Die Aufgeklärten, die Religiösen und die Hoffnung

Ich wurde gebeten, meine Ansicht zu einer Buchvorstellung von Michael Schmidt-Salomon zu äußern. Ich habe mir das Video, in dem er sein Buch Hoffnung Mensch vorstellt, angeschaut, obwohl es über vierzig Minuten dauert und schon acht Monate alt ist, und ich bemühe mich, mir nicht schon dafür eine Auszeichnung für besondere Geduld zu verleihen.

„Solange die Menschen glauben konnten, daß die Ungerechtigkeit … durch eine jenseitige Gerechtigkeit aufgehoben würde…“
In diesem Tonfall sagt Schmidt-Salomon mehrmals implizit aus: Heute, in der aufgeklärten Zeit, können Menschen das ja nicht mehr glauben.
Das heißt: die Mehrheit der Menschen ist lt. Schmidt-Salomon nicht im Vollsinn Mensch. Das wird er gewiß nicht so gemeint haben, aber seine mehrmals wiederholte Formulierung läßt tief blicken. Er sagt nämlich nicht, daß aufgeklärte Menschen keine Religion brauchen, sondern daß Menschen wegen der Aufklärung keine Religion brauchen. Er sagt also nicht, es gibt aufgeklärte areligiöse und unaufgeklärte religiöse Menschen, sondern, es gibt einerseits Menschen, die sind aufgeklärt, und andererseits noch irgendwas, die sind religiös. Ich nehme einem Menschen, der so gut mit Sprache umgehen kann wie Schmidt-Salomon, nicht ab, daß das ein Versehen ist.

Religion ist für ihn der Rettungsring, aus dem längst alle Luft entwichen ist. Ja klar, er versteht die armen Gläubigen, man fühlt sich tröstend getätschelt. Religion als Teddy im Bett, als hoffnungsvolle Illusion.
Nun, all die großen Errungenschaften, die er so lobt, wären ohne diese hoffnungsvolle Illusion gar nicht möglich gewesen!

Was er das humanistische Projekt nennt, ist alles mögliche, aber nicht humanistisch. Die großen Humanisten des Anfangs waren alle gläubige Christen – allen voran Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus.

Daß die Natur „kein Wunschkonzert“ ist und der Mensch nicht aufgrund menschlicher Hoffnung gut wird, weiß die Religion längst, da sagt er nichts Neues (auch wenn er das annimmt). Daß der Mensch Gutes und Böses tun kann (und die Menschheit von beidem reichlich Gebrauch macht), sagt niemand so klar wie die katholische Kirche.

Soziale Experimente ergeben, daß Menschen besser nachahmen können als Schimpansen, und daß sie sogar zwecklose und unpraktische Dinge nachahmen. Daß das etwas über die höhere Intelligenz sagt, wie er erläutert, ist einleuchtend – und interessant, aber bekannt. Daß die kulturelle Evolution sonderbar verlaufen ist, wußte man auch bereits. Schmidt-Salomon gibt hier vor (ihrer Ansicht nach) höchst gebildeten Erwachsenen Sachbuchwissen für Grundschüler wieder.

Oh ja, und selbstverständlich ist klassische Bildung kein Garant für menschliche Güte. Aber auch das wußte ich und wußte die Katholische Kirche bereits vor Schmidt-Salomon, und ich bilde mir nicht ein, die Entdeckerin dieser aufregenden Tatsache zu sein.
Ja, er sieht die Bedeutung der Kunst. Aber wenn er diese Bedeutung sieht und erklärt, zugleich aber die Religionen in Bausch und Bogen als Illusionen bezeichnet, die es zu überwinden gilt, so ist er unlogisch. Denn es gibt keine einzige künstlerische Entwicklung, die nicht zutiefst religiös ist. Als ein Freund und Bewunderer der Künste und aller kulturellen Errungenschaften nimmt er an, daß das, was er bewundert und liebt, aufgrund einer Illusion entstanden ist, die es zu überwinden gilt.

Die Vorstellung, daß Gott der Schöpfung einen Anfang und ein Ende gesetzt hat, der Mensch dies Ende aber bittschön nicht selbst zu bewirken und zu beschleunigen hat, ist ihm so fremd, daß er nicht einmal darauf kommt, es könne von anderen als ihm je gedacht worden sein. Damit zeigt er seine vollkommene Ahnungslosigkeit zumindest hinsichtlich des Christentums. Daß Gott, „wenn es Ihn denn gibt“, den biologischen Tod und das Ende dieser Welt eingeplant hat, gilt ihm als Beweis für die Unsinnigkeit des Glaubens an einen Schöpfer.
Er setzt daraufhin den Menschen an die Stelle Gottes. Nicht durch Gnade, sondern durch eigene Fähigkeiten des Menschen ist die Erde noch am Leben. Er läßt aber den Gedanken nicht zu, daß die Entwicklung der Fähigkeiten und ihr Gebrauch zum Guten zugleich Gnade und Aufgabe sind. Daß genau dies von der Kirche gelehrt wird, ist ihm nicht in den Sinn gekommen.

Was er am Ende über scheinbar gescheiterte Existenzen und ihre tatsächliche Wirkmächtigkeit sagt, ist gut und wahr. Daß er dabei sehr selektiv vorgeht und ganz bewußt nicht einen der unzähligen religiös geprägten Menschen nennt, die kultur- und fortschrittschaffend weit über ihren Tod hinaus sind, obwohl sie in ihrem irdischen Leben scheiterten, sei ihm verziehen. Auch ich gehe selektiv vor, wenn ich sage: Jesus wurde als noch junger Mann gekreuzigt, Ihm folgte ein unübersehbares Heer von Blutzeugen, und jeder einzelne dieser Zeugen, nach irdischen Maßstäben gescheitert, trägt bei zum Leben der Kirche. Edith Stein, Maximilian Kolbe, Karl Leisner und Dietrich Bonnhoeffer und viele andere starben für den Glauben und gingen auf den Spuren eines ursprünglichen, wahrhaften, christlich geprägten Humanismus. Dazu kommt die ebenso unübersehbare Menge an bildenden Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Philosophen christlicher Prägung, sowie an Menschen, die aus christlicher Überzeugung mehr oder weniger unauffällig das Ihre tun, um anderen zu helfen. Daß die Kirche von Anfang an kulturschaffend war, dürfte selbst dem Kunstfreund Schmidt-Salomon bekannt sein. Daß Universitäten eine christliche Erfindung sind, weiß er vielleicht nicht. Daß der von ihm so geliebte Cicero ohne die Fleißarbeit hunderter christlicher mittelalterlicher Scriptoren nicht mehr bekannt wäre, ist ihm vielleicht entgangen, ebenso wie die Tatsache, daß die Vererbungslehre erst nach ihrer viel späteren Bestätigung durch nicht religiös geprägte Menschen (darunter der Eugeniker Ronald Aylmer Fisher, der im Gegensatz zum Mönch Gregor Mendel zahlreiche Auszeichnungen erhielt) anerkannt wurde und die von dem Priester Georges Lemaître entwickelte und von Papst Pius XII. anerkannte Urknalltheorie von Zeitgenossen als christlicher Unfug verworfen wurde.

Ich nehme Schmidt-Salomon ab, daß er ein starkes Empfinden für Gerechtigkeit hat, daß er unter Ungerechtigkeit leidet (auch wenn er Gerechtigkeit vermutlich etwas anders definiert als ich). Aber ich sehe auch, daß er unerträglich eitel ist und keine Meinung neben seiner duldet – und daß er die Mehrheit der Menschen wegen ihres Glaubens für unterbelichtet hält. Ich nehme zudem wahr: Er sieht die ungeheuren kulturellen Leistungen der Menschheit – und tut so, als wären sie ohne Religion möglich gewesen. Sie sind aber wegen der Religion möglich gewesen.

Schmidt-Salomon sagt an anderer Stelle, Respekt vor religiösen Gefühlen sei nicht erforderlich. Hier stimme ich ihm zu. Ich pfeife auf seinen Respekt. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt – und damit bin ich auf Respekt von Seiten eines Atheisten nicht angewiesen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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