Märtyrer unserer Tage

Vor einem Monat wurden 21 koptische Christen vor laufender Kamera abgeschlachtet. BBC News und Huffington Post berichteten über die Opfer und ihre Familien. Ich habe die Berichte auszugsweise übersetzt und zusammengestellt.

Antsals Mann Samuel Alham Wilson war einer der 21 Märtyrer, deren Ermordung die IS-Schergen inszeniert, gefilmt und auf Youtube veröffentlicht haben. Samuel hinterläßt drei Kinder und eine Großfamilie.
Antsal sagt:

Wir alle bringen Opfer für das Kreuz Christi.
Und wir danken Gott.
Wir waren am ersten und zweiten Tag sehr niedergeschlagen, aber am dritten Tag, nachdem wir zur Kirche gegangen waren und vor dem Kreuz und vor Christus gesungen hatten, fühlten wir so viel Freude, und wir wurden getröstet, und Gott hat Trost und große Gnade in unsere Herzen gelegt.

Maged Soliman Shehata, 40 Jahre alt, stammte aus einer armen Familie. Er war stolz darauf, daß seine älteste Tochter trotzdem die Hochschule besuchen konnte. Für ihn machte das die harte, langwierige, gefährliche Arbeit in Libyen wett. Sein Bruder Emad telephonierte mit ihm wenige Stunden vor der Entführung.

Ich fragte ihn über eine Gruppe entführter Christen, ob man irgendetwas getan hätte, was sie anging. Er sagte, es sei nichts geschehen. Ich warnte ihn davor, nach draußen zu gehen, und er sagte im Scherz: „Gott bewahre mich.“ Und dann sagte er: „Mein Telephonguthaben ist aus.“ Der Satz tut mir wirklich weh. Ich dachte nicht, daß sein Guthaben für immer aus wäre. Es zeigte sich, daß alles vorbei war und sie ihn um 2.30 Uhr entführt haben.

Emad trauert, aber er haßt nicht. Er findet Trost und Hoffnung in dem Glauben, daß Maged und die anderen nun an einem sicheren Ort sind, wo niemand sie verletzen kann. Mit warmem Lächeln sagt er: „Wir sind stolz, daß sie zum Vater in den Himmel gegangen sind.“

Auch zwei Brüder sind unter den Opfern – Bishoy und Samuel Istifanous Kamel – die gehofft hatten, für ihre Hochzeiten zu sparen.

Shinuda Anis, die ihren Bruder in dem Video gesehen hat, sprach vor der Website des Ortes, Vetogate, über ihren Verlust in einer Mischung aus Todesverachtung und Resignation.
„Unser Blut wurde um des Volkes willen vergossen“, sagte sie. Sie kritisierte die ägyptische Regierung, die versäumt hatte, schneller zu handeln. Sie betonte, die Gruppe sei fast zwei Monate vorher entführt worden.

Der 26jährige Samih Salah Shawqi hinterläßt eine Tochter, die er seit ihrer Geburt nicht gesehen hat. Milad Makin Zaki hinterläßt einen dreijährigen Sohn. Mina Fayez Aziz hinterläßt seine alten Eltern.

Maged Soliman Shehata war ein 40jähriger Fahrer, der gehofft hatte, genug Geld für die Erziehung seiner drei Kinder zu verdienen und zudem seine alte Mutter und seine vier Geschwister zu versorgen.

Der 32jährige Hany Abdelmassih Salib liebte seine vier Kinder – drei Mädchen und einen kleinen Jungen – mehr als alles andere auf der Welt, sagt seine Familie. Er war freundlich und lieb, immer mit einem Scherz auf den Lippen. Seine Frau Magda Aziz wird sein Lachen für immer im Gedächtnis behalten.
„Ich glaube, er war ein Engel“, sagte Magda über ihren innig geliebten Mann. „In allem, was er sagte, war ein Gebet.“
Hany wollte nach acht Monaten der Arbeit in Libyen endlich nach Hause kommen. Die unbarmherzige Gewalt und ständig drohende Entführung machten ihn krank und müde. Aber Weggehen war keine leichte Entscheidung. In Libyen gab es Geld, anders als in seinem Dorf, Geld, das er brauchte, um Magda und die Kinder zu versorgen. Aber er entschloß sich, zu seiner Familie nach Hause zu kommen. Er wurde ermordet, ehe er die Möglichkeit dazu bekam.
„Er hat für uns alle gesorgt“, erklärt Magda mit schwacher Stimme. Die Frauen um sie herum nicken zustimmend und lassen ein Photo herumgehen – den lächelnden Vater mit seinem kleinen Jungen.
„Er war so freundlich,“ sagt Magda. „Er hat uns immer umarmt und geküßt.“
Hany hatte zu Neujahr angerufen und wollte mit jedem seiner Kinder sprechen. Er und Magda tauschten zärtliche Worte. Er fragte, ob sie etwas wollte oder brauchte – er werde versuchen, es ihr zu schicken, was immer es sei. Sie antwortete, „Ich will, daß du in Sicherheit bist“. Er bat sie, für ihn zu beten. Sie hat nie wieder von Hany gehört.
In einem Interview sagt sie:

Was ich am meisten vermissen werde, ist, wie er nach Hause kam, und sein Mitgefühl mit uns. Er hat immer nach jung und alt gefragt. Wenn ich eins von den Kindern angeschrien habe, hat er sich über mich geärgert und das Kind in den Arm genommen. Er hat mir gesagt, ich soll die Kinder Glauben und Geduld lehren. Er sagte, ich soll sie nicht anschreien und ein gutes Beispiel für sie sein.

Der 42jährige Tawadros Youssef Tawadros, ein stiller und fleißiger Mensch, hinterläßt zwei Söhne und eine Tochter. Er arbeitete hart, um die Familie zu ernähren. Sein Bruder Bebawi sagt über ihn, er sei am glücklichsten gewesen, wenn die Familie bei ihm war, und er war entschlossen, seinen Kindern ein gutes Leben zu bieten.
Mit Kummer erinnert sich Bebawi an das letzte Telephongespräch, bei dem Towadros ankündigte, er wolle nach Hause kommen. Die Familie riet ihm ab.

Wir haben ihm gesagt, er solle warten, weil sie Jagd auf Christen gemacht haben. Wir haben gesagt, „Wenn du zu Neujahr kommst, ist es gefährlich.

Bedawi versuchte bis zum letzten Augenblick, seinen Bruder zu retten. Er reiste nach Kairo, um in einer ägyptischen Talkshow zu sprechen und auf das Schicksal der entführten Kopten aufmerksam zu machen. Fünf Minuten vor dem Abflug rief ihn ein Priester an. „Mein Beileid“, sagte er, „es ist vorbei. Sie sind tot.“

Abanob Aiad Attia war ein 22jähriger Absolvent einer Handelsschule. Seine Familie sagt, er hatte gehofft, seiner Familie zu helfen und außerdem für seine eigene Hochzeit zu sparen.
„Wir planten, bei seiner Rückkehr nach Ägypten eine Frau für ihn zu suchen“, sagte sein Vater. „Ich habe mich auch darauf verlassen, daß er bei den Kosten für den Haushalt und für die Erziehung seines Bruders hilft“, fügte er hinzu.

Der 24jährige Louka Nagati aus dem Dorf Jabali konnte die Geburt seiner Tochter nicht miterleben, weil er in Libyen war.
„Mein Sohn ist vor anderthalb Jahren nach Libyen gefahren, gleich nach seiner Hochzeit – er wußte noch nicht einmal, daß seine Frau schwanger war, als er auf der Suche nach Arbeit weggegangen ist“, sagte sein Vater.
„Wir hatten ihn seitdem nicht gesehen, und dann kam diese Nachricht. Seine kleine Tochter wurde geboren, und er hat sie nie gesehen, wir haben ihm nur Photos von ihr geschickt.“

Josef Shokry Younan war 24 Jahre alt. Er war ein ruhiger junger Mann mit einem Kinderherzen, sagt seine Familie. Alles, was er wollte, war Arbeit zu finden und eine Familie zu gründen. Aber Arbeitschancen gab es nur im nahen Libyen.
In der Familie haben alle zu Josef aufgeblickt. Seine Schwester sagt, er war neugierig und immer gut gelaunt, trotz der widrigen Lebensumstände der Familie. Sein älterer Bruder Shenouda sagt, er war immer stolz auf ihn. „Er hat nach der Schrift gelebt“, sagt er und hält ein Photo von Josef als jungem Soldaten. „Ich habe gesehen, daß er in seinen letzten Augenblicken stark war.“ Shenouda besteht darauf, daß ein himmlisches Licht auf Josefs Gesicht schien, auch nachdem er enthauptet war. „Und das hat mich getröstet.“
Theresa, seine Mutter, sagt:

Sein älterer Bruder ist noch nicht verheiratet. Im Scherz hat Josef gesagt: „Laß ihn ausziehen und heiraten, und dann bin ich dran.“ Wir haben ein Haus für ihn gebaut, und er ist weggegangen, um den Rest des benötigten Geldes zu verdienen. Die Löhne hier reichen nicht aus. Aber am Ende hat er im Himmel die beste Hochzeit gefeiert.

Nach Angaben des OSZE wird alle fünf Minuten ein Christ um seines Glaubens willen ermordet. Seit dem 15. Februar, dem Sonntag vor Aschermittwoch, seit dem Mord an diesen 21, sind etwa 14.000 Christen ermordet worden.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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