Ein wildes Doppel

Kürzlich erschien im fe-Medienverlag die doppelte Künstlerbiographie Gute Ehen werden in der Hölle geschlossen von Alfred Sobel. Der sperrige Untertitel Das wilde Leben des Künstlerpaares Hugo Ball und Emmy Hennings zwischen Dadaismus und Glauben weist auf einen Künstler, der fast ausschließlich durch seine kurze jugendliche Episode des Dadaismus bekannt ist, und eine Künstlerin, die fast vergessen ist.

Zwei komplizierte Menschen haben sich da gefunden: arm waren beide, drogensüchtig und mit Gefängniserfahrung sie, getrieben und schwermütig er. Sobel stellt Leben und Beziehung beider Künstler vor, nicht aber ihr Werk – und er hat mir damit große Lust gemacht, es kennenzulernen. Er schreibt stilsicher und gut lesbar, sachlich und doch mit klarer Position: Ein Katholik zeigt den gemeinsamen Weg zweier Menschen zum Katholizismus. Es ist ein Weg mit zahlreichen Neben- und Umwegen, voll Irrtum, Zweifel, Sünde – und Heiligkeit. Die Liebe der beiden zueinander hatte Bestand trotz aller schweren Verfehlungen – Sucht und Affären, Gewalt und Bevormundung – und bestärkte beide in der Suche nach Gott.

Man kann diese spannende Biographie nicht ohne innere Beteiligung lesen. Alfred Sobel hat recherchiert und sachlich geschrieben; romanhaft wurde das Buch durch den Stoff von selber. Empfehlenswert auch für literaturliebende Atheisten – mit der möglichen Nebenwirkung, daß sie hinterher nur noch literaturliebend sind.

Ein guter Teil aus Hugo Balls Werk ist im Netz frei verfügbar; Emmy Hennings‘ Werk wird das erst 2019 sein. Ein Liebesgedicht aus ihrer Feder ist auf Youtube zu hören. Ein Sonett von Hugo Ball berührt mich in besonderer Weise:

An lichtgewobener Kette

An lichtgewobener Kette muß ich hängen
Aus hohen Himmeln in das trübe Leben,
Genötigt hin und her zu schweben,
Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen.

Man haucht mich an mit Worten und mit Klängen,
Und schon will meine Flügelwaage beben.
Um die Erschütterungen aufzuheben,
Dreh ich mich in den ewigen Gesängen.

So sieht man wohl in frommen Kemenaten
Aus Watte und aus Werg an einem Faden
Die Geistestaube schweben im Geviert.

Sie lauschet unter Kerzen und Gebeten
Den sieben Gaben und den scheuen Reden,
Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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