Postume Gemeinschaftsarbeit

Nachdem ich gestern eine literarische Plauderei meines Facebook-Freundes Rainer Laabs über Hilaire Belloc verpaßt habe, sie aber erfreulicherweise als Video doch noch hören konnte, habe ich mir eine unvollendete Arbeit meines Vaters vorgenommen.
Er hatte eines der höchst schrägen parodistisch-moralisierenden Kindergedichte übertragen. Diese Übersetzung habe ich nun überarbeitet und zu Ende gebracht.

Hilaire Belloc
Mathilde, welche Lügen erzählte und verbrannte

Mathilde log so grauenvoll,
Daß jedermann die Galle schwoll.
Die Tante, die die Wahrheit liebte
Und sie seit Kindesbeinen übte,
Mathilden gern vertrauen wollte,
Was beinah tödlich enden sollte –
Gekommen wär es fast so weit
Durch übergroße Duldsamkeit.

Denn eines schönen Abends fiel
Mathilden ein, die müd vom Spiel
Sich sah allein im Haus, zu schleichen
Zum Telephon, um zu erreichen
Londons hochedle Feuerwehr.
Sie kam zu schneller Hilfe her:
In einer Stund‘, aus fernsten Weiten
Strömt tapfre Schar von allen Seiten,
Mit heißen Herzen und voll Mut
rast durch die Stadt sie mit Getut,
Und wieder in Galopp und Trab,
Und brüllt: „Mathildes Haus brennt ab!“
Befeuert von der wilden Menge
Mit „Hoch“ und „Heil“, bahnt durchs Gedränge
Sie sich den Weg voll Mut und Rage
Auf Leitern bis zur Beletage,
Voll Eifer spritzt die Wasserbrause
Gemälde ab im ganzen Hause,
Bis Tildens Tante machte schlüssig,
Daß diese Mühe überflüssig.
Doch erst muß sie die Börse zücken,
eh sie bereit sind abzurücken.

Und dies geschah nach ein paar Wochen:
Die Tante war grad aufgebrochen,
zum spannungsvollen Bühnenstück
„Die zweite Frau“. Doch blieb zurück
Auf Tantes Wunsch die böse Nichte,
Sah nicht die spannende Geschichte –
Was klug, gerecht und wohlerwogen
als Strafe, weil sie so gelogen.
Nun brach das Feuer wirklich aus.
Mathilde schreit durchs ganze Haus.
Wie sie auch heulte, wie sie brüllte,
Das Fenster aufriß und erfüllte
Passantenohren mit Gekreische,
Voll Hoffnung, daß sie doch noch heische
Vertrauen, da sie schmerzlich merkte
Die Hitze, die sich schnell verstärkte –
Umsonst! Sie schrie: „Das Haus brennt nieder!“
Man sagte nur: „Sie lügt schon wieder!“
Heimkehrend ihre Tante fand
Mathilde und das Haus verbrannt.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Postume Gemeinschaftsarbeit

  1. Karl Eduard schreibt:

    Oh mein Gott, was für ein Drama.

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