Die Heilige Familie und die Nerven

Weihnacht ist ein schönes Fest – war es für mich auch in meiner „vorchristlichen“ Zeit in agnostischer, Weihnachten als schönes Familienfest begehender Familie. Die Schönheit des Festes mit Baum und Geschenken und Liedern und Festmahl wurde trotz gelegentlicher saftiger Famlienkräche unter dem Weihnachtsbaum nicht in Frage gestellt – und schön war es in der Tat auch in familiär schwierigsten Zeiten.
Ich wurde Christin und sah mich zu Weihnachten in einer seltsamen Zwickmühle: kirchenferne Eltern und Kirche konnten nicht vereint werden, mir bedeuteten aber sowohl Kirche als auch Vater und Mutter viel. Also ging ich am Heiligen Abend meistens, nicht immer, zur Kirche nach ausgiebigem familiärem Fest, am Weihnachtstag war ich irgendwann nach dem Hochamt in aller Regel bei den Eltern und am Stephanstag schwänzte ich die Kirche und verbrachte den Tag in familientraditioneller Weise bei den Eltern.

Meine Hinwendung zum Christentum, meine Taufe samt allen Konsequenzen wurde in der Familie zunächst mit Unverständnis und Angst erlebt. (Ja, wenn ich wenigstens Protestantin geworden wäre! Aber katholisch…) Der Begriff Heilige Familie hatte deshalb lange Zeit einen schalen Beigeschmack für mich. Familie hieß für mich: eine die Religion vollständig ablehnende Sippe auf der einen Seite, ich als mich ganz und gar nicht heilig fühlende überzeugte Katholikin auf der anderen Seite, und beide Seiten durch Liebe, aber mit seltsamen Beimischungen von Abhängigkeit, verbunden. Außerdem nahm ich die piefkige, nazarenerkitschige Darstellung der Heiligen Familie übel auf. Es machte mich zornig, wenn die Heilige Familie als ein Sonnenschein des Familienglücks dargestellt wurde.

In der Tat ist von der Heiligen Familie keine einzige harmonische Szene reinen Familienglücks überliefert.
Die Verkündigung an Maria – du wirst schwanger, aber nicht von deinem Verlobten und überhaupt nicht auf irgendwie normale Weise.
Josef, der plant, Maria zu verlassen, und nur durch einen Engel davon abgehalten wird.
Die Geburt in einem Notquartier auf einer erzwungenen Reise.
Die Darstellung im Tempel: Ja, Maria wird gesegnet, Simeon jubelt – und er verheißt ihr, daß ein Schwert durch ihr Herz gehen wird.
Der zwölfjährige Jesus geht im Gewühl verloren, wird wiedergefunden und äußert sich geradezu abweisend seinen Eltern gegenüber.
Später hält die Familie den jungen Jesus für verrückt.
In Kana weist Jesus die drängende Maria auf ein Wunder sehr harsch ab, ehe Er das Weinwunder doch vollbringt.
Später erteilt Er Seiner Mutter und weiteren Verwandten eine Abfuhr mit dem Hinweis, Seine eigentliche Familie seien andere.
Und zuletzt muß Maria ihren gefolterten Sohn nackt am Kreuz hängend elend sterben sehen. Erst hier ist eine fürsorgliche und freundliche Äußerung Jesu zu Seiner Mutter verbürgt – der Auftrag an sie und Johannes, einander Mutter und Sohn zu sein.
Wie eine intakte Familie wirkt erst die Gemeinschaft der Jünger nach Ostern, einmütig im Gebet, samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. (Apg. 1,14)

Heute feiere ich mit wachsender Begeisterung die Heilige Familie und denke an sie als die Familie, die in allen Nöten fest in Gottes Hand steht. Zudem ist meine Heilige Familie die katholische Kirche, in der ich zu Hause bin, auch wenn ich mich nicht mit jedem Familienmitglied gleich gut vertrage und auch wenn es hie und da Streit gibt (vielleicht sogar zu Weihnachten). In diese schöne, große, frohe, heilige Familie wurden heute beim Hochamt in St. Marien in Berlin-Friedenau zwei nicht mehr ganz junge Frauen, Konvertitinnen aus der protestantischen Kirche, aufgenommen. Willkommen in der Familie!
Und meine evangelischen Freunde mögen mir verzeihen, daß ich mich einfach freue. So ist Familie halt.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Die Heilige Familie und die Nerven

  1. theomix schreibt:

    „…meine evangelischen Freunde mögen mir verzeihen“. Kein Problem, wir lieben auch die Geschwister, die meinen, sie wären in einem Stiefverhältnis zu uns… :mrgreen:

    Fast ernsthafte Antwort:
    Die Heilige Familie nach Markus trägt teilweise schon verrückte Züge.

    Ernsthafte Antwort:
    Warum nicht? Das Bedürfnis nach Heimat ist manchmal so groß, dass sie zum Wechsel der Konfession führt. Dahin, dorthin, die Herkunft war eben nicht Heimat genug.

  2. cassandra_mmviii schreibt:

    Familie sucht man sich bekanntlich nicht aus. Ich habe seit ziemlich vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu großen Teilen meiner „Geburtsfamilie“. Die Strukturen waren irgendwann zu viel für mich.
    So viel Kontakt wie geht ohne sie in Ärger zu bringen zu meinen Stiefschwestern. Tante ist da robuster, die rsikiert den Krach mit meinen Eltern deswegen.

    Weshalb sage ich das? Weil für mich die heilige Familie immer tröstend war in ihrer Imperfektion. Wenn ich „perfekte“ Familien sah wurde ich neidisch, was erstens eine Todsünde ist und zweitens sich nicht gut anfühlte und mir schadete (Zirkelschluß zur Todsünde). Und dann diese grenzwertig dysfunktionale Familie vor Augen zu haben … es war, als würde jesus mir sagen „alles halb so wild, kenne ich“.

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