Kunstkauf

Das junge Künstler-Geschwisterpaar, von dem ich schon vor einiger Zeit zwei Miniaturen bekam, war vorhin an meiner Tür. Der jüngere der beiden bot seine neuesten Werke zum Verkauf an; seine Schwester ist nicht nur seine Künstlerkollegin, sondern auch seine Galeristin und Managerin.
Wir wurden schnell handelseinig; das großformatige Werk ging für den meiner Ansicht nach sehr günstigen, vom Künstler und sogar von der Managerin äußerst großzügig empfundenen Preis von 70 Cent in meinen Besitz über.

Kinderbild

Mit einfachen Mitteln – Buntstift und Goldglimmer auf Zeichenkarton – stellt der Künstler eine Welt dar. Der farbliche Hintergrund ist ein warmes Rot, das die Dynamik der Zeichnung unterstreicht. Neben- und ineinandergestellte aufstrebende Bogenformen streben in lichtweiße Höhen. Der erste Eindruck des Sakralen wird beim näheren Hinschauen bestätigt: der kleine innere Bogen, kräftig unterstrichen, trägt ein Kreuz und wird von einem weiteren, größeren Kreuz getragen. Zentral, als Teil des Bildes, unter der Kirche, steht der Name des Künstlers – selbstbewußt macht er sich zum Teil der Welt, zum Teil des Werkes – und stellt sich zugleich demütig unter die Kirche.
Rechts im Bild kontrastiert mit dem Weiß von Himmel und Licht eine bedrohlich-düstere schwarze Form. Sie gemahnt an eine Armbanduhr, die Zeit, das Säkulum, scheint übermächtig und wendet sich von der Kirche ab, bedroht sie zugleich. Aber das Zifferblatt zeigt keine Zahlen – sondern ein Dreieck, Symbol der Trinität, des Dreieinen Gottes, der Herr über die Zeit ist. Das wie eine schräge Säule ragende Armband der Uhr steht nicht etwa fest auf dem Boden – die Schrägneigung kann auf ein Aufstreben ebenso deuten wie auf ein Fallen, der Künstler läßt uns im Ungewissen. Am Grund aber ist diese „Zeit“ weder einbetoniert noch abgebrochen, sondern mit der Welt durch ein ganz zartes, rankenhaftes Gebilde verbunden, das in einer Herzform mündet – die Liebe ist Urgrund allen Seins.
Der nur ganz zart über das Bild gehauchte Goldglimmer betont diese Aussage, ist vielschichtig wie sie (Gold steht für das Unvergängliche, ist aber zugleich ein Vanitassymbol).

Das ist eine Form moderner Sakralkunst, die mir entgegenkommt – nachdenklich machend und erhebend, aufrüttelnd und tröstend zugleich.

Der besorgten Leserschaft sei versichert: Die Mutter der beiden war dabei und fungierte als Gewerbeaufsichtsamt; die Redlichkeit aller Beteiligten an diesem Handel ist gewährleistet.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Kunstkauf

  1. Alipius schreibt:

    Witzig! Ich hielt die Armbanduhr beim ersten Hinschauen für einen schlanken, in Schwarz gekleideten Priester mit turmhoher Hip-Hop-Frisur! Gratuliere zum Kunst-Schnäppchen!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Stimmt – auch das ist eine mögliche Interpretation.
      Da der Künstler prinzipiell seine Bilder weder mit Titel versieht noch erklärt – aus der Ansicht, Kunst müsse für sich sprechen -, sind wir ohnehin auf Interpretationen angewiesen.

    • Marcus der mit dem C schreibt:

      Sieht denn niemand die Schwalbenschwanz-Cappa magna? Sooo kann ich nicht arbeiten! *schimpfend weggehend aus dem Off* Man hat mir Profis versprochen!

      😉

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