Wider die liturgischen Mätzchen

Ich bin glücklich, zu einer Gemeinde zu gehören, in der die Liturgie in ihrer starken Aussagekraft und Schönheit angemessen vollzogen wird. Ein großer Pluspunkt für Berlin-Friedenau und Wilmersdorf, den auch die jungen Glieder der Gemeinde (nicht nur die Ministranten) schätzen!

In Heidelberg gibt es nun in der Citypastoral den Versuch, die Karfreitagsliturgie dem jungen Volk schmackhaft zu machen. Die Seelsorgeeinheit Heidelberg-Neckartal schreibt auf ihrer Internetseite:

Viernes Santo – Pasión de Cristo Karfreitagsliturgie mit Flamenco

Die Citypastoral der Jesuitenkirche lädt ein zu einer besonderen Karfreitagsliturgie am 3. April um 20.00 Uhr in die Jesuitenkirche mit der Compañia „Cristina West y Pepe – Flamenco“. Im Mittelpunkt dieser einmaligen Karfreitagsliturgie steht die Passion Christi, die sich mit der Spiritualität des Flamenco, dem Gesang, der Gitarre, dem Tanz und der Perkussion der Gruppe vereint und bis tief ins Innere eines jeden vordringt. Die größte Herausforderung der Karfreitagsliturgie ist für die Gruppe (Cristina West, Pepe, Gonzalo Cortés und Salvatore Volker Schuhmacher), die wesentliche Bedeutung der Heiligen Schrift zu respektieren und sie durch eine gewissenhafte Verwendung der verschiedenen Flamenco-Stile in ihrer Reinform zu interpretieren. Jede Silbe, jeder Ton und jeder Schlag sind für Cristina West eine spirituelle Erfahrung. In der Feier verbindet sich die Tradition des Flamenco mit den Elementen der christlichen Liturgie.

An den Leiter der Seelsorgeeinheit, Herrn Dr. Joachim Dauer, habe ich heute gemailt (und den akademischen Titel nicht aus Gehässigkeit, sondern aus Unachtsamkeit unterschlagen – und weil ich Namen wichtiger finde als Titel):

Sehr geehrter Herr Dauer,

mit einigem Befremden habe ich von dem Vorhaben gelesen, die Karfreitagsliturgie mit Tanz zu verbinden.

Vorab: Ich bin alles andere als vertrocknet. Tanz ist schön, Flamenco ist eine besondere Ausdruckskunst, und ich habe keine prinzipiellen Einwände gegen Tanz in der Liturgie (sofern er gekonnt ist).

Die Karfreitagsliturgie vom Leiden und Sterben unseres Herrn ist jedoch eine in sich geschlossene und perfekte Liturgie, deren Ernst und Stille aussagekräftig sind und bei klarem Vollzug die Herzen berührt. Was perfekt ist, muß nicht geändert oder ergänzt werden – kann es auch nicht, ohne die Perfektion zu zerstören. (Stellen Sie sich vor, man würde in ein perfektes Werk wie Michelangelos Erschaffung des Menschen oder Händels Messias einige Pinselstriche oder Takte einfügen – es wäre ein Akt der Barbarei.)

Hier geht es nun um weit mehr als um ein Kunstwerk. Es ist von tiefer Bedeutung, daß die Karfreitagsliturgie auf Musik und weitere Zutaten grundsätzlich verzichtet, ja verzichten muß. Es ist zeichenhaft, daß Karfreitag und der Samstag der Grabesruhe Stille Tage sind. Wir vollziehen damit nach, daß mit dem Tod Jesu die Welt gewissermaßen stillstand und leer war. Das ist zum einen wahr für alle Menschen, die einen geliebten Menschen plötzlich verloren haben – in diesem Fall: für Maria und alle Freunde Jesu, an deren Trauer und Entsetzen wir am Karfreitag in besonderer Weise denken. Zum anderen ist es wahr in einem umfassenden, alle Menschen betreffenden Sinn beim Tod des Herrn aller Welt.

Schließlich dient der stille Ernst der Karfreitagsliturgie auch der würdigen Vorbereitung auf das österliche Freudenfest. Die Karwoche und die Ostertage sind liturgisch eine genau durchdachte, bewährte Folge vom sehr vergänglichen und überschatteten Palmarum-Jubel über die feierliche Zusage der Erlösung in der Stiftung des Abendmahls und den scheinbar alles beendenden Foltertod des Herrn bis zur Osterfreude, bei der wir in Erwartung der ewigen Freude die Auferstehung Christi ausgiebig bejubeln dürfen. Hier könnte ich mir auch Flamenco vorstellen – aber nicht am Karfreitag.

Mit besten Grüßen
Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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