Auf die Straße gegen Kindermord

Morgen, am Dienstag nach Pfingsten, dem 26. Mai 2015, wird der australische Philosoph Peter Singer in der Urania einen Preis erhalten für seine Verdienste um die Verminderung von Tierleid.

Auch wenn ich Singers Ideen zur Tierleidverminderung und sein Great Ape Project falsch und zum guten Teil sentimental finde, würde es mich schlimmstenfalls ein wenig amüsieren, wenn eine Initiative sich nach einem Philosophen benennt, einen Preis mit dem Namen dieses Philosophen ins Leben ruft und ihn dann als erstem diesem Philosophen verleiht. Das könnte als Realsatire zum Thema Eitelkeit durchgehen.

Nur ist Peter Singer nicht so sehr durch das Great Ape Project bekannt geworden, sondern durch seinen Präferenzutilitarismus und die in seinem Gedankengebäude logische Folge, Menschenrechte an Bedingungen zu knüpfen. Nach dieser Auffassung ist Abtreibung eine Banalität, die es nicht weiter zu diskutieren, sondern einfach zu erlauben gilt. Ferner unterstützt Singer die von Minerva und Giubilini aufgestellte Forderung, die Kindstötung – zumindest im Falle von Behinderung, möglicherweise generell – freizugeben.

Ich bin nicht die einzige, die es unter diesen Umständen für falsch hält, einen Preis für irgendwelche Verdienste zu verleihen, zumal es im wesentlichen um das gleiche Thema geht, nämlich die Praktische Ethik. Peter Singer hat mehrmals klargestellt, daß er das Recht auf Leben als bedingt durch Leidensfähigkeit und die Fähigkeit, Freude zu empfinden, knüpft. So wichtig diese beiden Fähigkeiten sind, so falsch ist es, sie zur Bedingung zu machen (und so einem Menschen mit geringer oder ganz ohne Leidensfähigkeit dies Recht ebenso abzusprechen wie einem Menschen, der sehr starkem Leiden unterworfen ist).

Am 24. Mai 2015 sagte Peter Singer in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung ausdrücklich, er könne sich Fälle vorstellen, bei denen die Tötung oder auch die Folterung eines Säuglings nicht nur für gerechtfertigt, sondern für moralisch geboten hält:

NZZ: Wenn Sie vor einem brennenden Haus stünden, in dem sich 200 Schweine und ein Kind befänden, und Sie könnten entweder die Tiere oder das Kind retten, was täten Sie?

Singer: Das Leid der Tiere wird irgendwann so gross, dass man sich entscheiden sollte, die Tiere zu befreien und nicht das Kind. Ob dieser Punkt bei 200 oder bei zwei Millionen Tieren erreicht ist, weiss ich nicht. Aber man darf nicht unendlich viele Tiere verbrennen lassen, um das Leben eines Kindes zu retten.

NZZ: Würden Sie so weit gehen, ein Baby zu foltern, wenn es der ganzen Menschheit dauerhaftes Glück verschafft?

Singer: Diese Frage stammt aus Tolstois «Die Brüder Karamasow»; Iwan stellt sie seinem Bruder Aljoscha. Ich wäre vielleicht nicht in der Lage, das zu tun, weil ich durch meine evolutionär entwickelte Natur Kinder vor Schaden bewahren will. Aber richtig wäre es. Denn wenn ich es nicht täte, würden in der Zukunft Tausende Kinder gequält.

Michael Schmidt-Salomon hat auf diese Äußerungen hin abgesagt, die Laudatio zu halten:

Peter Singer hat in diesem Interview Positionen vertreten, die meines Erachtens nicht nur im Widerspruch zu einem humanistisch-emanzipatorischen Politikverständnis, sondern auch im Widerspruch zu seinen früheren Standpunkten stehen. In dieser Situation muss ich die Reißleine ziehen, denn ich kann keine Laudatio auf einen Preisträger halten, bei dem ich nicht einschätzen kann, welche Positionen er tatsächlich vertritt.

Zu dem oben zitierten Absatz über Folterung sagt er an gleicher Stelle:

Das klingt so, als wolle Peter Singer ein weiteres Menschenrecht, nämlich den Schutz vor Folter, zur Disposition stellen. Selbst wenn Peter Singer dies nicht beabsichtigt haben sollte, ist eine derartige Antwort aus dem Munde eines renommierten Ethikers unverantwortlich. Zudem dürfte man von ihm wohl erwarten, dass er die falschen Voraussetzungen der Frage angreift. Denn es ist beim besten Willen nicht vorstellbar, dass die Folterung eines Babys der Menschheit zu dauerhaftem Glück verhelfen könnte. Geht man aber von falschen Alternativen aus, kann die Wahl zwischen ihnen schwerlich richtig sein.

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Herr Schmidt-Salomon!

Nachdem die Kirchen sich leider zu dieser Angelegenheit ausgeschwiegen haben und ein organisierter Protest ausgerechnet von Befürwortern eines „Rechts auf Abtreibung“ ins Leben gerufen wurde, haben sich immerhin mit Hilfe der sozialen Medien verschiedene Christen bereit erklärt, ebenfalls zu protestieren. Meiner Information nach (allerdings leider nicht eben medienwirksam beworben) hat auch der Bundesverband Lebensrecht zu einer Mahnwache am 26.5. um 16.30 Uhr vor der Urania (An der Urania 17) aufgerufen.

Gleichzeitig und am selben Ort finden also zwei Protestkundgebungen gegen die Preisverleihung statt, die erste initiiert vom Aktionsbündnis Kein Forum für Peter Singer. Hinter diesem Aktionsbündnis stehen dieselben Leute, die sonst alljährlich gegen den Marsch für das Leben mobilisieren. Bei aller Freude über wenigstens eine wichtige Gemeinsamkeit ist es für beide Seiten wohl besser, nicht mit- und nicht gegeneinander zu demonstrieren, sondern friedlich nebeneinander.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Auf die Straße gegen Kindermord

  1. Hildesvin schreibt:

    Was deines Amtes nicht ist, davon laß deinen Fürwitz (Sirach), und das Weib halte die Goschen in der Gemeinde (Paulus).
    Noch einen: Bei den Herulern war es Greisen und Siechen nicht gestattet, zu leben, sondern … (Prokopius von Caesarea).
    Die Antifanten, das Böse unter der Sonne, werden Euch Frumben etwas husten!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Immer wieder interessant, wie Du beweist, daß zusammengerafftes Wissen über die Bibel und Bildung zwei ganz verschiedene Dinge sind.
      Das Zitat aus Jesus Sirach magst Du mit Fug und Recht auf Dich selbst beziehen. Paulus hatte hohen Respekt vor den in der Gemeinde aktiven Frauen (Lydia, Prisca u.a.).
      Was Deine Einschätzung der vermutlich unhistorischen Aussage Prokopii angeht, so hast Du damit eine Stellung bekannt, die es mir unmöglich macht, künftig auch nur ein lobendes Wort von Dir über meine Fürsorge für Eichhörnchen zuzulassen. Menschen, die Mord nicht nur billigen, sondern Euthanasie gutheißen, haben in meinem Garten nichts zu suchen.

  2. Klaus Ebner schreibt:

    2 kurze Fragen zu Ihrem Text:
    Sie schreiben, dass Sie Singers Ideen zur Tierleidverminderung und sein Great Ape Projekt falsch finden, wie begründen Sie das? Nicht vor allzu langer Zeit wurden z.B. bei Baxter in Wien ebenso sinnlose wie grausame Versuche an Menschenaffen durchgeführt – warum sollte es falsch sein, dagegen Initiativen zu ergreifen?
    Wo finden Sie in den Textpassagen, die Sie zitieren eine Aufforderung zum „Kindesmord“ der sich in Ihrer Überschrift findet?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Selbstverständlich ist es richtig, Tiere vor unnützem Leid zu schützen. Trotzdem wende ich mich gegen die Radikalität, in der Singer das durchsetzen will.
      Singer vermenschlicht die Befindlichkeiten von Tieren. Auch wenn Affen das gleiche Angst- und Schmerzempfinden haben, dürfte ihnen eine andere Weltsicht zu eigen sein – die wir niemals nachvollziehen können, weil wir eben keine Affen sind.
      Das Great Ape Project will Menschenaffen dem Menschen rechtlich gleichstellen, was bedeutet, fast jede Form von Gefangenschaft eines Menschenaffen zu verbieten. Nun ist das, eben weil wir verschiedene Wesen sind, auch aus der Sicht des Affen nicht sinnvoll. Menschenrechte sind Teil menschlicher Kultur. Es ist klar, daß man Menschen nicht wie in einer Völkerschau ausstellen darf. Daß ein Affe, der ohne Angst vor Hunger oder Freßfeinden, mit liebevoller Zuwendung durch Tierpfleger und mit bestmöglicher Versorgung auch bei Krankheit mehr oder nur ansatzweise so viel leidet als in seinem natürlichen Habitat, glaube ich nicht. Daß der Affe lieber sein natürliches Habitat wählen würde, wenn er intellektuell imstande wäre, zwischen einem gut geführten Zoo und dem schutzlosen Leben in der Wildnis klar zu entscheiden, glaube ich auch nicht. Wenn es darum ginge, entweder einen gesunden erwachsenen Affen oder einen kranken Säugling aus einer Gefahrensituation zu retten, weil beides nicht geht, würde Singer nach eigener Aussage für den Affen entscheiden (und im Falle der Durchsetzung seines Projekts könnte man ihn dabei juristisch nicht belangen). Ich würde mich immer für die Rettung des Säuglings entscheiden, und zwar auch dann, wenn das Kind im dritten Stock, der Affe aber im Erdgeschoß wäre.
      In den og. Zitaten sagt er, daß für ihn Fälle denkbar sind, in denen Tötung durch unterlassene Hilfeleistung sowie Folter an Menschen geboten sind, um im ersten Fall Tiere und im zweiten Fall andere Menschen zu retten. Damit stellt er den Schutz vor Mord und Folter bereits zur Disposition.
      Sodann sagt er an anderen Stellen, es sei „unmoralisch“, ein behindertes Kind auszutragen, und argumentiert, die Erhaltung eines behinderten Kindes sei aufwendiger als die eines gesunden Kindes, wobei das behinderte Kind mehr Leid erlebe und verursache als das gesunde. Singer wägt Menschenleben gegeneinander ab und erklärt, das Recht auf Leben sei nicht absolut, sondern disponibel. Abtreibung ist für ihn eine Banalität. Er begründet das mit dem Personenbegriff – für ihn ist erst die Person schutzwürdig, nicht der Mensch von Anfang an. Da ein Mensch in der Tat vermutlich in den ersten Lebensjahren zur Person reift, hieße die Durchsetzung, er sei erst ab einem gewissen Grad des Personseins, den man natürlich gar nicht festlegen kann, schutzwürdig.
      Singer unterstützt die Legalisierung von Kindermord und die Position von Minerva und Giubilini (oben verlinkt).

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