Statistik über vorgeburtliche Kindstötung

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nahm im dritten Vierteljahr 2014 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 2,4 % ab. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, wurden im dritten Quartal 2014 rund 23 900 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gemeldet.

Knapp drei Viertel (73 %) der Frauen, die im dritten Quartal 2014 einen Schwangerschaftsabbruch durchführen ließen, waren zwischen 18 und 34 Jahre alt, 16 % zwischen 35 und 39 Jahre. Rund 8 % der Frauen waren 40 Jahre und älter. Die unter 18-Jährigen hatten einen Anteil von gut 3 %. Rund 39 % der Frauen hatten vor dem Schwangerschaftsabbruch noch keine Lebendgeburt.
96 % der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen. Medizinische und kriminologische Indikationen waren in 4 % der Fälle die Begründung für den Abbruch. Die meisten Schwangerschaftsabbrüche (67 %) wurden mit der Absaugmethode (Vakuumaspiration) durchgeführt, bei 18 % wurde das Mittel Mifegyne® verwendet. Die Eingriffe erfolgten überwiegend ambulant – rund 78 % in gynäkologischen Praxen und 19 % ambulant im Krankenhaus. 7 % der Frauen ließen den Eingriff in einem Bundesland vornehmen, in dem sie nicht wohnten.

Quelle:Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 16.12.2014

Sinkende Abtreibungszahlen sind natürlich gut. Die absoluten Zahlen allein sind allerdings nicht aussagekräftig über Tendenzen. Deshalb habe ich die Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche aus den Jahren 2006 bis 2013 mit denen der Lebendgeburten aus dem gleichen Zeitraum verglichen.

Schwangerschaftsabbrüche
2006: 119.710 = 15,11% aller Schwangerschaften*
2007: 116.871 = 14,58%
2008: 114.484 = 14,36%
2009: 110.694 = 14,27%
2010: 110.431 = 14,01%
2011: 108.867 = 14,11%
2012: 106.815 = 13,69%
2013: 102.802 = 13,10%
Jahresdurchschnitt 2006-2013: 111.334 = 14,15% aller Schwangerschaften

Jahresdurchschnitt medizinische Indikation: 3.237 = 2,91% aller Abtreibungen
Jahresdurchschnitt kriminologische Indikation: 23 = 0,02% aller Abtreibungen
Quelle

Lebendgeburten
2006: 672.724
2007: 684.862
2008: 682.514
2009: 665.126
2010: 677.947
2011: 662.685
2012: 673.544
2013: 682.069
Jahresdurchschnitt 2006-2013: 675.184

In der Tat ist also nicht nur die absolute, sondern auch die relative Zahl der Abtreibungen in den letzten Jahren stetig, aber sehr langsam gesunken. Immer noch gilt: In Deutschland enden mehr als 13% aller Schwangerschaften durch Abtreibung.

Bitte stellen Sie sich vor, in einem Schlafsaal liegen hundert Kinder. 97 davon sind gesund und wurden in einvernehmlichem Sex gezeugt. Zwei sind behindert. Eines ist gesund und wurde in einer Vergewaltigung gezeugt.
Jemand betritt den Raum und bringt alle hundert Kinder um, ganz ruhig und sachlich, bekommt dafür Geld und geht wieder.
So stellen sich die Abtreibungen dar.

Und nun stellen Sie sich vor, in einem Schlafsaal liegen hundert Kinder, die meisten gesund, einige krank, die meisten einvernehmlich gezeugt und sehr wenige nicht. Jemand betritt den Raum und bringt dreizehn oder vierzehn Kinder um, ganz ruhig und sachlich, bekommt dafür Geld und geht wieder.
So stellt sich dar, wie viele Schwangerschaften durch Abtreibung beendet werden.

Innerhalb von acht Jahren ist die Abtreibungsrate um 2% gesunken. Selbstverständlich freue ich mich, daß sie überhaupt sinkt. Aber so ein richtig großer Sieg des Lebens sind diese Zahlen noch nicht.

—–

*Wenn man die Zahlen Lebendgeburten und die der Abtreibungen addiert, erhält man die Zahl fast aller Schwangerschaften. (In Deutschland enden 0,24% aller Schwangerschaften mit einer Totgeburt; diese Zahl lasse ich außer Acht.) Sicher: Unter den Abgetriebenen sind einige, die wahrscheinlich nicht lebend geboren wären. Da aber die medizinische Indikation bereits bei keineswegs tödlichen Behinderungen greift, und angesichts der immer besseren Chancen, kranke und behinderte Neugeborene am Leben zu erhalten, ist auch hier die Anzahl voraussichtlicher Totgeburten winzig, und man darf sie in einer Statistik vernachlässigen.
So läßt sich errechnen, wie viele Prozent aller Schwangerschaften durch Abtreibung enden.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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26 Antworten zu Statistik über vorgeburtliche Kindstötung

  1. Hartmut Steeb schreibt:

    Die Zahl der Abtreibungen nimmt leicht ab. Das könnte man als erfreuliche Tatsache werten, wenn es gewiss wäre. Zwei Aspekte sind aber noch nicht bedacht: 1. Die Zuverlässigkeit der Statistik. Hier melden die „Täter“ (von ihren Beispielen ausgehend) ihre Taten. Und wenn sie sie nicht melden, geschieht…..gar nichts. Es gibt noch nicht einmal eine Plausibilitätskontrolle zwischen abgerechneten und gemeldeten Zahlen. Und die Täter haben doch ein Interesse daran, die Zahl stetig kleiner werden zu lassen. Oder?
    2. Wir haben mehr als 300.000 Pillen danach verschrieben. Wer also gleich nach dem Geschlechtsverkehr ein ungutes Gefühl bekommt, nimmt auf Verdacht die Pille danach. Sie hat durchaus a) den Effekt, dass ansonsten Kinder geboren würden; b) frühabtreibende Wirkung, wenn im Zeitpunkt der Einnahme bereits die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle erfolgt ist.
    Bleibt zu befürchten: Die Statistik ist geeignet, das wirkliche Ausmaß einschläfernd zu verharmlosen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für diesen Kommentar!
      Das Statistische Bundesamt nutzt ja die Unterlagen von Krankenhäusern und Praxen. Ich vermute – vielleicht blauäugig -, daß die Abrechnungen tatsächlich ziemlich genau wiedergeben, worüber abgerechnet wurde.
      Daß es eine Dunkelziffer gibt, habe ich deshalb nicht berücksichtigt, weil sie eben „dunkel“, also spekulativ ist, ich aber mit wenigstens einigermaßen sicheren Zahlen arbeiten möchte.
      Die „Pille danach“ ist nicht in diese Statistik eingeflossen, das stimmt und ist leider nicht zu ändern. Ob sich die Statistik, wenn man dies einberechnen könnte, signifikant ändern würde, kann ich nicht beurteilen.

      Mir sind die Zahlen völlig schrecklich genug und keineswegs „einschläfernd“, wie ich an dem Beispiel mit den Kindern im Schlafsaal anschaulich gemacht habe.

      Und natürlich ist jedes einzelne getötete Kind eines zu viel.

      • Hartmut Steeb schreibt:

        Völlig einverstanden: jedes getöte Kind ist eins zu viel. Trotzdem befürchte ich ein Interesse der Abtreiber, die Zahl niedriger zu halten. Die Statistik wird in den Krankenhäusern und Arztpraxen unabhängig vom Abrechnungsmodus geführt. Und es wäre noch vieles auszuführen, vgl. die Angaben zur Statistik im Link zur Stiftung Ja zum Leben http://www.ja-zum-leben.de/de/seiten/fakten/abtreibungszahlen.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Die dort gezeigten Zahlen (Dank für den Link!) sind nicht allzu verschieden von den hier angegebenen und errechneten Zahlen.
        Allerdings finde ich interessant, daß die Tendenz in der etwas älteren Statistik steigend ist und in dem von mir benutzten Zeitraum fallend – bei gleicher Quelle. Es scheint auch mir eher unwahrscheinlich, daß bei einer gesellschaftlichen Tendenz hin zur Erleichterung von Abtreibungen zugleich tatsächlich weniger abgetrieben wird. Die gesellschaftliche Tendenz nehme ich wahr, wobei ich nicht sicher weiß, ob das zahlenmäßig festzumachen ist oder doch nur an der Lautstärke der Befürworter.
        Jedenfalls fällt bei der älteren und der neueren Statistik auf, daß bei häufigerer Benutzung der „Pille danach“ sinkende Abtreibungszahlen genannt werden – trotz der eindeutigen Problematik.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        Könnte es sein, dass die zahlen -absolut und prozentual- sinken weil die Zahl der Frauen in gebärfähigem Alter sinkt und damit die Anzahl derer, die schwanger sinkt? Oder habe ich da die Statistik falsch verstanden?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Cassandra, ja, der Gedanke kam mir auch schon mal. Es bleibt natürlich so, daß die offiziellen Statistiken eine stabile Geburtenrate und sinkende Abtreibungsrate bekanntgeben – wozu Hartmut Steeb sehr Bedenkenswertes geäußert hat.
        Mir scheint es jedenfalls auch plausibel, daß eine wirklich vollständige Statistik über Schwangerschaften, Lebend- und Totgeburten und Abtreibungen (und das ganze ohne jede Schummelei) – in Vergleich zur Altersstatistik gesetzt – noch einmal andere Auskünfte gäbe.

    • Klaus Ebner schreibt:

      Die sogenannten „Pillen danach“ haben in der Abtreibungs-Statistik nichts verloren, da 1. gar nicht sicher ist wie sie wirken, 2. nicht sicher ist in welcher Zahl sie wie wirken und 3. sicher ist,dass sie niemals eine Abtreibung ex lege verursachen können, denn die ist nur nach der Nidation gegeben.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Zunächst einmal: Leben beginnt mit der Befruchtung. Ob das Gesetz das so möchte oder nicht, ist aus biologischer Sicht unerheblich.
        Sodann: Da der Zeitraum zwischen Befruchtung und Nidation „ungefähr“ vier Tage beträgt, es können also auch schon mal zwei oder sechsTage sein, ist bei der Einnahme oft nicht sicher, ob die Nidation bereits stattgefunden hat.
        Selbst wenn nicht: die befruchtete Eizelle verfügt über eine vollständige DNA und teilt sich bereits vor der Einnistung mehrmals. Das heißt, es wird in jedem Fall ein Mensch zu Tode gebracht.
        Dagegen wird oft das Argument verwandt, viele Zygoten kommen gar nicht bis zur Einnistung. Das ist wahr, taugt aber nicht als Argument – denn der zufällige Tod ist mit der absichtlichen Tötung zwar im Effekt, aber nicht in ethischer Hinsicht vergleichbar.

  2. Klaus Ebner schreibt:

    Die Zahlen erscheinen plausibel, die Zahl der Geburten bleibt ziemlich konstant, die Gesamtzahl der Abtreibungen nimmt leicht ab. Die Zahlen zur sogenannten „kriminologische“ Indikation ist m.E. mit Vorsicht zu genießen. Die Tatsache, dass eine Abtreibung mit Beratungsschein vollzogen wurde heißt noch lange nicht dass die Schwangerschaft NICHT das Ergebnis einer Vergewaltigung war. Definiert man Vergewaltigung als Geschlechtsverkehr, der gegen den ausdrücklichen Willen einer Frau vollzogen wird so kann man davon ausgehen, dass weniger als eine von 300 derartigen Taten zu einer rechtskräftigen Verurteilung führt. Die meisten Vergewaltigungen finden im engeren Freundes, Familienkreis oder in der Ehe statt. Frauen denen das passiert, verzichten sehr oft auf die Anzeige weil sie – zurecht – befürchten, dass diese ihnen viel mehr Probleme als Nutzen bringen würde. Ich denke im übrigen dass Abtreibungsgegner mehr Interesse daran haben, die Zahlen höher aussehen zu lassen als umgekehrt. Einer der „prominentesten“ Abtreibungsärzte z.B., Dr. Fiala, stellt die Zahlen in Ö immer extrem hoch dar – um damit für kostenlose Verhütungsmittel zu werben.

  3. Klaus Ebner schreibt:

    Ich muss jetzt wieder von unten beginnen, da es keine Antwortfunktion mehr gibt. Wann das Leben genau beginnt kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Biologe – im Unterschied zu Erich Blechschmidt von dem das Credo „Mensch vom Anfang an“ ja stammt. Im Gegensatz zu Blechschmidt war ich auch niemals Mitglied bei NSDAP, SA oder SS aber das tut ja nichts zur Sache. Aber nun zu Ihrem Einwand: Was das Gesetz möchte ist in diesem Kontext sehr wohl relevant, denn eine offizielle Statistik kann eben nur wiedergeben was gesetzlich definiert ist. Und für das Zustandekommen eines Gesetzes zählt eben nur eine Mehrheit im Bundestag, kein angebliches „Naturrecht“ oder sonst irgendetwas. Deutschland ist eine Republik und kein Gottesstaat.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Es hat weder mit politischer Integrität bzw. dem Mangel daran noch mit einem Gottesstaat zu tun, daß eine Zelle ab Befruchtung eine vollständige DNA hat und sich teilt. Man nennt das Leben. Man muß nicht Biologe sein, um das zu wissen. Man muß ja auch nicht Germanist sein, um zu lesen.
      Daß nun eine sich teilende Zelle Leben ist, hat in der Tat mit keinem Gesetz etwas zu tun. Sonst wäre nämlich eine sich teilende Zelle in Deutschland kein Leben, in Nordirland aber schon.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        Zellteilung ist eins der Kennzeichen des Lebens- das macht man in Bio in der Schule so um Klasse 8 rum das erste Mal.

        Ich bin ja auch keine Biologin, aber mit einem Genetiker verheiratet- habe also den Fachmann griffbereit.
        Genetisch gesehen definiert die DNA den Menschen. Im Labor kann man unterscheiden, ob eine Gewebeprobe vom Menschen stammt oder nicht.
        Wenn noch der ganze Knochen vorliegt, ist das Aufgabe der Anthropologie, also eines Zweiges der Biologie. Ich bin -nur falls die Nazi-Keule kommen sollte- mir übrigens über die Entstehungsgeschichte der universitären Anthropologie in der BRD bewußt. Aber auch Anthropologen benutzen DNA-Untersuchungen. Ohne DNA kommt man in der Biologie heute nicht mehr weit.

        Ich würde -Nazis in der Biologie hin oder her- gerne mal wissen, was eine Zelle mit menschlicher DNA ist wenn kein Mensch. Sonnenblume?

        Das hat nichts mit Gottesstaat zu tun, sondern mit Wissenschaft.

  4. Klaus Ebner schreibt:

    Tut mir leid, es geht in dieser Diskussion nicht ursächlich darum wann Leben beginnt und wann nicht sondern primär darum was in eine sogenannte „Abtreibungsstatistik“ gehört und was nicht. Und da ist die Definition ganz klar Sache des Gesetzgebers. Recht entsteht nun mal durch den repräsentativen Willen des Volkes – solange dieser dem Grundgesetz genügt. Beides ist bei der Definition von Abtreibung als „Maßnahme, die nach der Nidation einsetzt“ vollkommen erfüllt. Und wurde auch niemals vom BVerfG in Frage gestellt.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ob eine Statistik stimmt oder nicht, hängt davon ab, ob alles für die Statistik Relevante darin vorkommt. Wenn der Gesetzgeber etwas Relevantes übersieht, ist die Statistik nur bedingt tauglich. Darum ging es in der Diskussion.
      Ob Leben vor und nach der Nidation beginnt, ist ebenfalls – wie jetzt mehrmals mit logisch unwiderlegbaren Argumenten dargelegt – nicht von der Meinung des Gesetzgebers und des Bundesverfassungsgericht abhängig.
      Es geht hier nicht darum, was in Deutschland allgemeine Meinung von Juristen ist, sondern darum, was stimmt. Und die allgemeine Meinung von Juristen (egal in welchem Land) kann stimmen, muß aber nicht. In diesem besonderen Fall und Land stimmt sie nicht.

    • cassandra_mmviii schreibt:

      Naturgesetze gelten unabhängig vom Gesetzgeber. Der Bundestag könnte morgen die Aufhebung der Schwerkraft beschließen, die Kaffeetasse fiele trotzdem nach unten.

      Außerdem scheinen hier Begriffsunklarheiten zu Mißverständnissen zu führen:
      die Schwangerschaft beginnt mit der Nidation (Einnistung). Das ist biologisch so, selbst wenn der Gesetzgeber das anders sehen sollte. Der Embryo hingegen lebt schon vorher, nämlich ab dem Verschmelzen der beiden Gameten zu einer Zelle mit vollständigem Chromosomensatz.

      Das Gesetz selber definiert übrigens nicht, wann Leben beginnt. Es definiert, unter welchen Bedingungen ein Abbruch straffrei ist.
      Die Statistik erfaßt Fälle, in denen es zu einem registrierten Abbruch gekommen ist.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Da gebe ich Ihnen in jedem Punkt recht. Den Beginn der Schwangerschaft sieht der Gesetzgeber genauso wie die Biologie. Ihren letzten Satz kann ich nur unterstreichen. Das ist auch genau der Grund warum z.B. die „Pille danach“ da nicht verloren hat. Die Statistik dürfe m.E. ziemlich genau sein, denn es gibt weder einen sinnvollen Grund warum eine Frau den Abbruch geheim oder im Ausland machen sollte noch gibt es einen vernünftigen Grund dafür warum ein Arzt einen Abbruch unter einer falschen Verrechnungsziffer abrechnen sollte. Steuertechnisch macht das ja keinen Unterschied..

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Interessant ist in diesem Fall übrigens das deutsche Erbrecht. Es sieht vor, daß ein Mensch ab Zeugung erbberechtigt ist – beim Tod des Vaters vor Geburt des Kindes hat das Ungeborene bereits einen potentiellen, ab Geburt einen tatsächlichen Rechtsanspruch auf das Erbe. Das bedeutet: Es wird zurückgerechnet, wann die Zeugung wahrscheinlich stattgefunden hat. Nicht die Nidation und nicht der dritte Monat, sondern die Zeugung ist für das Erbrecht relevant!
    Warum nun im Strafrecht andere Maßstäbe gelten sollen, erschließt sich mir nicht. Meines Wissens dürfen Gesetze eines Staates einander nicht widersprechen.

    • Klaus Ebner schreibt:

      Es ist in der Tat nichts ungewöhnliches, dass sich Rechtsnormen gegenseitig widersprechen. Das ist ja auch z.B. im Vergleich von Embryonenschutzgesetz und Abtreibungsstrafrecht so. Strafrecht und Zivilrecht sind eben zwei unterschiedliche Dinge. Die Tatsache, dass der Staat anerkennt, dass eine befruchtete Eizelle menschliches Leben ist bedeutet noch lange nicht, dass er diese auch mit den Mitteln des Strafrechts schützen muss. Ebenso bedeutet die Tatsache, dass die Verfassung zwischen geborenem und ungeborenem Leben keinen Unterschied kennt noch lange nicht, dass der Gesetzgeber hier keinen Unterschied machen kann. Zum Beispiel: die absichtliche Tötung eines Ungeborenen ist in Deutschland ein Vergehen und kann auch mit Geldstrafe bestraft werden. Die absichtliche Tötung eines Geborenen ist automatisch ein Verbrechen und wird in der Regel mit einer unbedingten Haftstrafe belegt.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Das ist mir durchaus klar. Es IST so, obwohl es nach Recht und Logik nicht so sein DARF. Auch nicht nach dem Recht! Denn das Recht sieht keinen Selbstwiderspruch vor, d.h. wenn es einen solchen Selbstwiderspruch gibt, ist er nicht rechtens.
        Hiervon völlig abgesehen, geht es weder im Ausgangsartikel noch im Anfang der Diskussion um die Rechtslage oder die Sicht des Gesetzgebers – sondern um die Tötung von Kindern und sonst nichts.

    • cassandra_mmviii schreibt:

      Das Problem ist, dass kein Biologe bestreitet, dass es sich um menschliches Leben handelt, Gesetzgeber aber Politiker sind, nicht Wissenschaftler.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Man muß kein Wissenschaftler sein – ich bin es auch nicht – um zu wissen, daß man nicht töten darf. Abgesehen davon gehört zu den Pflichten des Gesetzgebers, sich kundig zu machen über die Dinge, die er gesetzlich zu regeln hat. Tut er das nicht, so hat er seine Arbeit nicht geleistet.
        Ein Schüler, der sich dauerhaft so benimmt, fliegt von der Schule. Ein Arbeitnehmer, der sich dauerhaft so benimmt, verliert die Arbeit. Nur wenn die Arbeit in höchster staatlicher Position ist, soll sie erhalten bleiben? Find ich falsch.

      • cassandra_mmviii schreibt:

        Nein, man muß kein Wissenschaftler sein, aber es hilft 🙂
        Nicht weil man unabdingbare Spezialfachkenntnisse mitbringt, sondern ein Verständnis für die Grenzen des Gesetzgebungsverfahrens und der Demokratie. Manche Dinge kann der Gesetzgeber entscheiden (Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn), andere nicht (Schwerkraft). Eigentlich klar.

        Dummerweise unterscheiden das viele Menschen nicht (außer bei der Schwerkraft vielleicht); etwas ist so wie die Gesetzeslage es sagt.
        Beispiel: Homosexualität ist keine Krankheit, wenn sie es wäre, stünde sie ja im ICD (International Code of Diseases). Ja, verflixt, vor ein paar Jahren stand sie noch da, war sie da eine Krankheit?
        Post-Abortion-Syndrom kann es nicht geben weil es nicht im ICD steht. Und wenn es da nun stünde?

        Etwas kann, wenn es legal ist, nicht falsch sein im Bewußtsein vieler Menschen. Weder sachlich falsch noch moralisch falsch.
        Und da kommt wieder die Frage nach der Wissenschaft: eine Wahrheit, die nicht dem Willen der Mehrheit unterworfen ist. Das teilt sie mit Glauben und Religion.

        Man kann völlig legal einen Völkermord begehen. Richtig ist es damit allerdings noch lange nicht.

  6. Klaus Ebner schreibt:

    Soweit ich nachvollziehen kann ging es im ersten Posting um die Frage ob die Statistik korrekt ist oder nicht. Aber dazu ist wohl alles gesagt worden. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich bin weder Biologe noch Jurist noch Moraltheologe. Ich forsche im Bereich der Politikwissenschaft und hier derzeit in der Frage inwieweit Lobbygruppen wichtige sozialpolitische Entscheidungen beeinflussen können. Es steht außer Frage, dass die Debatte rund um die Einführung der Fristenlösung in Österreich und den Paragraf 218 in Deutschland zu den wesentlichen Debatten des ausgehenden 20. Jahrhunderts gehörten. Sie führte letztlich zu zwei großen Verwerfungen bzw. Irritationen. In Österreich zwischen der katholischen Kirche und der christdemokratischen Partei (ÖVP) und in Deutschland zwischen dem Bundestag und dem Bundesverfassungsgericht. Mich interessiert hier für die Forschung vor allem die Haltung der katholischen Kirche in dem Konflikt und deren Einflussnahme auf Entscheidungsträger. Aber das ist ein langes Thema. ich finde Ihren Blog gut gemacht übrigens, auch wenn ich nicht immer Ihrer Meinung bin.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Letzteres freut mich. Belassen wir es dabei – wir sind uns in dem diskutierten Punkt nicht einig – damit können wir leben. 🙂

    • cassandra_mmviii schreibt:

      Die Statistik hat einen Haken: sie erfaßt die Frühabtreibungen per „Pille danach“ nicht. Das ist ein methodisches Problem: da die PD „blind“ verordnet wird, weiß keiner, wie viele der Frauen, die sie eingenommen hatten, damit eine befruchtete Eizelle abstießen.
      (Historikerin und Nebenfachskulturanthropologin)

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