Baum, Geschenke, Kinder, Großeltern, Engel, Segen – und sonst?

Man hört es jetzt sehr oft.

Ich gehe nicht weiter darauf ein, daß Text und Melodie kitschig sind. Kitsch der freundlichen Art ist in der Advents- und Weihnachtszeit nicht einmal bei mir völlig verboten, Kitsch kann wärmen und streicheln, Kitsch tut an kalten und dunklen Tagen zuweilen einfach gut. Aber dies Lied ist nicht nur kitschig, es ist ist zudem kein Weihnachtslied, auch wenn es so tut.

Hermann Kletke
Am Weihnachtsbaume

Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen,
wie glänzt er festlich, lieb und mild,
als spräch‘ er: „Wollt in mir erkennen
getreuer Hoffnung stilles Bild!“

Die Kinder stehn mit hellen Blicken,
das Auge lacht, es lacht das Herz,
o fröhlich seliges Entzücken!
Die Alten schauen himmelwärts.

Zwei Engel sind hereingetreten,
kein Auge hat sie kommen seh’n,
sie gehn zum Weihnachtstisch und beten,
und wenden wieder sich und geh’n.

„Gesegnet seid, ihr alten Leute,
gesegnet sei, du kleine Schar!
Wir bringen Gottes Segen heute
dem braunen wie dem weißen Haar.

Zu guten Menschen, die sich lieben,
schickt uns der Herr als Boten aus,
und seid ihr treu und fromm geblieben,
wir treten wieder in dies Haus.“

Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen,
unsichtbar jedes Menschen Blick
sind sie gegangen wie gekommen,
doch Gottes Segen blieb zurück.

Und was habe ich jetzt schon wieder? Wo doch Gottes Segen vorkommt, und Engel, und Weihnachten?

Weihnachten handelt nicht von Gemütlichkeit. Weihnacht handelt von der Menschwerdung Gottes, im Grunde vom Beginn des Leidens Jesu Christi – da Leben nun einmal ohne Leiden nicht zu haben ist, wie man an jedem untröstlich weinenden Säugling erkennen kann. Es handelt von Schwäche, Gefährdung, Armut, Wehrlosigkeit – und von Erlösung, von allumfassender Liebe und großer Freude. Vor allem handelt es von Jesus Christus – der in dem Lied nicht vorkommt.

Das Lied beschreibt eine innige, stille Szene – sehr gemütlich, das von Christbaumkerzen erhellte bürgerliche Wohnzimmer mit Gabentisch, Kinder und Großeltern sind anwesend. Die Kinder freuen sich über die Geschenke, die Alten erheben (in stillem Gebet oder in sentimentaler Erinnerung) den Blick zum Kronleuchter, von den Eltern ist gerade nicht die Rede (sie in der Küche, er eine rauchen? Hier ist unsere Phantasie gefragt).

Der Weihnachtsbaum als baumgewordene Hoffnung, immergrün und geschmückt und erleuchtet, nun gut, das mag hingehen.
Die Engel stehen unsichtbar und unhörbar – nicht vor dem Baum, sondern vorm Gabentisch. Sie beten vor dem Tisch mit den Weihnachtsgeschenken. Zwar erscheint mir angesichts des Geschenkangebotes für Kinder ein flehentliches Gebet oft sinnvoll, aber dann stelle ich mir die Engel vor dem Gabentisch eher als wehrhafte Erzengel vor, die sich zwischen den Ramsch und die Kinder stellen.

Diese Engel kommen zu Menschen, weil sie einander lieben und gut sind, und versprechen, wiederzukommen, wenn sie treu und fromm bleiben. Warum eigentlich?
Wenn alle Menschen einfach nur einander liebten, gut, treu und fromm wären, gäbe es keine Weihnacht. Denn Gott ist nicht Mensch geworden, weil wir so gut, sondern weil wir so schlecht sind.

Gottes Segen bleibt zurück in der biedermeierlichen Stube, und ich vermute, er riecht nach Anisplätzchen und Wachskerzen. Die Boten Gottes wurden nicht gesehen und nicht gehört, sie brachten weder Furcht noch Freude, sondern nur Gemütlichkeit und Wohlgefühl. Und damit können sie meiner Ansicht nach gar nicht Gottes Boten sein. Die nämlich verursachen immer sowohl Furcht als auch Freude – das ist so bei Maria, bei den Hirten und später bei den Frauen am Grab.

Religion und Weihnacht und so ist schön, vor allem für Kinder und alte Leute, weil da so viel Innigkeit aufkommt: Mehr sagt das Lied nicht aus – und damit ist es für mich kein Weihnachtslied.

Ich wünsche mir und allen für die Adventszeit und zur Weihnacht, wieder erschrecken zu können vor Gottes Größe und auch vor der eigenen Erbärmlichkeit – und dann, wieder aus dem Häuschen zu sein vor Freude über Seine Liebe und Sein Erbarmen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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