Zwei Mahnwachen

Die gestrige Ehrung des Philosophen und Euthanasiebefürworters Peter Singer wurde von zwei Mahnwachen begleitet.

Die eine, erheblich größere, war von einer Seite mit der Webadresse „no218nofundis“ – die früher vom Bündnis gegen den „Marsch für das Leben“ geführt wurde – organisiert. (Bei allen Differenzen bin ich wirklich dankbar, daß sie auf die Ehrung aufmerksam gemacht und Protest organisiert haben. Von kirchlicher Seite gab es ja leider keine Stellungnahmen.)

Ich kam früh vor der Urania an. Ein Mann fragte mich schon vor Beginn der Veranstaltung in gebrochenem Deutsch, was da los sei. Ich erklärte es ihm. Er hatte von Singer noch nie gehört, sah mich mit ungläubigem Entsetzen an und sagte „Derr ist ja vollkommen varrruckt.“ Das war vielleicht nicht die differenzierteste, aber eine der schönsten Aussagen des Tages.

Mehrere Rollstuhlfahrer waren bereits versammelt. Von ihnen sagte einer wörtlich: „Neben Lebensschützern möchte ich nicht gesehen werden.“ (Er sagte noch mehr, aber dies war der freundlichste Satz.) Ein anderer zeigte sich zwar toleranter, ließ aber auch keinen Zweifel an seiner Abneigung gegen alles Christliche. Ich fand es daraufhin besser für beide Teile, auch räumlich Abstand zu wahren. Wir sind uns in einer wesentlichen Sache einig und in anderen, nicht minder wesentlichen Sachen uneinig – und wir sind uns unsympathisch. Also müssen wir während einer gemeinsamen Sache nicht direkt nebeneinander stehen, wenn es sich vermeiden läßt.

Der Platz vor der Urania füllte sich. Die Lebensschützer versammelten sich auf dem Mittelstreifen gegenüber, von wo Passanten und an der Kreuzung haltende Autofahrer einen guten Blick auf die Banner hatten. Wir waren auf diese Weise sicht- und ansprechbar, zugleich so weit von jenen atheistischen Demonstranten entfernt, daß es keine Reibereien gab. Zwar rief irgendwann eine nicht behinderte Demonstrantin gegen Singer in unserew Richtung „My body, my choice – raise your voice“ – aber es wurde (vermutlich zu ihrer Enttäuschung) nicht von der Menge skandiert. (Es war wohl zu vielen klar, daß es bei der Mahnwache gerade nicht um Differenzen zwischen Gegnern des § 218 und Lebensschützern ging, sondern um Differenzen zwischen Euthanasiegegnern und Euthanasiebefürwortern.)

Bemerkenswert war, wie sich hier ausgesprochene Erzfeinde zusammenfanden. Bedauerlich fand ich einige im Vorbeigehen hingeworfene Bemerkungen Lebensschützern gegenüber („zum Kotzen“, „Unterdrücker“, „frauenfeindlich“ etc.) – alle ausgesprochen von Menschen, die zu dem atheistischen Teil der Mahnwache gingen. Kein Lebensschützer hat irgendeinen der Anwesenden beleidigt (es sei denn, unsere bloße Anwesenheit in Sichtweite betroffener Atheisten gilt schon als Kränkung).
Trotz dieser unschönen Bemerkungen war es aber eine friedliche und geordnete Aktion. Niemand wurde gewalttätig, und auch die häßlichen Bemerkungen waren nicht bedrohlich.

Gerhard Steier, der Geschäftsführer von Kaleb e.V., gab einem Journalisten ein kurzes Interview.

Quelle: Andreas Kobs

Ich kann nicht wissen, ob durch unsere Anwesenheit vor der Urania irgendjemand beginnt, das Leben freundlicher anzusehen. Aber man darf nichts unversucht lassen. Zumindest haben sich einzelne Menschen für unsere Position interessiert. Eine Frau sprach mich an, ihre Tochter sei Hebamme in einer Klinik und habe viel mit behinderten Säuglingen zu tun – die sie ausnahmslos als wertvolle und wunderbare Menschen erlebe.

Neben der guten Sache gab es auch ein erfreuliches Treffen mit mir bekannten Mitstreitern und hinterher sehr nette Gespräche, sehr lange auch mit einem mir befreundeten Blogger.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Zwei Mahnwachen

  1. Pingback: Dissonanz, kognitive | überschaubare Relevanz

  2. Earonn schreibt:

    Mal schauen, ob das hier als Spam angesehen wird:
    wenn mir eine Fremde irgendwas über einen Menschen erzählt, und ich das unbesehen glaube und diesen Menschen sofort als „verrückt“ bezeichne – dann ist das nicht „schön“, sondern dann ist das dumm, denkfaul, undifferenziert und gefährlich.
    Man braucht Singer nicht mögen. Aber es toll zu finden, wenn mal wieder Gerüchte für eine Veurteilung ausreichen – nein, danke.

    Ich kenne auch die genauen Ziele der „Lebensschützer“ nicht. Solange das Grau beim Problem des zu schützenden Lebens gesehen wird, ist’s okay. Totale Abtreibungsgegner nehme ich erst ernst, nachdem sie eine Niere gespendet haben, um ein Leben zu retten. Von wegen erst mal vormachen, was man von anderen verlangt und so.
    Christlich? Naja, noch vor Singer hab ich die Bibel gelesen, ich kommt mit der ganzen Gewalt nicht klar. Aber bitte, wem’s gefällt und solange man es anderen nicht aufdrängt…

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Alles, was ich über Peter Singer schreibe, läßt sich belegen – und zwar durch Peter Singers Werk. Ich zitiere ihn mehrfach.
      Oh ja… die beschriebene Reaktion auf meine Erklärung, natürlich – nun, ich hatte dem Mann wahrheitsgemäß gesagt, daß Singer der Ansicht ist, man dürfe unter bestimmten Umständen Kinder nach der Geburt töten. Das entspricht der Wahrheit – er sagt das und schreibt das, übrigens schon längere Zeit, Schmidt-Salomon hätte es schon 2013 merken können. Der zitierte spontane Satz ist meiner Ansicht nach durchaus verständlich, und ja, mir hat er gefallen. Im übrigen glaube ich nicht, daß Du alles, was man Dir sagt, erst überprüfst und dann kommentierst.
      Das Wort „verrückt“ kommt sonst in keinem meiner Artikel zum Thema Peter Singer vor.
      Mit dem Thema Organspende habe ich mich auseinandergesetzt.

  3. Earonn schreibt:

    Stimmt. Das Wort war „varrruckt“. Das ändert alles.
    Und soweit ich sehen kann, habe ich nirgends behauptet, es käme in irgend einem deiner Artikel vor.
    Oh the irony.

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