Poet des Absurden

Vor hundertein Jahren starb Christian Morgenstern, der zauberische Großmeister deutscher Unsinnslyrik.
Zum Schönsten seines balladesken Nonsense gehören für mich zwei Balladen (ja – Balladen, Erzählgedichte – die müssen nicht immer schrecklich feierlich sein). Die erste weckt tiefe, echte Sehnsucht nach der gütigen Hilfe magischer Wesen.

Golch und Flubis

Golch und Flubis, das sind zwei
Gaukler aus der Titanei,

die mir einst in einer Nacht,
Zri, die große Zra, vermacht.

Mangelt irgend mir ein Ding,
ein Beweis, ein Baum, ein Ring –

ruf ich Golch und er verwandelt
sich in das, warum sichs handelt.

Während Flubis umgekehrt
das wird, was man gern entbehrt.

Bei z. B. Halsbeschwerden
wird das Halsweh Flubis werden.

Fällte dich z. B. Mord,
ging der Tod als Flubis fort.

Lieblich lebt es sich mit solchen
wackern Flubissen und Golchen.

Darum suche jeder ja
dito Zri, die große Zra.

Die zweite wurde vom Meister selbst ins Lateinische übertragen und von dem Privatgelehrten Dr. Jeremias Mueller (einer leider fiktiven Gestalt des Meisters) mit literaturwissenschaftlichen Anmerkungen versehen.

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
„Ich bin des Weltalls dunkler Raum.“
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn‘ ist rot.
Das Mondschaf.

Lunovis

Lunovis in planitie stat
Cultrumque magn‘ expectitat
Lunovis.

Lunovis herba rapta it
In montes, unde cucurrit.
Lunovis.

Lunovis habet somnium:
Se culmen rer‘ ess‘ omnium.
Lunovis.

Lunovis mane mortuumst.
Sol ruber atque ips‘ albumst.
Lunovis.

Anmerkungen von Dr. Jeremias Mueller

Über die Dichtung „Das Mondschaf“ allein könnte man ein dickes Buch, ja was sage ich, mehr als ein dickes Buch schreiben. Da wären in einem Abschnitt die Beziehungen jeder einzelnen Zeile zur Kantischen Philosophie im besonderen nebst der darin enthaltenen Kritik derselben aufzuzeigen, da Sie unter dem „Mondschaf“ doch ganz offenbar (wie ja auch die Widmung verrät) das „Ding an sich“ erstanden wissen wollen, da wäre in einem andern die naturwissenschaftliche Seite der Sache zu behandeln,ob man das „Mondschaf“ mit dem Mondkalb in eine Reihe zu stellen habe oder ob hier ein ganz neuer Tier- oder vielleicht sogar Menschentypus vorliegt, da wäre nachzuforschen, inwieweit zum Beispiel das „Mondschaf“ den Freiherrn Friedrich von Hardenberg bezeichnen [könnte] und was dann alles daraus, für Ihre eigene Entwickelung, für unser Urteil über diese Entwickelung,für die Wirkung dieser Entwickelung, soweit sie vorauszusehen, und endlich für den Wert der eventuellen Wirkung dieser Entwickelung folgen dürfte, des weiteren, ob und wieviel das
Opus von der Idylle des Malers Müller „Die Schaf-Schur“ beeinflußt oder doch angeregt sein möchte, wohin ferner der Gleichklang des Wortes Schur mit dem französischen jour (de la gloire) zu führen vermag – ein „Ritt“ ins Politische – und ob es Ihnen endlich gelungen sein sollte, mit der lateinischen Übersetzung des „Mondschafes“ die Kirchenliederpoesie des Mittelalters zu treffen und zu charakterisieren, wobei ich mir einen kleinen Abstecher in mein Spezialgebiet, die Macaroniker, kaum versagen würde, vom poesiekritischen und schönliterarischen Standpunkt ganz zu schweigen.

Mondschaf = Mundschaf = etwa: Sancta Simplicitas.
steht – hier so viel wie ‚träumt‘.
auf weiter Flur – bedeutet das unabsehbare Gefilde des
Menschlichen.
harrt und harrt. Man beachte den unwillkürlichen Gleichklang mit hart (durus), wodurch die Unabwendbarkeit des Wartens phonisch illustriert erscheint.
der großen Schur – Schur = Jour: Dies irae, dies illa.
rupft sich einen Halm – Der Mensch bescheidet sich in Resignation. Vgl. das klassische Wort von dem Jüngling, der mit tausend
Masten in See sticht usw. Man könnte auch sagen: „Entsagen sollst du, sollst entsagen!“
und geht dann heim auf seine Alm – Es ‚geht‘. Es läuft nicht, noch springt es. Darin liegt, wie in dem weichen innigen ‚heim‘ – ein Wort, das nur der Deutsche hat – eine wehmütige Ergebenheit ohne Groll. Alm weist darauf hin, daß die Heimat des Verzichtenden wohl und immerhin doch in einer mäßigen Höhe zu denken ist.
Das Mondschaf spricht. Es ’spricht‘. Zu singen hat es doch wohl die rechte Frische nicht mehr. ‚Spricht‘ ist feierlich, dumpf;
aber noch immer stark und bewußt.
zu sich – Nicht zu andern. Es ist einsamen Geistes und verrät dies auch im Traum.
im Traum – Der Traum ist dem Mondschaf dasjenige Element, was dem Fisch die Flut.
Ich bin des Weltalls dunkler Raum – Das Mondschaf vergißt in seiner Schwermut ganz die Sterne. Sein Denken verschwägert sich schon langsam der andämmernden Todesnacht.
liegt – Es ist bereits umgesunken, vielleicht zwischen 2 und 5 Uhr morgens.
Sein Leib ist weiß – Es ist unschuldig geblieben wie Schnee. Fromm und mild hat es sein Geschick getragen und geendet.
die Sonn‘ ist rot – Was kümmert den Sonnenball das Mondschaf? Er behält seine roten Backen. Seine freche brutale Gesundheit triumphiert in gleichgültiger Grausamkeit über das weiße Weh der geknickten Menschenseele. Vgl. auch Goethe: Seele des Menschen usw.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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