Gegenstände oder Anderes

Im Keller eines Pflegeheims hängt dies Schild.

Gegenstände

Vordergründig ist die Botschaft klar: Der Keller soll nicht mit nutzlosem Krempel vollgestellt werden. Das leuchtet ein. Aber ich rätsle trotzdem. Denn es wird gebeten, nicht nur keine Gegenstände ohne einsichtigen Grund abzustellen, sondern auch nichts Anderes. Man soll also keine Gegenstände und außerdem keine Nicht-Gegenstände dort abstellen, wenigstens nicht ohne guten Grund.

Was aber ist etwas Anderes als Gegenstände, jedoch dinglich, also prinzipiell abstellbar? Mir fällt als Nicht-Gegenständliches (also „Anderes“) nur Abstraktes ein, allenfalls noch Lebendes (obwohl das im strengsten Sinne auch Gegenstand, da dinglich, ist) und, im allgemeinen Sprachgebrauch, Essen und Trinken. Gut – man soll keine Lebensmittel in den Keller mit Spinden und Werkstatt stellen. Auch keine Tiere – und zwar weder tote Tiere, die ohne Weiteres auch im allgemeinen Sprachgebrauch als Gegenstände bezeichnet werden können, noch lebende. Von Bewohnern (gleich ob lebend oder tot) ganz zu schweigen, aber ich hege die Hoffnung, daß darauf auch ohne dies Hinweisschild niemand käme.

Ich verstehe zu wenig von Philosophie, um mir ein abschließendes Urteil zu erlauben. Ehe ich dies Schild als unsinnig bezeichne, hätte ich gerne Josef Bordats Meinung dazu.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Gegenstände oder Anderes

  1. jobo72 schreibt:

    (1) „Gegenstand“ ist wohl die Bezeichnung, die am weitesten ausgreift. Das „oder Anderes“ könnte in einer ersten Überlegung also ruhig wegfallen, ohne Informationsverlust, es sei denn, man will sich selbst in das Abzustellende einschließen. Denn das einzige, was auf jeden Fall Nicht-Gegenstand ist, ist das eigene Ich. Gegenstand ist nämlich alles, was dem Ich entgegensteht, also einen „Gegen-Stand“ zum eigenen Stand einnimmt. Gegenstand ist alles, zu dem sich das Ich (also Subjekt) in eine Subjekt-Objekt-Beziehung bringen kann. Maximal also: alles, außer der eigenen Person.
    (2) In der Praxis des Sprachgebrauchs gibt es freilich doch noch Einschränkungen. Zunächst kann alles Stoffliche „Gegenstand“ sein (Dinge, Sachen, Zeug). Körperteile und Leichname werden (mittlerweile) auch als „Gegenstände“ betrachtet , allerdings sind es keine „Sachen“, die veräußert werden können. Es sind aber „Objekte“ (ihnen fehlt – juristisch – die Rechtssubjektivität oder – philosophisch – die Beziehungsfähigkeit). Aber auch ein lebender menschlicher Organismus kann „Gegenstand“ sein, z.B. während einer Operation (nach der OP wird der Chirurg den Patienten aber wieder als Subjekt betrachten, normalerweise). Tiere gelten heute zwar rechtlich nicht mehr als Objekte („Sachen“), können aber nach wie vor weitestgehend wie „Sachen“ behandelt (z.B. ge- und verkauft) werden. Menschen sind keine Gegenstände, weil sie Subjekte sind, die selber eine Beziehung eingehen können. Aber historisch gab es auch einseitige Beziehungen zwischen Menschen (Sklaverei). Da wurden die Subjekte zu Objekten, zu „Sachen“, zu „Gegenständen“.
    (3) Das einzige, was denkbar wäre (bei einem Pflegeheim): Ein Bett mit einem lebenden Patienten, das man abstellen könnte (soweit es als Bett gegenständlich ist), dass aber „anders“ ist (soweit es sich eben von einem leeren Bett unterscheidet – durch die Tatsache, dass da noch jemand drin liegt). Da würde man umgangssprachlich ja nicht sagen: „Ich habe das Bett mit Frau Mayer dort abgestellt!“, sondern eher: „Ich habe Frau Mayer dort abgestellt!“. Und das ginge eben dem Schild nach zu urteilen auch nicht: „oder Anderes“. Es sei denn, man hat dafür einen Grund, z.B. den, dass das Bett mit Frau Mayer (kurzfristig) abgestellt wird, etwa, weil es im UG einen Zugang zum Parkhaus gibt und Patienten von dort in ein Krankenhaus gefahren werden können, der Krankenwagen aber noch nicht da ist. Die Frage ist allerdings, ob man solche Fälle nicht anders ausschließen kann (wird man im Zeitalter des Mobiltelefons auch können). Die Frage ist außerdem, ob nicht bereits in der Formulierung „oder Anderes“ und „abstellen“ eine Objektivierung von Patienten vorläge, wenn man tatsächlich solche Fälle im Hinterkopf hätte. Dann würde man das sicher auf einem Extra-Schild menschlicher formulieren.
    Also: „oder Anderes“ kann gestrichen werden.
    LG, Josef

  2. Brettenbacher schreibt:

    Und wie ist das mit dem Hinweis
    DIESER ZUG HÄLT NICHT ÜBERALL
    ?
    Dürfen die anderen Züge überhaupt fahren? Denn wo sie gefahren sind, haben sie schon mal nicht gehalten. Was aber halten soll, muss fahren dürfen.
    Wie oft muß so ein Zug die Welt auf einer(1) Linie umfahren haben, bis er ÜBERALL gehalten hat?
    Und in welch grauslich Art von „Ewigkeit“ gerät der Passagier?!
    Von daher erhellt sich der Aufruf des jungen Enzensberger „Lest keine Oden, lest die Fahrpläne!“
    auf das Grellste.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Vielleicht ist „Dieser Zug hält nicht überall“ ein Hinweis darauf, daß genau dieser nicht überall haltende Zug nicht zur Hölle fährt. Denn der hypothetische überall haltende Zug scheint mir ein treffliches Bild für den Weg zur Hölle zu sein.

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