gänzlich in der Hand des Klägers!“
Ihm wird geglaubt. Mein Recht wie Holz gespalten.

Er nimmt den schweren Stab, um fortzugehen –
der Falsche hört nicht des Gerechten Rufen!
Da scheut ein Pferd, da bricht ein Wagen aus,
da liegt er unter Rad und Pferdehufen.
Ich kann nicht helfen, muß ihn sterben sehen.

Das Rad ist über jenen Stock gefahren,
zerbrochen liegt er neben einer Leiche –
und ausgehöhlt – nun rollt das Geld heraus!
Er starb an seinem eignen bösen Streiche.
Herr, konntest Du ihn nicht davor bewahren?

Du, Ewiger, willst nicht den Tod der Sünder,
so hast Du es gesagt, so stehts geschrieben!
Und du, du Wundertäter, Nikolaus –
befiehlt dir nicht der Ewige zu lieben?
Sagt das nicht deines eignen Glaubens Gründer?

Ich will kein Geld auf eines Lebens Kosten!
Elija und Elischa weckten Tote,
wenn du das kannst, hilf, Bischof Nikolaus!
Gib, daß er lebt und umkehrt, Herrenbote!
Sonst mag das Geld verfallen und verrosten.

Da seh ich meinen Gegner sich bewegen
und schwankend aufstehn, staunend um sich sehen –
Dank sei Dir, Gott! Und Dank dir, Nikolaus!
Dann zeigt er auf die Münzen: „Hier – das Lehen,
nimm es zurück, verzeih – du bist ein Segen!“

© Claudia Sperlich

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.