Ein Fall von Sterbehilfe

In Hamburg, in der Nachbarschaft meiner Großeltern, hat es einen Fall von Sterbehilfe gegeben, bei dem ich das Wort Hilfe tatsächlich angebracht finde.

Ein älteres Ehepaar bekam die Nachricht, daß Verhaftung und Abtransport beider kurz bevorstand. Sie beschlossen, sich selbst zu töten. Wohlmeinende Nachbarn (ja, auch die gab es!) riefen eine Ärztin zu Hilfe. Die Ärztin fand dies vor:

Die Wohnung war vollkommen aufgeräumt und frisch geputzt. Die Eheleute lagen in ihren besten Kleidern auf dem Bett. Auf dem Nachttisch stand das leere Medikamentenglas. Die beiden lebten noch, und der Ärztin wurde klar, daß die Dosis wahrscheinlich nicht tödlich wäre.

Die Ärztin verabreichte beiden eine Injektion, die sie schnell sterben ließ.

Hier sehe ich eine legitime Verkürzung unmenschlichen Leidens. Ich möchte nicht in der Haut der Ärztin stecken, der diese Tat sicher nicht leicht gefallen ist. Ich habe keine Ahnung, was ich, wenn ich Ärztin wäre, in einem solchen Fall getan hätte – ich bin mir nur sehr sicher, daß ich nach jeder möglichen Entscheidung ein schlechtes Gewissen hätte.

Mir zeigt diese Begebenheit, daß Fälle denkbar sind, wo Sterbehilfe nicht nur zweckmäßig, sondern sinnvoll ist. Sie zeigt mir auch, daß Unrecht weiteres Unrecht nach sich zieht. Die Tötung eines Menschen ist Unrecht, darüber gibt es keine weiteren Worte zu verlieren. Die Tötung eines Menschen aus Notwehr – z.B. das Erschießen eines Geiselnehmers, der jeden Verhandlungsversuch abblockt – kann notwendig sein und ist trotzdem (unvermeidliches) Unrecht. Für Tyrannenmord gilt das Gleiche. Ich darf bedauern, daß Hitler nicht umgebracht wurde, aber ich darf nicht vergessen, daß auch das die Tötung eines Menschen gewesen wäre.
In diesem Fall, der weder Notwehr noch Nothilfe war und zwei Unschuldige betraf, gilt meiner Ansicht nach: Das unvergleichlich größere Unrecht des Nationalsozialismus hat das Unrecht von Selbst- und Fremdtötung als einzigen noch halbwegs würdevollen Ausweg nach sich gezogen. Ich kann die Tat allenfalls als grundsätzliches Recht deuten, wenn ich die Nazis als tödliche und qualvolle Seuche betrachte und die Tat als extreme Form der lebensverkürzenden Palliativmedizin. Dazu sind einige logische Verrenkungen nötig, und ich weiß nicht, welche Sicht auf diese Tat – gerechtfertigte Tötung oder Behandlung von Leid – näher an der Wahrheit ist.

Jedenfalls bringt mich diese Begebenheit zu der scheinbar absurden Haltung, Achtung vor der Tat zu haben – der Tat der Eheleute, die ihrer Ermordung durch die Nazis zuvorkommen wollten, und der spontan beschlossenen Tat jener Ärztin, die ihnen ein Mißlingen nicht zumuten wollte.

Achtung vor der Tat von Ärzten, die in unserer Zeit sorgfältig geplante und nach kassenärztlichen Richtlinien vergütete Sterbehilfe leisten wollen (in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg schon tun), habe ich nicht. Menschenwürde ist nicht verhandelbar, selbst dann nicht, wenn ein Mensch sich selbst für lebensunwert hält. Fälle wie den geschilderten – im Europa unserer Tage Gott sei Dank nicht aktuell, auch wenn niemand weiß, ob sie es nicht wieder werden – kann man nicht gesetzlich erfassen, und man kann sie auch nicht ganz eindeutig ethisch beurteilen. Tötung als Kassenleistung oder auf Privatrezept kann man sehr wohl beurteilen. Und da ich schon davon rede – falls im Herbst 2015 die Sterbehilfe in Deutschland legalisiert wird, wird sich vermutlich bald zeigen, daß unter den so Getöteten unverhältnismäßig viele Empfänger von Sozialleistungen sind. Ich glaube, darauf könnte man seine Sozialrente verwetten.

Aber auch dann, wenn es gar nicht um Geld ginge, wenn Sterbehilfe grundsätzlich leistungsfrei wäre, wäre sie Unrecht, und zwar anders als im oben geschilderten Fall ein durchaus vermeidbares Unrecht. Jedes angebliche Dilemma in der Sterbehilfedebatte unserer Tage ist konstruiert. Es gibt gar kein Dilemma. Menschen sind unbequem, Krankheit ist unbequem, Alter ist unbequem – damit leben und sterben wir, und auch Leben und Sterben sind unbequem. Sterbehilfe ist bequem. Aber das bedeutet nicht, daß sie gut ist, ganz im Gegenteil.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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