Märchenhafte Bösewichte

Ich gestehe: Ich mag Märchenfilme. Ich bin dabei wählerisch, es gibt äußerst kitschige und altbackene Märchenverfilmungen – aber eben auch sehr hochkarätige. Im Fernsehen gibt es zahlreiche in den letzten Jahren entstandene Produktionen, einige davon wirklich preiswürdig.

Aber weil die Welt eben nicht immer so ist wie im Märchen, habe ich auch was zu meckern.

Der Produzent kinderfilm drehte im Auftrag des ZDF Die sechs Schwäne, eine wunderschöne Adaption eines Märchens von Hans Christian Andersen. Zauberhaft.

Aber in einer Hinsicht ist die Adaption alles andere als werktreu – und fällt dem Autor in den Rücken, dessen tiefe protestantische Frömmigkeit sich in seinem Werk deutlich zeigt. Das geschieht subtil genug, um den Film nicht als religionsfeindlich oder in irgendeiner anderen Hinsicht intolerant zu zeigen. Aber es geschieht deutlich genug, um den Eindruck zu erwecken, die Bösen im Märchen seien Christen, die anderen nicht.

Ein Kreuz kommt mehrmals in dem Film vor. Nicht bei der Hochzeit – es werden nur die Brautleute unmittelbar nach der Trauung, nicht mehr in der Kirche, gezeigt. Kirche und Kreuz spielen in der Liebe des Prinzen und seiner Braut keine Rolle. Wohl aber als prunkvolles um den Hals getragenes Kreuz der intriganten Königin, dann kleiner, aber immer noch auffällig getragen am Wams des ebenso intriganten Hofmeisters, und schließlich das Kreuzchen, das der Hofmeister einer abergläubischen Magd als Schutzzauber aufschwatzt.

In der Verfilmung wird unterschwellig das Kreuz zum Symbol des Bösen, der Intrige, der Gemeinheit, des Aberglaubens. Und bei Andersen? Da steht über die Hauptfigur Elisa (im Film Constanze):

Strich der Wind durch die großen Rosenhecken draußen vor dem Haus, so flüsterte er den Rosen zu: „Wer kann schöner sein als Ihr?“ Aber die Rosen schüttelten das Haupt und sangen: „Elisa ist es!“ Und saß die alte Frau am Sonntag vor der Tür und las in ihrem Gesangbuch so wendete der Wind die Blätter um und sagte zum Buch: „Wer kann frömmer sein als du?“ – „Elisa ist es!“ sagte das Gesangbuch. Und es war die reine Wahrheit, was die Rosen und das Gesangbuch sagten.

Frühmorgens ging die Königin in das Bad, welches von Marmor erbaut und mit weichen Kissen und den prächtigsten Decken geschmückt war. Und sie nahm drei Kröten, küßte sie und sagte zu der einen: „Setze dich auf Elisas Kopf, wenn sie in das Bad kommt, damit sie dumm wird wie du!“ „Setze dich auf ihre Stirn, damit sie häßlich wird wie du, so daß ihr Vater sie nicht kennt!“ „Ruhe an ihrem Herzen“, flüsterte sie der dritten zu; „laß sie einen bösen Sinn erhalten, damit sie Schmerzen davon hat!“ Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, welches sogleich eine grüne Farbe erhielt, rief Elisa, zog sie aus und ließ sie in das Wasser hinabsteigen. Und indem Elisa untertauchte, setzte sich die eine Kröte ihr in das Haar, die andere auf ihre Stirn und die dritte auf die Brust. Aber sie schien es gar nicht zu merken. Sobald sie sich emporrichtete, schwammen drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und von der Hexe geküßt worden, so wären sie in rote Rosen verwandelt. Aber Blumen wurden sie doch, weil sie auf ihrem Haupt und an ihrem Herzen geruht hatten. Sie war zu fromm und unschuldig, als daß die Zauberei Macht über sie haben konnte!

Und als die arme Elisa schließlich doch fliehen muß, heißt es:

Betrübt stahl sie sich aus dem Schloß und ging den ganzen Tag über Feld und Moor bis in den großen Wald hinein. … Nur kurze Zeit war sie im Wald gewesen, da brach die Nacht an. Sie kam ganz vom Weg und Steg ab, darum legte sie sich auf das weiche Moos nieder, betete ihr Abendgebet und lehnte ihr Haupt an einen Baumstumpf. Es war da so still, die Luft so mild, und ringsumher im Gras und im Moos leuchteten, einem grünen Feuer gleich, Hunderte von Johanneswürmchen. Als sie einen der Zweige leise mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Käfer wie Sternschnuppen zu ihr nieder.

Bei Andersen bewahrt also Frömmigkeit vor Schadzauber und hilft einer Fliehenden zu einer nicht nur erträglichen, sondern zauberisch schönen Nacht im Wald. Ganz anders als im Film, wo die Guten ohne jedes wahrnehmbare religiöse Fundament gut sind, die Bösen aber deutlich sichtbarer religiös verankert.

Trotz seiner von Armut und Gewalt geprägten Kindheit schrieb der Autor des verfilmten Märchens zu Beginn seiner Autobiographie Das Märchen meines Lebens:

Meine Lebensgeschichte wird der Welt sagen, was sie mir sagt: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum Besten führt.

Und die Autobiographie endet mit den Worten:

Gott und Menschen meinen Dank, meine Liebe!

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Märchenhafte Bösewichte

  1. denisfeuerstein schreibt:

    Nun, die heutigen Märchenfilm-Adaptionen haben selten etwas märchenhaftes. Für viele angehende Filmmacher sind es einfach nur Auftragsarbeiten für das ZDF oder für die ARD. Dementsprechend lustlos wirken dann manche Verfilmungen, wie die Version von „Die Schöne und das Biest“ wo einfach nur gelangweilt und billig der Disneyfilm in Technik (Schnitt und Perspektive) und Look (Ausstattung und Make Up) kopiert wird. Manch einer meint dann noch den „alten Stoff“ einen „neuen Look“ zu verpassen um die „jungen Kids“ nicht mit „alten Sachen“ zu überanspruchen. Was mich betrifft ist die BRD sowieso nicht unbedingt der Exportschlager in Sachen Märchen – lieber einen tschechoslowakischen Klassiker wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder den russischen „Der Hirsch mit dem goldenen Geweih“ angeschaut.

  2. Bettina schreibt:

    Hat dies auf laut und leise literatur lesen rebloggt und kommentierte:
    Ich mag Märchenverfilmungen, auch wenn sie Spielarten sind, doch wie Claudia hier analysiert, manche Auslegungen richten sich gegen die Weltsicht des Urhebers und werden dadurch verfälschend.

    • Bettina schreibt:

      auch wenn ich meine, die haben als Grundlage des Filmes die KHM Nr. 49 – Die sechs Schwäne – herangezogen, bleibt doch diese „ideologische Verfremdung“

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Ah ja, in der Tat – da gibt es zwei mögliche Vorlagen. Wobei ja Andersen wohl bei den Grimms auch geklaut hat.

      • Bettina schreibt:

        damals war das ja noch kein Klauen, eher ein sich bedienen,

        Das Feuerzeug – Das blaue Licht – ist auch so eine Märchenvariantion, wo HCA aus Schönem Schönes gemacht hat.

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