Das ZdK versucht, mich zu vertreten – und scheitert.

Ich wurde auf einen Artikel im publik-forum aufmerksam gemacht; ich fühle mich gereizt, weil sein Autor Thomas Seiterich sich anmaßt, mir als Katholikin zu sagen, daß ich, weil katholischer Laie und Frau, ihm von vornherein zustimme. Das tue ich nicht.
Im Folgenden nehme ich den Artikel unter die katholische Lupe und antworte darauf.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) verabschiedete am Wochenende einstimmig ein vorwärtsweisendes Papier über Familie, Sexualität und sexuelle Minderheiten. Damit heizen die Katholiken ihren deutschen Bischöfen ein: Die sollen auf der weltweiten Familiensynode, zu der Papst Franziskus im Oktober in den Vatikan einlädt, dafür sorgen, dass die katholische Kirche möglichst viele ihrer inneren Blockaden überwindet Das ZdK fordert Formen der Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sowie von Ehen wieder verheirateter Geschiedener.

Vorwärtsweisend mag es sein – fragt sich nur, was da vorne liegt. Wenn vor mir ein Hundehaufen liegt, versuche ich ihm auszuweichen.
Es ist nicht die Aufgabe von Katholiken, „den Bischöfen“ einzuheizen, weder den deutschen noch dem von Rom.
Innere Blockaden kann man meiner Erfahrung nach am ehesten überwinden, wenn man sich an die katholische Lehre hält. Die Annahme, Sexualität sei mehr oder weniger beliebig, ein Versprechen dürfe auch mal gebrochen werden und Kinder müßten nicht zugelassen werden, blockiert die unbedingte Liebe. Die Annahme, ein Gebot Gottes könne eventuell gar nicht so gemeint sein, blockiert das unbedingte Vertrauen in den Schöpfer und Heiland.

Dazu müssten liturgische Formen weiterentwickelt werden. So steht es in dem einstimmigen Beschluss, den die Vollversammlung des ZdK – die Vertretung der Laien in der Kirche – in Würzburg soeben verabschiedete. Das Papier zielt auf die Weltbischofssynode im Oktober 2015.

Nur weil die Vollversammlung des ZdK etwas beschließt, „muß“ es noch keinesfalls geschehen – das gilt auch für die Weiterentwicklung liturgischer Formen. Ich halte mich an das Zweite Vatikanische Konzil, liebe den Novus Ordo und sehe die Liturgien der katholischen Kirche als perfekt an. Perfektes muß nicht weiterentwickelt werden – im Gegenteil: es würde durch eine wesentliche Änderung oder Zutat zerstört. Die Liturgie bietet viel Freiheit in der Ausgestaltung; mehr wäre Beliebigkeit.

Das ZdK reißt die katholischen Tore weit auf: Es brauche eine »vorbehaltlose Akzeptanz des Zusammenlebens in festen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften« und eine klare Positionierung gegen noch bestehende Ausgrenzungen homosexueller Menschen. Zudem fordert das ZdK eine Neubewertung der Methoden sogenannter »künstlicher Empfängnisverhütung«. In keinem anderen Lebensbereich gebe es eine vergleichbar große Differenz zwischen dem päpstlichen Lehramt und den persönlichen Gewissensentscheidungen der meisten gläubigen Katholiken. Zudem müsse die Kirche wieder Sprachfähigkeit gewinnen, indem sie einen unbefangenen Zugang zur menschlichen Sexualität finde. Das sind klare Ansagen.

Eine vorbehaltlose Liebe zu allen Menschen (also weit mehr als Akzeptanz) ist kirchliche Lehre. Eine vorbehaltlose Akzeptanz jeder Handlung und Lebensweise, also totale Beliebigkeit, ist unchristlich und unkirchlich. Alles akzeptieren heißt nichts wichtig nehmen. Es ist mit dem Christentum nicht vereinbar, Sex und die Möglichkeit von Kindern zu entkoppeln; das Wunder der Sexualität muß auch weiterhin Leben bewahren, nicht Leben verhindern.

Die Laien sagen mit Entschiedenheit: Nach zwei äußerst konservativen Päpsten aus Polen und Bayern müssten nun Brücken zwischen Alltag und Lehre gebaut werden. Dafür gelte es, die kirchliche Lehre vom Evangelium her kritisch zu reformieren.
Die Katholiken betonen, dass auch in anderen Formen des Miteinanderlebens Werte der Ehe wie Liebe, Treue und Verlässlichkeit gelebt würden. Das ZdK erklärt: »Diese Lebens- und Familienformen gilt es ausdrücklich wertzuschätzen, auch wenn sie nicht der Form einer sakramentalen Ehe entsprechen.«

Als Frau und Laie sage ich mit Entschiedenheit: Nach zwei die Lehre bewahrenden Päpsten aus dem durch Jahrhunderte des Leids so tapfer katholischen Polen und dem immer noch so urwüchsig wie fröhlich katholischen Bayern haben wir nun einen Papst aus dem mir sehr fremden, immer noch mehrheitlich katholischen Argentinien, der ebenfalls die Lehre bewahrt, auch wenn das viele gern anders sehen würden. Alle drei wissen und sagen auf verschiedene Weisen, daß die Kirche mit ihrer Lehre eine Brücke ist zwischen Alltag (also Welt) und Himmel, und daß die Brücke zwischen Alltag und Lehre im Beichtstuhl gebaut wird.
Daß es Liebe, Treue und Verläßlichkeit auch unter Sündern gibt, hat die Kirche nie bestritten. Wahrscheinlich ist niemand vollkommen schlecht, ebenso wie niemand vollkommen gut ist. Nur gilt es eben nicht, die Sünde zu wertzuschätzen, sondern das Gute, das auch im Sünder ist, zu fördern, und Menschen, die sich von der Kirche entfernt haben, auf den richtigen Weg zu helfen.

Singles und alleinerziehende Eltern müssten ganz anders als bisher in das Gemeindeleben eingeladen und einbezogen werden.

Als Alleinstehende kann ich bestätigen, daß Alleinstehende von der Kirche ebenso wie von der Welt oft zu wenig Vertrauen bekommen. Zugleich aber kann ich sagen: Ich bin in unserer Gemeinde aktiv, indem ich schreibe, Vorträge halte und singe; das wird gerne angenommen, und ich freue mich darüber.

Und für die wieder verheirateten Geschiedenen solle die Möglichkeit bestehen, »auf Grundlage einer fundierten Gewissensentscheidung« auch zu den Sakramenten, insbesondere zur Kommunion, zugelassen zu werden.

Warum sollte es? Die Unauflöslichkeit der Ehe steht nicht zur Disposition. Das hat zur logischen Folge, daß eine Wiederheirat eine schwere Sünde ist. Im Zustand schwerer Sünde ist der Empfang der Kommunion nicht erlaubt (außer in Todesgefahr). Grund dafür ist die Überzeugung, daß Gott und Sünde nicht zusammenpassen. Reue und der ehrliche Wunsch nach Besserung sind Vorbedingungen für den Empfang der Kommunion.
Wenn ich mir einer schweren Sünde bewußt bin, gehe ich nicht zur Kommunion, bis die Sache durch Beichte und Absolution bereinigt ist. Bei Unsicherheiten frage ich einen Priester. (Das ist nicht so viel anders als das Vermeiden bestimmter Dinge, wenn man nicht ganz gesund ist – und das Konsultieren eines Arztes, wenn man nicht weiß, ob man etwas aus ärztlicher Sicht darf oder nicht. Es ist nur wichtiger.)

Federführend bei diesem Positionspapier ist die Theologieprofessorin Dorothea Sattler. Sie kritisiert theologisch die alte Ehelehre. Diese habe einseitig abgehoben auf den Moment der Eheschließung und kein sonderliches Interesse dafür aufgebracht, wie denn in den folgenden Jahrzehnten Ehe gelebt oder nicht gelebt wurde. Dies sei eine Lehre, die die Menschen fast zwangsläufig habe überfordern müssen. Die Kirche habe die Eheleute faktisch allein gelassen, wenn das einstmals von den Brautleuten erhoffte Glück sich in Unglück, Gewalt und Elend verkehrte hätte.

Das ist schlichtweg unwahr. Die Brautleute versprechen sich vor dem Angesicht Gottes Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Die Kirche ist mit Ehe- und Lebensberatung, geistlicher Begleitung, Seelenführung durch Priester, mit dem Sakrament der Beichte und mit Gebeten immer an der Seite der Eheleute.

Statt dessen brauche es eine menschennahe wie evangeliumsnahe Lehre, die den Verlauf, die lange Strecke des Lebens der Paare respektiere und schätze. Und, so Dorothea Sattler, es braucht »Gradualität«. Damit meint sie ein maßvolles Angehen von eventuell auftauchenden Divergenzen des Lebens zur kirchlichen Lehre.

Die Lehre der Kirche richtet sich nach dem Evangelium und dadurch an alle Christen, darüber hinaus an alle Menschen. Liebe ist für die Kirche keine graduelle, sondern eine absolute Sache. Maßvolles Handeln gehört zu den von der Kirche propagierten Kardinaltugenden. Aber Sakramente sind nicht Handlungen, bei denen ein sinnvoller Maßstab angelegt werden muß, sondern von Gott erwiesene Gnaden. „Gradualität“ läßt sich damit nicht vereinen. Es ist Unsinn zu sagen „Ich liebe dich erstmal, laß uns heiraten und dann mal schauen, wie lange wir es miteinander aushalten“.

Zu einer Doppelspitze nach dem Strickmuster Frau/Mann hat sich das Zentralkomitee nicht durchgerungen. Im Vorfeld der Vollversammlung hatte dieser Vorschlag der doppelspitzen-erfahrenen Jugendverbände sowie von Vertretern der Bistümer Paderborn, Köln, Münster und Essen für Aufsehen gesorgt. Den Antrag lehnte eine große Mehrheit der ZdKler aber ab. Blockaden lösen auf der Ebene der katholischen Kirchenlehre, Blockaden halten in der Machtfrage zwischen Frau und Mann? Das Präsidium weist eine solche Interpretation weit von sich. Es argumentierte, es sei wichtig, gerade in einer medienbezogenen Zeit mit EINER Persönlichkeit in Kirche, Politik und Gesellschaft vertreten zu sein. Mögliche Differenzen von zwei Personen würden im Zweifel dem ZdK und seinem Ansehen in der Öffentlichkeit schaden.

Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt zahlreiche Frauen, die mehr bewirkt haben und mehr zu sagen hatten (und durch ihre Verdienste ebenso wie durch ihre Frömmigkeit bis heute zu sagen haben) als alle weiblichen Doppelspitzenhälften von Jugendverbänden und – eventuell – ZdK zusammen. Ich finde es albern und auf eine vertrackte Art sexistisch, Frauen deswegen in Führungspositionen zu berufen, weil sie Frauen sind (und nicht nur, weil sie fähig sind).

Und – selbstverständlich – stünde des Amt der ZdK-Präsidenten auch einer Frau offen. Nun wird im November ein Nachfolger für den seit 2009 amtierenden Bayern Alois Glück (CSU) gewählt werden. Gute Aussichten werden dem Berliner SPD-Politiker Wolfgang Thierse, einem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, nachgesagt. Er wäre der erste Nicht-Unionspolitiker im Amt des ZdK-Präsidenten seit Gründung der Bundesrepublik.

Nett, daß ich ZdK-Präsidentin werden dürfte. Ich will es ebenso dringend wie Priesterin werden – nämlich ganz sicher nicht. Da sei Gott vor.
Wer im übrigen Präsident oder Präsidentin des ZdK ist, wird oder gewesen sein wird, ist mir wirklich nicht wichtig.

Ich bin von der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche weder blockiert noch unterdrückt. Ich gehöre ihr an aus freiem Willen und in der Freiheit der Kinder Gottes. Ich wünsche nicht, als verhuschtes Mäuschen dargestellt zu werden von Menschen, die sich anmaßen, zu wissen, was gut für mich ist. ZdK, lass mich in Ruhe.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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