Bishoy, Samuel und Beshir

Beshir, der Bruder zweier von IS-Terroristen ermordeten Märtyrer – Bishoy Istifanous Kamel und Samuel Istifanous Kamel – wurde zu einem Fernsehinterview von Sat7Arabic geladen. Das Interview wurde über Telephon geführt. Es findet in arabischer Sprache statt, und die Untertitel sind Englisch. Ich habe sie wiederum ins Deutsche übertragen. Das Wort Habib – neben shukran, Dankeschön, das einzige Wort Arabisch, das ich verstehe – im Englischen mit Dear wiedergegeben, zu Deutsch „mein Lieber“ – wird vom Interviewer immer wieder benutzt; es ist anders als in unserem Sprachgebrauch ganz ohne Herablassung gebraucht, wirklich als freundliche Zuwendung. Unschärfen sind bei der Übersetzung einer Übersetzung sicher unvermeidlich, aber es bleibt ein eindrucksvolles Dokument des Glaubens. Nehmen wir uns ein Beispiel daran.

Interviewer: Beshir ist der Bruder eines der in Libyen ermordeten Opfer. Erzähl mir über deine Gefühle, Beshir. Erzähl mir von deinem Bruder, deinem Glauben, darüber, was du von Gott erwartest.

Beshir: Es ist nicht nur ein Bruder – ich hatte zwei!

Interviewer: Oh, mein Lieber… fahr fort.

Beshir: Zwei Brüder – der Märtyrer Bishoy Istifanous Kamel und der Märtyrer Samuel Istifanous Kamel. Ich bin stolz auf sie!

Interviewer: Oh, mein Lieber… Bishoy und Samuel.

Beshir: Bishoy und Samuel. Bishoy ist 25 Jahre alt, und Samuel ist 23 Jahre alt. Sie sind der Stolz der Christenheit, und sie sind auch mein Stolz. Sie lassen mich erhobenen Hauptes und voll Stolz gehen.

Interviewer: Mein Lieber – dein Glaube ist groß! Erzähl uns mehr über deinen Glauben und deinen Stolz. Wir möchten von dir lernen!

Beshir: ISIS hat uns mehr gegeben, als wir erbeten haben, als sie die Stelle ungekürzt ließen, wo sie ihren Glauben bekannten und zu Jesus Christus riefen.

Interviewer: Ja.

Beshir: ISIS hat uns geholfen, unseren Glauben zu stärken.

Interviewer: Großartig.

Beshir: Ja, glaub mir!

Interviewer: Dein Glaube ist groß…

Beshir: Ich danke ISIS, weil sie den Ton nicht geschnitten haben, als sie schrien und ihren Glauben bekannten.

Interviewer: Großartig, mein Lieber. Sag mir, wie es deiner Familie geht.

Beshir: Glaub mir, wenn ich dir sage, daß die Leute hier glücklich sind und einander beglückwünschen. Sie sind nicht voll Trauer, sondern beglückwünschen einander, daß so viele aus unserem Dorf als Märtyrer gestorben sind. Wir sind stolz auf sie!

Interviewer: Ich wüßte gerne, wie du dich gefühlt hast, als du von den Luftschlägen hörtest, und als du die Leichen der toten ISIS-Leute sahst.

Beshir: Ich werde es dir ehrlich sagen.

Interviewer: Bitte, mein Lieber.

Beshir: Seit der Zeit der Römer wurden wir als Christen ins Visier genommen, um das Martyrium zu leiden. Das hilft uns nur, eine solche Krise zu ertragen, denn die Bibel sagt uns, unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns verfluchen. Trotzdem waren die Luftschläge eine gute Antwort der Regierung nach so langem Warten, nachdem unsere Brüder verschwunden waren und wir nicht wußten, wo sie waren. Aber wären sie ermordet worden, gleich nachdem sie gefangengenommen waren, hätten wir keinerlei Vergeltung gewollt. Nur diese lange Zeit, als wir nicht wußten, wo sie waren, berechtigte aus unserer Sicht die Luftschläge.

Interviewer: Dein Glaube ist groß, Beshir. Ich möchte dich etwas über deinen Glauben fragen.

Beshir: Bitte.

Interviewer: Würde es dich erschüttern, oder würde es jemanden aus deiner Famlie erschüttern, wenn wir um Vergebung bitten für die, die deine Brüder ermordet haben?

Beshir: Vergebung für wen?

Interviewer: Für jene, die erschlagen und ermordet haben.

Beshir: Heute hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter und fragte sie, was sie tun würde, wenn sie einen von den ISIS-Leuten auf der Straße sähe. Sie sagte folgendes – und ich wiederhole das ehrlich und nicht bloß, weil ich auf Sendung bin! Sie sagte, sie würde ihn nach Hause einladen, weil er uns geholfen hat, ins Himmelreich zu kommen.

Interviewer: [einen Moment lang sprachlos] Wie schön!

Beshir: Glaub mir, das waren die Worte meiner Mutter!

Interviewer: Ich glaube dir, mein Lieber, ich glaube dir.

Beshir: Und sie ist eine ungebildete Frau, über sechzig Jahre alt. Ich fragte sie: Was wirst du tun, wenn du diese ISIS-Leute auf der Straße gehen siehst, und ich sage dir, das da ist der Mann, der deinen Sohn ermordet hat. Sie sagte: Ich werde Gott bitten, daß Er ihm die Augen öffnet, und ich würde ihn bitten, in unser Haus zu kommen, weil er uns geholfen hat, ins Königreich Gottes zu kommen!

Interviewer: Mein Lieber, mit dieser guten Einstellung bitte ich dich, für sie zu beten – für die ISIS-Leute, jetzt, wo du auf Sendung bist.

Beshir: Lieber Gott, bitte öffne ihnen die Augen, damit sie gerettet werden und von ihrer Unwissenheit lassen und von den falschen Lehren, die sie gelernt haben!

Interviewer: Amen, mein Lieber, Amen. Bitte überbringe deiner Mutter, deinen Brüdern, deiner Familie unser Beileid, und auch deinen Nachbarn, die trauern wie wir. Danke, Beshir, danke, mein Lieber.

Beshir: Dank auch dir.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Bishoy, Samuel und Beshir

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