Eine unerwünschte Fahne

Bei dem Attentat in Paris wurden Menschen ermordet, weil sie Satiriker waren und von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch machten (oder sich aus anderen Gründen im Gebäude von Charlie Hebdo aufhielten – einer als Besuch und einer als Raumpfleger). Mehrere mußten sterben, weil sie Polizisten (und ein Personenschützer) waren, retten und schützen wollten. Vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt mußten deshalb sterben, weil sie Juden waren. Denn das Attentat richtete sich nicht willkürlich gegen irgendwen, sondern gezielt gegen Journalisten und Juden sowie gezielt gegen Menschen, die retten und helfen wollten (auch wenn letztere vor allem deshalb ermordet wurden, weil sie den Tätern im Weg standen).

Die gestrige Mahnwache auf dem Pariser Platz galt den Opfern. Es wurde der Versuch unternommen, die israelische Fahne aus der Versammlung zu verbannen. Ich hatte das nicht gemerkt (es war ja nicht eben übersichtlich), aber auf dem Gesichtsbuch fand gestern eine absonderliche Diskussion statt, die ich auszugweise wiedergebe. Der Autor des Beitrags, Walter Schmidt, ist damit einverstanden.

Die Tricolore, die Berliner Flagge und die Europafahne waren mehrfach deutlich sichtbar. Ich sah tatsächlich auch die israelische Flagge – einmal als Wimpel und mehrmals als Umhang getragen. Der Versuch, dies zu unterbinden, fand jedoch eindeutig statt.

Ja sicher – eine in der Hand gehaltene Flagge kann man ja ganz einfach auf Halbmast hissen.

Es darf auch um Juden getrauert werden, die deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren. Oder?

Die Diskussion war sehr lang, und erfreulicherweise wurde auch oft gesagt, daß die israelische Fahne als Symbol für die ausschließlich wegen ihres Judentums ermordeten Juden mit voller Berechtigung gezeigt wurde. Daß aber überhaupt so eine Diskussion entbrennt, ist schlimm genug. Da zeigt ein Mensch mit deutschtümelndem Aliasnamen offenen Judenhaß, und führt der Veranstalter als Argument gegen die israelische Fahne die Religionsfeindlichkeit der ermordeten Satiriker ins Feld, da kritisieren andere die israelische Fahne als Staatssymbol, obwohl das französische Staatssymbol selbstverständlich gezeigt wurde, da wird einem Juden, der die ermordeten Juden ehrt, unterstellt, die anderen Mordopfer seien ihm gleichgültig.

Ich habe an der Mahnwache teilgenommen im vollen Bewußtsein, daß dort zahlreiche Menschen sein würden, die jede Religion verachten. Es ging mir darum, die Toten zu ehren, den Verletzten und Trauernden meine Sympathie entgegenzubringen sowie den Terroristen und ihren Sympathisanten wenigstens symbolisch entgegenzutreten. Es ist hierbei gleichgültig, ob mir das Werk der Opfer gefällt oder nicht. Das macht sie nicht weniger tot und nicht weniger ehrenwert in ihrer Eigenschaft als Menschen.

Es ist auch klar, daß in einer großen Gruppe immer auch Menschen sind, die ich nicht mag. Aber nach diesem Erlebnis fürchte ich, zur Teilnahme an Solidaritätsveranstaltungen werde ich künftig weniger leicht geneigt sein. Denn ich will nicht in einer Reihe mit Antisemiten stehen.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Eine unerwünschte Fahne

  1. Heike Pohl schreibt:

    Die vielen, vielen, vielen Kommentare – insbesondere zu Themen wie wie diesem – zeigen auf so erdrückende Weise, wie und was viele Menschen denken. Weil sie so spontan fallen bzw. geschrieben werden, zeigen sie überdies, wie inhaltlich unvorbereitet viele in „Gespräche“ gehen und sich dort behaupten wollen. Für mich persönlich ist es gänzlich schleierhaft, wie man so oder ähnlich denken kann. Vielleicht gehöre ich auch deshalb bewusst keiner Religionsgemeinschaft an, weil mich das erst gar nicht in die Situation bringt, andere ausgrenzen zu können oder zu wollen. Ich betrachte quasi alle aus einer Art neutraler Perspektive und versuche herauszufinden, wer sich nach meiner Auffassung am humansten gebiert.
    Ich weiß, dass du ein durch und durch aufrichtiger Mensch bist, Claudia. Und dass dein Glaube deiner Herzensüberzeugung und -bildung entspricht. Mich entsetzen aber auch viele mitgelesene Gespräche unter Katholiken, die aus ihrer Überzeugung heraus dazu tendieren, sich über andere zu erheben, und wenn es nur über das eigene und meist deutlich höhere Bildungsniveau geschieht.
    Ich weiß gar nicht wirklich, was ich mir wünsche, wenn ich so was lese, wie da oben. Vermutlich am ehesten, dass die, die das sagen, in ihrem Leben niemals in Positionen gelangen werden, in denen sie mehr zu entscheiden haben, als über die eigene Tankfüllung oder Menue 2 oder 3 beim Chinesen. 😦

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Liebe Heike, das ist nun das erste Mal, daß Du in aller Freundlichkeit einen ungerechten Kommentar geschrieben hast.
      Dummes und Böses Zeug schreiben, oft, und auch zu diesem Thema, ist kein Proprium religiöser Menschen – wie Du ebenfalls an den vielen Kommentaren ablesen kannst. Gerade zu diesem Thema sind entschiedene Katholiken weit eher geneigt, gegen solche Äußerungen wie die des Kommentatoren „Teutron“ eindeutig anzugehen.
      Was das Prahlen mit Bildung angeht, so ist das eine leider sehr häufige und weltanschaulich neutrale Sache. Ich zähle nicht mehr, wie oft mir an den Kopf geworfen wurde, Christen seien unwissende Dolme.

      Vielleicht gilt es hier, ein sehr verbreitetes Vorurteil zu bekämpfen. Zum Christentum gehörte niemals der Glauben, daß der einzelne Christenmensch besser sei als als andere. Ich bin nicht Christ, weil ich gut bin, sondern weil Jesus gut ist.

Kommentare sind geschlossen.