Schauen und sinnen

Besinnlich und beschaulich sind die beiden Wörter, die im Dezember inflationär benutzt werden und sonst nur selten. Dabei werden sie schwammig definiert, haben irgendwie mit Entspannung, Tee und Keksen und vielleicht auch mit Familie zu tun, meist auch mit meditativer Musik.

Aber die Wörter heißen viel mehr und im Grunde etwas ganz Anderes.

Besinnlich und beschaulich ist, wer sich darauf besinnt und danach schaut, wo er steht, was er soll und wem er sich und alles verdankt. Das geschieht zum Beispiel bei einer gründlichen Gewissensforschung und bei tiefer Dankbarkeit, es kann auch bei nachdenkendem Lesen, Betrachten oder Hören geschehen – aber nicht im gutbürgerlichen Wohnzimmer beim sanften Geplauder am Kaffeetisch, das oft nur die Besinnungslosigkeit übertüncht.

Besinnlich und beschaulich ist eine Haltung, die sich nach Sinn und Schau sehnt – also nach dem, was nach christlicher Überzeugung wahrhaft himmlisch ist.

Ich wünsche allen besinnliche und beschauliche Tage – und zwar immer, nicht nur im Dezember. In diesem Zusammenhang möchte ich auch behörliche Tage wünschen – solche, an denen man versucht, Gottes Stimme zu hören durch all das Gedudel der Welt hindurch. Leider gibt es dies Wort nicht, ein echtes Manko der sonst so reichen deutschen Sprache.

Sinnen, schauen und hören möchte ich jedenfalls auch über Weihnachten hinaus und hoffe, daß es mir oft gelingt. Dabei kann übrigens auch Weltliteratur helfen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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