Sterbehilfe und Menschenwürde

Die Diskussion zu einem Artikel über Tierrechte bringt mich zur Darlegung meiner Gedanken über die Verfügbarkeit des Lebens.

Leiden vermindern ist gut. Leiden nicht lindern, obwohl man es könnte, ist schlecht.
Beides wird jeder, unabhängig von seiner Sicht auf die Welt, bestätigen.

Oft dient die Verminderung von Leiden als Argument für die Tötung von Menschen, und zwar im Fall von Abtreibung und Sterbehilfe. (Daß es sich in beiden Fällen um Tötung von Menschen handelt, ist nicht zu leugnen; jeder Biologe kann das bestätigen.)

Ich lehne Abtreibung und Sterbehilfe grundsätzlich ab. Dabei sehe ich mich mit zwei Vorwürfen konfrontiert – vermeidbares Leid zu erzwingen und die freie Entscheidung eines Leidenden zu mißachten. Ich nehme diese Vorwürfe ernst, zumal ich sie selbst früher geäußert habe.

Daß zu erwartendes Leiden kein Argument für die Tötung eines Menschen sein darf, habe ich schon einmal erwähnt.

Angenommen, bei einer Schwangerschaft wäre sicher nachweisbar, daß das Kind keine Aussicht auf ein glückliches Leben hätte, und der Nachweis gelänge in einem Stadium, in dem das Kind noch kein Empfinden hat. Angenommen, die Mutter wäre vollkommen von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugt, vollkommen imstande, eine unbeeinflußte Entscheidung zu treffen, und es wäre sicher, daß der Abbruch der Schwangerschaft für sie weder körperlichen noch seelischen Schaden darstellte. Wäre es dann nicht in Ordnung?

Es würde auch dann über das Leben eines Menschen entschieden, und zwar ohne die Möglichkeit seiner Einwilligung. Natürlich wird über ein kleines Kind notwendig immer entschieden. Auch gegen seinen deutlichen Willen wird ein Baby gewaschen, ins Bett gelegt, angezogen, beim Arzt untersucht, von gefährlichen Dingen ferngehalten. Das aber sind Entscheidungen zugunsten des Lebens. Die Entscheidung zur Tötung ist kategorisch anders.

Eine Entscheidung zur Tötung ist es auch dann, wenn von vornherein klar ist, daß das Kind auch mit medizinischer Hilfe nicht lebensfähig ist. Töten, weil ein Mensch ohnehin bald sterben wird, ist eine eigenmächtige Handlung über ein Leben, über das eigenmächtig nicht entschieden werden darf – nicht, wenn man Menschenwürde als unbedingt und immer schützenswert ansieht.

In der Argumentation für die Legalisierung der Sterbehilfe wird mit der Entscheidungsfreiheit leidender Menschen argumentiert. Von Gegnern der Sterbehilfe wird gern gesagt, diese Freiheit sei ohnehin nie sicher; es werden Fälle angeführt, in denen die eindeutige Zustimmung des Kranken zweifelhaft oder ausgeschlossen ist – Kinder, Patienten im Koma, Demente.

Das sind richtige Einwände, aber sie klammern die Fälle aus, in denen die Entscheidung unzweifelhaft von einem geistig klaren Kranken nach Überlegung und ohne Druck von außen gefällt wird. Mehrere solcher Fälle wurden bereits in Fernsehdokumentationen vorgestellt. Hier ging es um intelligente, geistig wache Menschen, die unheilbar krank waren, immer hinfälliger wurden und kommen sahen, daß sie jede Kontrolle über die Vorgänge in ihrem Körper und in einigen Fällen auch über ihren Geist verlieren würden. Der Entschluß, zu sterben, wurde in diesen Fällen gegen den Wunsch der Familie durchgesetzt. Der Tod fand im Kreis der Familie, in ruhiger, liebevoller Atmosphäre, ohne Schmerzen statt.

Ich kann derartige Fälle von Sterbehilfe trotz meiner Einstellung verstehen, auch wenn ich sie nicht billige. Ich kann mir ausmalen, wie ich unter solchen Symptomen leiden würde. Wahrscheinlich würde ich auch sterben wollen – und hoffentlich würde ich es nicht verlangen. In meiner Patientenverfügung habe ich mich hierzu klar ausgedrückt und hoffe, ich werde hiervon nie abrücken.

Daß ich dennoch generell gegen Sterbehilfe bin, hat außer der Gefahr des Mißbrauchs – die in der genannten Dokumentation nicht erwähnt wurde – zwei Gründe. Der eine ist meine katholische Religion. Ich bin überzeugt, daß ich meinen Tod nicht selbst in die Hand nehmen darf. Lebensverkürzende Nebenwirkungen von Schmerzmitteln sind hinzunehmen; über die Linderung von Angst und Schmerzen hinausgehender Gebrauch von Medikamenten ist nach katholischer Auffassung Sünde.

Die direkte Euthanasie besteht darin, daß man aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln auch immer dem Leben behinderter, kranker oder sterbender Menschen ein Ende setzt. Sie ist sittlich unannehmbar.

Eine Handlung oder eine Unterlassung, die von sich aus oder der Absicht nach den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende zu machen, ist ein Mord, ein schweres Vergehen gegen die Menschenwürde und gegen die Achtung, die man dem lebendigen Gott, dem Schöpfer, schuldet. Das Fehlurteil, dem man gutgläubig zum Opfer fallen kann, ändert die Natur dieser mörderischen Tat nicht, die stets zu verbieten und auszuschließen ist.

Die Moral verlangt keine Therapie um jeden Preis. Außerordentliche oder zum erhofften Ergebnis in keinem Verhältnis stehende aufwendige und gefährliche medizinische Verfahren einzustellen, kann berechtigt sein. Man will dadurch den Tod nicht herbeiführen, sondern nimmt nur hin, ihn nicht verhindern zu können. Die Entscheidungen sind vom Patienten selbst zu treffen, falls er dazu fähig und imstande ist, andernfalls von den gesetzlich Bevollmächtigten, wobei stets der vernünftige Wille und die berechtigten Interessen des Patienten zu achten sind.

Selbst wenn voraussichtlich der Tod unmittelbar bevorsteht, darf die Pflege, die man für gewöhnlich einemkranken Menschen schuldet, nicht abgebrochen werden. Schmerzlindernde Mittel zu verwenden, um die Leidendes Sterbenden zu erleichtern selbst auf die Gefahr hin, sein Leben abzukürzen, kann sittlich der Menschenwürde entsprechen, falls der Tod weder als Ziel noch als Mittel gewollt, sondern bloß als unvermeidbar vorausgesehen und in Kauf genommen wird.

Die Betreuung des Sterbenden ist eine vorbildliche Form selbstloser Nächstenliebe; sie soll aus diesem Grund gefördert werden.

Katechismus der Katholischen Kirche, 2276-2279

Der andere Grund ist von Religion unabhängig (auch wenn sie ihn bestätigt). Mit dem Verlangen nach Sterbehilfe bürdet der Sterbende einem Lebenden auf, zu töten (auch wenn es sich um Beihilfe handelt, also z.B. das Besorgen und Bereitstellen tödlicher Medikamente). Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz der Sterbehilfe wird bereits vor der Legalisierung eine Atmosphäre geschaffen, in der die Entscheidung für das Leben leidender Menschen gerechtfertigt werden muß. „Das wäre doch nicht nötig gewesen“ ist ein Satz, den Eltern behinderter Kinder schon lange immer wieder hören müssen. Nicht selten fragen Ärzte bei bedenklichen Ergebnissen einer Voruntersuchung sofort, ob die Mutter das Kind behalten wolle. Eine vergleichbare Atmosphäre wächst derzeit gegenüber Todkranken, Dementen, Komatösen und Schwerbehinderten. Es wird dabei nicht nur die Würde der Kranken von Gesunden, aber teilweise auch von ihnen selbst mißachtet, sondern auch die Würde derer, die Sterbehilfe leisten – oder von denen dies erwartet wird. Auch wenn ein Mensch im Moment der Tat und noch lange danach der Ansicht ist, er handle aus reiner Nächstenliebe, wird er nie mehr sagen können „Ich habe keinen Menschen umgebracht“. Wie belastend das ist, wissen auch Menschen, die in Notwehr töten mußten, beispielsweise bei Geiselnahmen. Wenn es nun schon schwer auf einem Menschen lastet, einen Schuldigen zur Rettung anderer getötet zu haben (Polizeipsychologen können ein Lied davon singen), wird es umso härter, wenn der Getötete von vornherein eindeutig unschuldig war. Kein Mensch kommt ohne seelischen Schaden davon, wenn er getötet oder zur Tötung verholfen hat.

Mir ist klar, daß meine Argumente von vielen Menschen nicht nachvollzogen werden. Menschenwürde und alles, was damit zusammenhängt, ist nicht beweisbar, sondern ein Postulat. Davon wird sie aber nicht unvernünftig. Ohne die Annahme einer absoluten Menschenwürde wird das Lebensrecht grundsätzlich zur Disposition gestellt. Der Preis für die Menschenwürde ist hoch – er kann in Leiden bestehen, in Mitleiden, im hilflosen Zusehen beim Leid eines geliebten Menschen. Billiger war sie nicht zu haben.

Advertisements

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.