Soll man Doofheit beantworten?

Meistens ist es sinnlos. Manchmal reizt es mich doch, und wer weiß – vielleicht hilft es ja auch auf irgendeine Art einem nicht völlig Doofen weiter.
Unter einem Artikel über einen törichten jungen Menschen, der sich dem IS anschloß, steht dieser Kommentar:

Religiotische Verblendung!!!! Das nennt man so, weil Religioten solchen Scheiß glauben.
Man kann das nur beenden, wenn man diese Religionen abschafft. Und zwar ALLE!!!!
Glauben durch Wissen ersetzen. Und dann tatsächlich zu leben beginnen. Sich nicht als Sünder sehen, sondern als aufgeklärten Menschen. Nicht auf das Glück im jenseits warten, sondern im JETZT alles dafür tun, um glücklich zu sein.
Nicht alle Schuld auf den lieben Gott schieben, egal wie man ihn nennen will, sondern selber die Verantwortung tragen.

Aber was macht das ganze Gerede für Sinn, so lange man an Götter glaubt und sich nieder kniet.

Wenn ich so nett gefragt werde (trotz des Schlußpunktes interpretiere ich den letzten Satz als Frage), kann ich natürlich nicht einfach stumm bleiben, das wäre unhöflich. Außerdem ist heute der Sonntag Misericordias Domini.

Zunächst geht es dem Fragenden darum, „diese“ Religionen (offenbar pathologische Konstrukte, wie ich dem Ausdruck „religiotisch“ entnehme) abzuschaffen – nicht nur die gewalttätige Spielart des Islam, um die es in dem Artikel geht, sondern „ALLE“. Nun, das haben die französischen Revolutionäre sowie Hitler, Stalin und Pol Pot vergeblich versucht, derzeit versucht der amtierende Sproß der Kim-Sippe es, und es will und will nicht gelingen. „Man“ darf natürlich nicht aufgeben.

Glauben durch Wissen ersetzen impliziert, daß es sich um gegensätzliche Dinge handelt. Aber Blau ist nicht das Gegenteil von Gelb, sondern eine andere Farbe – und Glauben ist nicht das Gegenteil von Wissen, sondern eine andere Sache. Beides zusammen gibt im ersten Falle Grün (steht mir hervorragend), im zweiten Falle Intelligenz (dito).

Tatsächlich zu leben beginnen – ja, das ist eine gute Idee. Ich habe sie umgesetzt, als ich mich mit 22 Jahren taufen ließ. Ich kann es nur empfehlen! Leben in Fülle – Leben, das niemals endet! Leben in der Geborgenheit Gottes, selbst in existenziellen Nöten (die ich durchaus kennengelernt habe), selbst aus tiefer Verzweiflung herausgerissen werden, trotz aller Widrigkeiten immer zuversichtlicher werden, ohne die Augen vor irgendwelcher Not zu verschließen – das kommt heraus, wenn man durch Taufe und Firmung tatsächlich zu leben beginnt.

Sich nicht als Sünder sehen, sondern als aufgeklärten Menschen – da sind wir wieder bei Blau und Gelb. Wäre ich nicht ein aufgeklärter Mensch mit kritischem Verstand, so könnte ich mich vermutlich gar nicht in aller Schärfe als Sünderin sehen. Tu ich aber. Ich kann es empfehlen. Man nennt es Selbsterkenntnis.

Nicht auf das Glück im jenseits warten, sondern im JETZT alles dafür tun, um glücklich zu sein. Zunächst einmal kann man in diesem Leben nur dann verhältnismäßig viel zu seinem eigenen weltlichen Glück tun, wenn man sehr privilegiert ist. Die meisten Menschen haben diese Möglichkeit nicht. (Ich hätte gewaltige Hemmungen, einem nordkoreanischen Christen in einem der dortigen Konzentrationslager zu empfehlen, er möge alles Erdenkliche für sein Glück tun.) Ich versuche in der Tat, für mein eigenes Glück und für das meiner Mitmenschen etwas zu tun – immer im Bewußtsein, daß alles, was ich tun kann, Stückwerk ist. Für das eigene Glück alles und infolgedessen für das der anderen nichts tun ist Egoismus, den ich versuche, zu vermeiden. Nicht, daß mir das immer gelingt – vgl. den vorigen Absatz.

Nicht alle Schuld auf den lieben Gott schieben ist eine dem Christentum innewohnende Haltung. Gott ist frei von Schuld. Böses kann nicht von Gott kommen – es kommt ursprünglich von Seinem Feind, der auch Feind aller Menschen ist, und auf diesem Umweg von Menschen. Leider von allen denk- und handlungsfähigen Menschen, was wiederum mit der Erbsünde und mit dem Mißbrauch der Freiheit zu tun hat (Näheres bitte im Katechismus der Katholischen Kirche oder bei Josef Bordat recherchieren; ich muß das Rad nicht neu erfinden).

Selber die Verantwortung tragen ist die logische Konsequenz aus dem Christentum. Wenn Gott – wie die Kirche lehrt – existiert, vollkommen gut ist, das Böse nicht wollen kann, den Menschen erschaffen und mit der Möglichkeit der freien Entscheidung ausgestattet hat, dann ist jeder vernunftbegabte und handlungsfähige Mensch folglich für alles, auch das Böse, was er selbst tut oder bewirkt, selbst verantwortlich. Weil das so ist und weil Menschen nun einmal zum Mißbrauch ihrer Freiheit neigen, gibt es das Sakrament der Versöhnung – die Beichte. Hier kann ein Christ ohne jede Beschönigung und Schonung seiner selbst seine Sünden bekennen und sich der Verantwortung stellen. Indem er das tut, werden die Sünden vergeben. Zur Buße gehört, die Verantwortung ernstzunehmen.
Und natürlich ist jeder Mensch auch für seine guten Taten selbst verantwortlich, insofern er sie selbst plant und ausführt (auch wenn die Planung im Mitmachen nach Anleitung bei einer guten Sache besteht). Verantwortungsvolles Handeln wird durch die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung möglich.

Aber was macht das ganze Gerede für Sinn, so lange man an Götter glaubt und sich nieder kniet. Ich hoffe, das beantwortet zu haben. Ich glaube an den einen Gott, und vor Ihm und keinem anderen knie ich nieder. Vor keinem anderen – auch nicht vor unerzogenen Atheisten.

Ein neues, für mich ungewöhnliches Label habe ich nun auch – denn so viel Grobheit muß in diesem Falle sein, auch oder gerade am heiligen Sonntag: Wenn Atheisten für Religionskritik zu doof sind.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Soll man Doofheit beantworten?

  1. Marinika schreibt:

    Sehr gute Antwort!

  2. toe schreibt:

    Das katholische Umfeld in dem ich aufgewachsen bin, konnte mir die von dir geschilderte Auslegung so leider nicht vermitteln. Vielen Dank dafür!

  3. gsfuchsi schreibt:

    Ein wunderbarer und sehr treffender Kommentar, der eigentlich auch dem Unwilligsten einleuchten sollte. Herzlichen Dank dafür!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen auf meinem Weblog!
      Ich fürchte zwar, daß die Unwilligkeit zuweilen übermächtig ist – aber vielleicht hilft es ja doch hier und da einem noch nicht Überzeugten.

  4. jobo72 schreibt:

    Gut, dass Du das so ernsthaft abhandeln kannst, Claudia. Für mich ist die einzige Umgangsform mit so unreflektierten Bemerkungen – soweit sich sich eben selbst ernst nehmen – nur die Satire (https://jobo72.wordpress.com/2015/04/13/religionen-abschaffen-und-zwar-alle/). Obwohl die Themen „Religion und Moral“ bzw. „Glauben und Wissen“ zu meinen Hobbys zählen. Allerdings lässt sich am besten darüber reden, wenn man beide Seiten kennt und schätzt – und keine Gegensätze aufbaut, wo keine sind. Und es ärgern mich eben, wenn man die Aspekte gegeneinander ausspielt. Wie der Kandidat mit seiner eigentümlichen Definition von Glauben (als Nicht-Wissen) und Religion (als Verantwortungslosigkeit).

    Die christliche Deutung des Verantwortungsbegriffs geht ja sogar noch weiter und bekommt eine besondere Pointe: Gerade weil ich an Gott glaube und damit anerkenne, als Mensch nicht alles lösen zu können, was gefesselt ist, habe ich die Kraft, konkret Verantwortung zu übernehmen, wo immer das geht. So vermeide ich moralistische Überforderung und ende nicht bei der konsequenten Untätigkeit eines allzu guten Willens, der sich auf das Wohl der „Menschheit“ richtet. Das geht mich nichts an, das ist Gottes Sache. Dem Christen geht es um das Wohl des Nächsten. Wer nicht an Gott glaubt, muss glauben, selbst die Zügel in der Hand zu halten – und zwar für alles und jeden. Kann man dann überhaupt noch handeln, wenn man wirklich verantwortlich handeln will? Das ist doch der Punkt! Vgl. https://jobo72.wordpress.com/2014/06/26/handeln-verantworten/

    Ja, und zum anderen „Gegensatz“: Dein Vergleich mit den Farben ist super! Nachdem es eine Zeit lang irgendwie schick war, Wissenschaft gegen Religion zu stellen, kommen heute immer mehr auf den Trichter, dass sich die unterschiedlichen Fragestellungen ergänzen. Zuletzt haben zwei Berliner Philosophen dazu publiziert ( vgl. https://jobo72.wordpress.com/2015/04/11/glauben-und-wissen/). Aber das mit den Farben muss ich mir merken!

    LG, Josef

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