Tierische Rechthaber

Josef Bordat beschreibt einen kuriosen Einzelfall der Juristerei, bei dem es um die Rechte zweier Schimpansen geht. Sie werden in einem Käfig gehalten, und zwar nach Ansicht eines sich für sie einsetzenden Juristen gegen ihren Willen. Hierüber berichtet auch das Nonhuman Rights Project, dessen Unterstützer eine rechtliche Gleichstellung von Menschenaffen und Menschen fordern und auch bei anderen Tieren weitgehende Persönlichkeitsrechte annehmen und verteidigen.

Über das grundsätzliche Problem des Willens bei Tieren hat Josef Bordat klar genug geschrieben.
Mich interessieren die Folgen, die eine Durchsetzung der rechtlichen Gleichstellung von höheren Tieren und Menschen hätte.

Angenommen, die rechtliche Stellung von Menschenaffen und Menschen wäre gleich, so hätte das zwar glücklicherweise noch nicht zur Folge, daß Gorillas Autos lenken dürften (auch wenn ein Blick auf Berliner Straßen mich fragen läßt, ob das einen großen Unterschied machen würde). Denn ein Führerschein ist kein Grundrecht; wer die Fahrprüfung nicht besteht, bekommt ihn nicht, und wer den Willen zum Führerschein nicht deutlich äußern kann, wird keinen Fahrunterricht bekommen.

Die Grundrechte auf Leben und Freizügigkeit hätten dann aber auch Menschenaffen. Was die Freizügigkeit angeht, so wäre sie für Affen nur in dem Fall relevant, in dem ein Affe unmißverständlich kundtut, einen als Wohnraum zur Verfügung stehenden Ort einzunehmen, und sich willens und fähig zeigt, regelmäßig Miete zu zahlen. Das wird vermutlich hypothetisch bleiben.

Das Recht auf Leben gälte beim Affen so lange bedingungslos, wie das auch beim Menschen so ist. Das bedeutet: Solange Euthanasie bei Menschen verboten ist, müßte sie es auch bei Affen sein. Ein Affe, der so schwer krank oder verletzt ist, daß ein Leben ohne intensive Betreuung und Medizin nicht mehr möglich ist, oder der ohne Aussicht auf Besserung ständig starke Schmerzen hat, müßte mit Intensiv- und Palliativmedizin am Leben gehalten werden.

Nun ist einem schwer leidenden Menschen immer noch möglich, einen Sinn im Leben zu finden. Ob ein Schimpanse überhaupt einen über das Vegetative hinausgehenden Lebenssinn empfindet, bezweifle ich; daß dieser Sinn, wenn er denn vorhanden ist, sich auch auf schweres Leiden bezieht, ist nicht glaubwürdig. Eine rechtliche Gleichstellung von Tieren und Menschen ist unter zwei Bedingungen möglich: Entweder man verbietet Euthanasie bei beiden, oder man erlaubt sie bei beiden. Im ersten Falle wäre es illegal, einen krebskranken Schimpansen zu töten. Im zweiten Fall wäre es legal, einen krebskranken Menschen zu töten.

Wie weit die Bewegung für Tierrechte geht – das heißt, bis hinunter zu welchen Tieren -, weiß ich nicht. Sollte eine Untergrenze nicht bestimmbar sein, wird ein Katzenhalter spätestens beim Flohbefall seines Lieblings in einen Konflikt mit dem Gesetz geraten. Aber bereits der gar nicht hypothetische Fall rivalisierender Orang-Utan-Männchen ist problematisch. Nach menschlichen Maßstäben müßte man beide Prügler einsperren. Aber Affen einsperren? Darf man das?

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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7 Antworten zu Tierische Rechthaber

  1. danielseidl269 schreibt:

    Hallo.

    Nur eine kleine Anmerkung: Ich finde es sehr überheblich Menschenaffen oder anderen Tieren, aber vor allem Menschenaffen nur vegetative Lebenssinne zuzusprechen. Menschenaffen sind dem Menschen unglaublich ähnlich. Sie trauern ewig um Verstorbene. Kühe schreien ewig nach ihren Kälbern, die ihnen weggenommen werden und Delphine begehen Selbstmord…

    Der Mensch hat sich einen Thron geschaffen und will anderes Leben unterdrücken und erhofft sein Gewissen leichter zu machen, indem man anderen Wesen höhere Gefühle abspricht… Das ist ein Armutszeugnis und spricht nicht für Intelligenz…

    Grüße
    Daniel

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Hast Du den Absatz über Euthanasie verstanden? Wenn ja, für welche Alternative bist Du dann: todkranke, leidende Tiere durch Intensivmedizin am Leben halten oder todkranke, leidende Menschen euthanasieren?
      Die Antwort interessiert mich wirklich.

      • danielseidl269 schreibt:

        Danke für Deine Antwort.

        Ich bin der Meinung, wenn ein Menschen nicht mehr leben will, weil er einfach nur noch Schmerzen hat oder nur noch im Bett liegt und eben selbst so nicht mehr leben will, dann sollte er das Recht haben seinem Leben ein Ende zu setzen. Ebenso sollte es erlaubt sein, diesen Menschen zu helfen, wenn Sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind, aber ihren Willen noch klar ausdrücken können.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Nun, ich halte das für definitiv falsch, aus Gründen, die ich hier schon öfter dargelegt habe. Wahrscheinlich schreibe ich noch mal was Genaueres drüber.

      • danielseidl269 schreibt:

        Warum sollte ein Mensch freien Willens nicht entscheiden dürfen, dass er gehen will? Ich spreche hier jetzt nicht von Fällen, bei denen ein Teenager wegen Liebeskummer vom Dach springen will, sondern von Menschen, die aufgrund einer Krankheit kein lebenswertes Leben mehr haben und dies auch selbst so sehen?

        Das ist eine Entscheidung, die der Mensch für sich selbst zu treffen hat und kein anderer Mensch oder Institution hat sich hier einzumischen.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Unter anderem, weil er damit einen Träger der unbedingten Menschenwürde beseitigt. Unbedingte Menschenwürde ist nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe. Außerdem aus mancherlei anderen Gründen – ich möchte darauf in der Kommentarfunktion nicht weiter eingehen, ich arbeite an einem längeren Artikel darüber. Können wir so verbleiben? Ich drücke mich nicht um die Antwort – aber ich möchte sie gut lesbar und ausführlich geben.

  2. Pingback: Sterbehilfe und Menschenwürde | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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