Peter-Singer-Preis – versäumt die Kirche den Protest?

Dem Ethikprofessor Peter Singer soll wegen seiner Verdienste um die „Tierleidverminderung“ ein nach ihm benannter Preis verliehen werden. (Ich möchte auf die entsprechende Seite nicht verlinken; sie ist leicht zu ergoogeln.)

Daß es einen deutlichen Hauch von Eitelkeit hat, einen Preis nach einem noch lebenden Menschen zu nennen, um als erstem genau diesem Menschen diesen Preis zu verleihen, ist eine Sache des Geschmacks und der Redlichkeit, mithin nichts, was die deutsche Regierung interessieren muß.

Daß der so Geehrte in seiner Stellung als Ethikprofessor offen und unzweideutig Euthanasie propagiert, darf von der deutschen Regierung nicht übersehen werden. Mord ist in Deutschland verboten. Mord an Ungeborenen (für Singer schon gar keine Diskussion mehr wert, das macht man halt, wenn „es“ gerade nicht passt) ist hierzulande zwar auch verboten, es ist aber leicht, dies Verbot ohne jede rechtliche Konsequenz zu umgehen. Mord nach der Geburt ist immer, ohne jede Ausnahme, verboten. Genau dies aber will Singer zum „Recht“ machen. So schreibt er in Practical Ethics:

Wenn der Tod eines behinderten Kindes zur Geburt eines anderen Kindes mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, so ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn das behinderte Kind getötet wird. Der Verlust glücklichen Lebens im Fall des ersten Kindes wird überwogen durch den Gewinn glücklicheren Lebens im Fall des zweiten Kindes. Wenn die Tötung eines Kindes mit Hämophilie keine nachteiligen Folgen für andere hat, wird es in Ordnung sein, es zu töten.

Singer äußert in diesem Buch die Ansicht, die Tötung behinderter Säuglinge sei „nicht moralisch gleichbedeutend mit der Tötung einer Person“ und „Sehr oft … überhaupt kein Unrecht“. Mit anderen Worten: Ob Tötung ein Unrecht ist oder nicht, kommt nach Singer darauf an, ob das Kind nach Singers Definition im Vollsinn Person ist; für ihn ist nicht das Menschsein (das von der Zeugung an gegeben ist), sondern das Personsein (das sich in der Tat in den ersten Lebensjahren entwickelt) maßgeblich für das Lebensrecht. Auch komatöse und geistig schwerbehinderte Menschen haben nach dieser Auffassung kein oder nur ein eingeschränktes Lebensrecht.

Wer nun protestiert gegen diese Preisverleihung in der Bundeshauptstadt an einen Menschen, der ununterbrochen in Wort und Schrift gegen das deutsche Grundgesetz Art. 1,1 und Art. 2,2 (Würde, Leben und körperliche Unversehrtheit) verstößt und in Wort und Schrift zu Straftaten gegen das Leben aufruft? Zunächst einmal sehr engagiert eine explizit religionsfeindliche und lebensschützerfeindliche Seite, die klare Argumente gegen diese Preisverleihung sowie eindeutige Zitate von Peter Singer publiziert. Die Seite trägt den Titel Kein Forum für den „Euthanasie“-Befürworter Peter Singer!; in der Selbstbeschreibung heißt es:

Dieser Blog ist nicht mehr der Blog vom Bündnis gegen den Berliner “Marsch für das Leben”. Das Bündnis hat jetzt einen eigenen Blog …
ABTREIBUNG – SUCHT IHR HILFE, INFOS, TIPS?
Das ist ein Blog, der sich hauptsächlich mit den Umtrieben selbsternannter Abtreibungsgegner_innen, gesetzlichen und praktischen Veränderungen in der Erhältlichkeit von Abtreibungen beschäftigt. Wenn ihr grade akut ein Problem habt, findet ihr hier Hilfe, Beratung und alles andere.

Deutliche Worte finden drei Politiker.

Corinna Rüffer, Behindertenpolitische Sprecherin der Grünen:

Dass jemand, der die Tötung behin­der­ter Säug­linge lega­li­sie­ren will, aus­ge­rech­net in Deutsch­land zum wie­der­hol­ten Mal einen Preis bekommt, treibt mich vor Wut auf die Palme. Ich hoffe, dass sich dage­gen nicht nur Men­schen mit Behin­de­run­gen und ihre Ver­bände wen­den.

Kat­rin Wer­ner, Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete (Linke):

Es ist uner­träg­lich, dass sol­chen men­schen­ver­ach­ten­den Ein­stel­lun­gen eine öffent­li­che Platt­form gebo­ten wird! Sol­che Ansich­ten dür­fen nicht als legi­tim aner­kannt wer­den. Sie dür­fen nie wie­der salon­fä­hig wer­den – das lehrt uns die Geschichte. Die Ber­li­ner Ura­nia sollte ihre Räum­lich­kei­ten für eine sol­che Ver­an­stal­tung nicht zur Ver­fü­gung stel­len.

Uwe Schummer, Behindertenbeauftragter (CDU):

Hier wird einem Mann ein Podium geboten, der behinderten Menschen – insbesondere Säuglingen – das Lebensrecht abspricht. Das geht gar nicht.

Quelle

Ich habe von den Kirchen nicht einen Aufruf zum Protest gefunden. Das heißt zwar nicht, daß es keinen geben kann – vielleicht habe ich etwas übersehen. Es heißt aber ganz sicher: Wenn die Kirche gegen diese Preisverleihung protestiert, tut sie es in beschämend schlecht bemerkbarer Weise.

Ich hätte Zeit und Möglichkeit, vor der Urania zu protestieren. Nun muß ich zwar, wenn ich hingehe, mit meinen politischen Erzfeinden nicht ins Bett gehen. Aber mit ihnen gemeinsam auf die Straße gehen finde ich schlimm genug. Ich weiß ja, daß ich, sobald ich den Mund aufmache und etwas zu meinen Motiven sage, von den Veranstaltern bestenfalls mit Spott, wahrscheinlicher noch mit Hass bedacht werde. Ich weiß auch, daß es mir sehr schwerfällt, in einem solchen Falle zu tun, was Jesus empfiehlt. Ja, ich habe Angst, an der Demonstration teilzunehmen. Und ich möchte gern gegen diese Preisverleihung demonstrieren. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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18 Antworten zu Peter-Singer-Preis – versäumt die Kirche den Protest?

  1. clamormeus schreibt:

    Im Tenor gegen Singers widerwärtigen Utilarismus und das Befremden über das „Schweigen der Lämmer“ bin ich ganz dabei.

    Nur hierzu:

    „Ob Tötung ein Unrecht ist oder nicht, kommt nach Singer darauf an, ob das Kind nach Singers Definition im Vollsinn Person ist; für ihn ist nicht das Menschsein (das von der Zeugung an gegeben ist), sondern das Personsein (das sich in der Tat in den ersten Lebensjahren entwickelt) maßgeblich für das Lebensrecht.“

    Ich möchte -quick & ditrty- dagegen einwenden, daß ich diese Definition von Person nicht teile und der Ansicht bin, daß ein Mensch sogar schon vor der Geburt Person ist. Und sich genau deshalb jede Legalisierung von Abtreibung und Euthanasie verbietet.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Auch wenn wir „Person“ verschieden definieren, kommen wir zum gleichen Schluß. Denn wenn wir statt der Würde des Menschen nur die „Würde der Person“ unantastbar sein lassen, dann ist es immer Auslegungssache, ob man einen Menschen töten darf oder nicht. Und selbst wenn es das nicht wäre: Wir sind uns einig darüber, daß der Schutz des Menschenlebens von Gott gewollt ist – aber komm damit mal einem Abtreibungsbefürworter…

  2. jobo72 schreibt:

    Egal, wie man die Dinge nennt, der springende Punkt ist ja der, dass Peter Singer (u.a.) die Differenz, aus der sich s.A.n. ein „Tötungsrecht“ für bestimmte Menschen ableiten lässt, durch Eigenschaften markiert (phänomenologisch), nicht durch Wesentlichkeiten (ontologisch). Was Würde haben soll, muss eben bestimmte Eigenschaften haben. Es muss immer was hinzu kommen – aus sich selbst heraus hat erst mal gar nichts ein Lebensrecht. Erst, wenn das, was lebt, zusätzlich noch nachvollziehbar leidet (Schmerz), wenn es nicht mehr leben soll, entsteht überhaupt erst ein moralisches Problem.

    Leider klingt das in einer Gesellschaft plausibel, in der man sich a) alles „verdienen“ muss und in der b) Wahrnehmung das Denken zu verdrängen droht (Macht der Bilder!). Es ist pragmatisch, nach Ähnlichkeiten zu schauen und diese beim Schimpansen zu erkennen, bei der befruchteten Eizelle in der Petrischale hingegen nicht. Empathie ist auf Ähnlichkeit angewiesen. Es ist zudem unmittelbar einsichtig, mit einem quiekenden Schwein, das geschlachtet wird, Mitleid zu haben, während die geräuschlose Vernichtung von befruchteten Eizellen ja gar nicht wahrgenommen werden kann.

    Dagegen ist die christliche Perspektive kontraintuitiv bzw. hat eine metaphysische Voraussetzung: den Glauben an Gott, zumindest an einen Schöpfer oder an einen sonst wie begründeten absoluten Wert des Menschen an sich. Was für uns „Heiligkeit“, ist für Singer „Speziesismus“. Wobei ich mir manchmal die Frage stelle, ob es ihm nicht selbst vor den Konsequenzen seiner Ethik graut. Zumindest aber kann man ihm nicht den Vorwurf machen, bei den praxisrelevanten Schlussfolgerungen aus seinem präferenzutilitaristischen Ansatz inkonsistent zu werden. Der Rest der Welt sollte aber aufmerksam sein und diese Ethik tatsächlich „von hinten“ aufrollen. Und damit verwerfen. Tierschutz geht auch anders.

    Noch dazu: https://jobo72.wordpress.com/2015/05/17/euthanasie-mit-auszeichnung/

    LG, Josef

  3. Hildesvin schreibt:

    Zu welchem Zweck hätte Euer (und Singers) Wüstendämon Hauaha den Morbus Duchenne-Aran erschaffen? Um uns zu prüfen, wie Hiob? Das ist mir ebenso unbefriedigend, wie jemand schrieb, wenn ein Buddhist ein elend krepierendes Kind damit „trösten“ würde, es müsse wohl im vorherigen Leben ein Drecksack gewesen sein…

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe keine Ahnung, warum Gott solche schrecklichen Krankheitserreger geschaffen hat. Ich behaupte nicht, das zu wissen, und ich wage auch, mit Gott zu hadern. Zugleich vertraue ich darauf, daß Er keine Fehler macht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

  4. Harald Stollmeier schreibt:

    Manche christlichen und ganz viele antichristliche Schöpfungs- und Gottesvorstellungen sind ein bisschen dirigistisch. Gott macht keine Fehler. Aber Gott hat Fehler zugelassen, weil das die logische Konsequenz der Zulassung von Freiheit ist, und diese Zulassung ist nicht auf die Menschen beschränkt (obwohl die von der Freiheit am meisten haben) sondern gilt offenbar der gesamten Schöpfung (inklusive Erdbeben). Für die Entstehung der Arten gilt die neodarwinistische Evolutionstheorie auch für katholische Christen als bislang beste Beschreibung.
    Ich halte die Annahme für verhängnisvoll, dass alles, was geschieht, von Gott genauso intendiert sei. Wenn es so wäre, hätte Christus uns wohl kaum aufgerufen, im Vaterunser „Dein Wille geschehe!“ zu beten.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Was Du über die Freiheit der gesamten Schöpfung schreibst, finde ich sehr bedenkenswert. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, daß es einen Krankheitserreger gibt, der beschließt, seine Freiheit zu mißbrauchen, indem es ein Kind tötet. Auch nicht, daß ein Kontinent beschließt, zu beben.
      Aber ich kann mir vorstellen, daß es Wesen gibt, die sehr stark sind und sehr Böses tun. Vielleicht kann das solche Schrecknisse erklären – vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht.

      • Harald Stollmeier schreibt:

        Vielleicht, liebe Claudia, hätte ich mich präziser ausdrücken sollen. Die Freiheit der Schöpfung ist keine Freiheit zur Entscheidung zwischen Gut und Böse, denn diese setzt ja die Erkenntnis von Gut und Böse voraus. Eher ist es umgekehrt: Die Freiheit zur Entscheidung zwischen Gut und Böse ist ein Sonderfall der Freiheit zum Zufall, an der die gesamte Schöpfung Anteil hat.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        „Freiheit zum Zufall“ ist ein Begriff, über den ich nachdenken muß. Zufall erschien mir immer als äußerste Unfreiheit.

  5. Klaus Ebner schreibt:

    Ich möchte hier nicht den Singer Anwalt spielen allerdings gibt es mir etwas zu viel Singer-Bashing in Deutschland und zum Teil ist ziemlich an der Grenze zur Heuchelei.
    Aber mal von Anfang an. Sie setzten „Tierleidvermeidung“ in Anführung. Darf ich fragen warum? Singer hat scher nicht den Tierschutz erfunden, sein Einfluss auf die Bewusstseinsbildung in diesem Bereich ist allerdings unbestritten und nur dafür wird er ausgezeichnet. Man kann auch zum „Great Ape Project“ stehen wie man will – ich sehe eine Vermenschlichung von Tieren nicht sinnvoll. Gleichzeitig muss man aber anerkennen, dass zwischen einer Stubenfliege und einem Schimpansen mehr Unterschied ist als zwischen einem Schimpansen und einem Menschen. Eigentlich logisch – das Grundgesetz sieht das aber anders. Etwas heuchlerisch wird die Debatte dann wenn es um Sterbehilfe geht. Vor allem dann wenn dieselben konservativen Politiker, die „Hilfe beim Sterben“ und Ausbau der Palliativmedizin statt Sterbehilfe fordern, gleichzeitig eine mittelfristige Kosteneinsparung von 25 % im Gesundheitswesen verlangen. Irgendwie geht das nicht zusammen. Die Botschaft an die Ärzte ist hier wohl vor allem „mach Dir nicht die Finger schmutzig, der stirbt früher oder später ohnehin von alleine und wie es ihm dabei geht kann Dir egal sein“. Die Sparvorgaben derselben Politiker haben etwa auch dazu geführt, dass Krebspatienten in griechischen Krankenhäusern starke Schmerzmittel im Voraus bezahlen müssen – oder leiden wie ein Hund. Heuchler eben.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      „Tierleidverminderung“ in Anführungszeichen aus zwei Gründen. Erstens, weil dies sehr besondere Wort ein Zitat aus jener Seite ist. Zweitens, weil mir die ganze extreme Tierschutzdebatte sentimental vorkommt. Singer wirft Menschen, die den Menschen über andere Tiere stellen, Speziezismus vor. Wenn das ein Vorwurf sein soll, so muß man ihn jedem Tier machen, jedem einzelnen, ob Stubenfliege oder Schimpanse. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich überhaupt einen Deut darum schert, wie es anderen Arten geht, die ihm nicht unmittelbar zum Leben dienen, und dem daran liegt, daß Arten, die er ißt, nicht übermäßig leiden. Dem Löwen ist das Leid der Gazelle egal, und wenn man bei Menschenaffen ist: dem durchaus nicht rein vegetarisch lebenden Schimpansen ist das Leid der von ihnen erjagter Pavianjungen egal.
      Das Grundgesetz ist für Menschen verfasst. Würden Menschen ein Grundgesetz für Affen verfassen, so müßten sie dazu so tun, als könnten sie die Selbstauffassung der Affen erkennen und beurteilen, und sie müßten eine durchaus kolonialistische Attitüde walten lassen („Wir wissen, was für Affen gut ist“).
      Daß die Politik bisher in der Frage des Umgangs mit Todkranken (und nicht nur dort) weitgehend versagt, ist kein Argument für oder gegen irgendeine Art dieses Umgangs. Ob es Menschenwürde gibt oder nicht ist eine andere Frage als die, ob es Politiker gibt, die die Menschenwürde, sofern vorhanden, achten.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Es bleibt Ihnen unbenommen die Tierschutzdebatte sentimental zu finden, genauso wie andere die Debatte rund um Stammzellenforschung und PID für komplett überzogen und lächerlich halten. Aber das nur am Rande. Das Argument – vereinfacht – „Tieren sind andere Tiere egal, also können Menschen Tiere auch egal sein“ – ist natürlich Quatsch, aber wissen Sie selbst am besten. Empathie mit der eigenen Art empfindet jedes höher entwickelte Lebewesen, Empathie mit anderen Arten zu empfinden, das ist der eigentliche Unterschied – das können einige Tierarten übrigens auch. Aber zurück zu Singers Thesen. Sie haben grundsätzlich Recht, dass der Begriff der „Menschenwürde“ im Utilarismus keine übergeordnete Rolle spielt. Singer bringt auch einige (theoretische) Beispiele, die den problematischen Umgang mit diesem Thema unterstreichen. Viel zitiert wird hier – und sie tun das auch – das Thema der schwerstbehindert geborenen Neugeborenen. Singer vertritt hier die Auffassung, dass es unethisch ist medizinische Ressourcen zu verwenden, wenn es keine Überlebenschancen gibt (wobei das in vielen teils autorisierten, teil nicht autorisierten Zitaten widersprüchlich rüberkommt). Die Aufregung darüber ist groß und auch das ist zum Teil heuchlerisch. Denn z.B. bei anenzephal geborenen Kindern wird das ohnehin so gemacht – man lässt sie halt einfach ersticken. Niemand würde auf die Idee kommen ein solches Kind künstlich zu beatmen um das Leben zu verlängern. Was man in Deutschland nicht darf ist solche Kinder aktiv durch Injektion töten – was letztlich aber nur den Sterbeprozess oder – wenn Sie so wollen – das Leiden verlängert. Also wieder die Botschaft an den Arzt – „machen Sie sich die Finger nicht schmutzig, stirbt sowieso von alleine“. Mit Achtung der Menschenwürde hat das auch nicht wahnsinnig viel zu tun.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Sie schreiben: „Das Argument – vereinfacht – “Tieren sind andere Tiere egal, also können Menschen Tiere auch egal sein” – ist natürlich Quatsch“ – weswegen ich das auch nicht geschrieben habe, sondern: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich überhaupt einen Deut darum schert, wie es anderen Arten geht, die ihm nicht unmittelbar zum Leben dienen, und dem daran liegt, daß Arten, die er ißt, nicht übermäßig leiden. Dem Löwen ist das Leid der Gazelle egal…“ – und gewiß merken Sie, daß mein Satz genau das Gegenteil von dem heißt, was Sie mir unterstellen, geschrieben zu haben.
        Singer hat ganz klar gesagt, daß schwerbehinderte Babys, daß überhaupt Menschen, die ihren Willen nicht erkennbar äußern können und bei denen man eine nur geringe Lebensqualität vermuten (nicht: wissen) kann, weniger Lebensrecht haben als andere.
        Was acephale Kinder angeht, so argumentieren Sie etwas seltsam: Erst sagen Sie, daß Leidensfähigkeit eine Rolle spielt, dann, daß Behinderte unter bestimmten Umständen getötet werden dürfen, und dann, daß acephale, die man sterben läßt, leiden (wie denn? Ohne die zum Schmerz- und Angstempfinden notwendigen Hirnzellen?). Im Übrigen ist wirksame Palliativmedizin auch dann keine aktive Tötung, wenn sie als Nebenwirkung der Schmerz- und Angstlinderung auch lebensverkürzend wirkt.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Liebe Frau Sperlich,

        ich habe mit dem „Quatsch“ auch nicht Sie gemeint sondern nur eine Meinung wiedergegeben, die sehr weit verbreitet und immer wieder zu lesen ist. Dass dem Löwen das Leider der Gazelle genauso egal ist wie dem Chinesen das Leid des Kragenbären ist ebenfalls klar. Aber das nur am Rande. Lebend geborene anenzephale Kinder haben Schmerzempfinden, sie reagieren auf Schmerz. Ich habe auch nie mit Leidensfähigkeit argumentiert, mein Thema ist ein anderes und das hat auch Singer thematisiert. Wir gehen davon aus, dass Ressourcen und Leistungen im Gesundheitsbereich eine vordefinierte Größe sind, die sich ganz sicher nicht nach oben entwickeln wird. In diesem Umfeld ist es – nach Singer gesprochen – unsinnig medizinische Ressourcen zu verwenden um Schwerstbehinderte oder Todkranke künstlich am Leben zu halten. Singer geht hier sogar so weit zu sagen es wäre ethischer sie gleich zu töten als leiden zu lassen. Ich teile das nicht, finde aber gleichzeitig die Aufregung darüber heuchlerisch. Klar ist aber, dass auch christliche Politiker in diesem Zusammenarbeit immer wieder verlangen, die Betreuung von Schwerstbehinderten und die Palliativpflege auszubauen, gleichzeitig aber in der nächsten Budgetabstimmung für Kostenkürzungen im Gesundheits- und Pflegebereich plädieren. Die selben Leute regen sich dann fürchterlich über Singer auf. Und das finde ich ist eben Heuchelei.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Dank für die Klarstellung!
        Was den Vorwurf der Heuchelei angeht – sicher gibt es Heuchler auf beiden, auf allen Seiten. Nur wird die unbedingte Achtung der Menschenwürde nicht falsch dadurch, daß es auch ein paar Heuchler gibt, die diese Achtung behaupten zu haben.
        Singers Argumentation funktioniert nur, wenn man von vornherein Behinderten weniger Wert zugesteht als Gesunden. Sonst ließe er auch die umgekehrte Argumentation zu: Von zwei Kindern, eines gesund, eines schwerbehindert, soll eines zugunsten des anderen sterben – warum nicht das Gesunde? Das hat ja schon ein bißchen Freude und Wohlgefühl gehabt im Leben, das andere noch nicht, und man muß ja gerecht sein.

        Das ist eine genauso unsinnige Argumentation wie die von Singer. Aber Singer würde sie weit von sich weisen.

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