Kann man um Unsichtbares trauern?

In der Debatte um Abtreibung geht es immer wieder um Fristen. Die in den USA mögliche Spätabtreibung – in einigen Bundesstaaten bis unmittelbar vor der Geburt möglich und praktiziert – läßt nicht nur dort Menschen unabhängig von ihrer sonstigen Haltung zur Abtreibung schaudern. Es ist für die meisten Menschen ein Unding, ein lebensfähiges, vollkommen sichtbar menschliches und in der Regel niedliches Wesen zu töten, selbst dann, wenn es behindert ist. (Nicht für alle Menschen; Singer, Alberto, Giubilini u.a. sind da anderer Ansicht.)

Damit wird Wahrnehmbarkeit und Niedlichkeit zum Argument für das elementare Recht auf Leben und Unversehrtheit. Viele, wenn nicht die meisten Befürworter eines „Rechtes auf Abtreibung sind für eine Fristenregelung, d.h. die legale Möglichkeit zur Abtreibung bis zu einem Zeitpunkt, an dem das Kind eben noch nicht ganz zweifelsfrei menschlich aussieht, sondern dem Augenschein nach mit einem Schweineembryo verwechselt werden kann, und zu dem es möglicherweise noch kein sehr stark ausgeprägtes Schmerzempfinden hat und mit großer Sicherheit noch keinen eigenen Willen. Dies alles macht aber das Kind nicht zu etwas anderem als einem Menschen. Die Tötung menschlicher Morulae, Embryonen, Föten oder wie immer das Stadium benannt werden kann, ist ganz grundsätzlich Tötung von Menschen.

Eine Frau, die ihr Kind will und im zweiten Monat durch Spontanabort verliert, ist traurig. Wahrscheinlich trauert sie auf andere Weise und weniger heftig als eine Frau, die ihr Kind verliert, wenn es unter normalen Umständen schon außerhalb des Mutterleibes lebensfähig wäre, wenn es schon niedlich ist und wenn sie es schon deutlich und beinahe ständig körperlich spürt. Unser seelisches Befinden hat auch mit unserer sinnlichen Wahrnehmung zu tun; so erschüttert uns das Photo eines verhungernden Kindes mindestens im ersten Augenblick mehr als das bloße Wissen um hundert verhungernde Kinder. Das ist sinnvoll; wir würden schlichtweg verrückt, wenn wir uns alles Leid der Welt immer und überall so klar machten, daß wir es mit großer Gefühlstiefe betrauern. Die Trauer um ein noch nicht spürbares Kind mag geringer, egozentrischer und selbstmitleidiger sein als die um ein Kind, dessen Füßchen sich zuweilen auf dem Bauch der Mutter abzeichnen. Trauer ist es dennoch – denn es ist unzweifelhaft klar, daß ein Mensch früh gestorben ist. Die Trauer kann sich zu selbstquälerischen Gedanken entwickeln, etwa „Es wäre jetzt so und so alt“ oder „Ich weiß nicht mal, ob es ein Junge oder ein Mädchen war“.

Wenn eine Frau ihr Kind abtreibt, ehe es dem Augenschein nach mehr ist als ein Punkt auf dem Teststreifen, weiß sie trotzdem mit vollkommener Deutlichkeit, daß dabei ein Mensch starb. Auch wenn sie es vor sich selbst als Zellhaufen bezeichnet, kann sie nicht anders als grundsätzlich wissen, was eine Schwangerschaft ist, daß sie schwanger war und daß sie es nun nicht mehr ist. Sehr oft wird dies unvermeidliche Wissen sie irgendwann traurig machen; meist sind mit dieser Trauer Gewissensnöte verbunden (was der Trauer wieder eine andere Qualität gibt als im oben beschriebenen Fall).

Es gibt zwar Frauen, die eine Abtreibung nur als befreiend empfinden. Das ändert aber nichts an der grundsätzlichen, von Befürwortern eines Rechtes auf Abtreibung gern geleugneten Tatsache, daß echte Trauer um einen echten Menschen am Anfang seines Lebens nicht nur ein seltenes psychologisches Kuriosum ist, sondern völlig normal. Die Trauer um ein im ersten Schwangerschaftsdrittel verstorbenes Kind mag anders und oft geringer sein als um ein schon sichtbares Kind. Sie ist trotzdem wirklich. Der Tod eines Kindes beeinflußt die Mutter in jedem Fall – und in keinem macht er sie glücklich, nicht einmal dann, wenn sie sich erfolgreich selbst betrügt. Denn auch Selbstbetrug macht nicht glücklich.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Kann man um Unsichtbares trauern?

  1. Euphemisma schreibt:

    Hat dies auf Kritzelbuch rebloggt.

  2. Euphemisma schreibt:

    Für mich ist dieser sogenannte Zellhaufen nichts anderes, als ein Lebewesen!!, das noch nicht sprechen kann, sich nicht wehren kann!
    Diese Fristen werde ich nie verstehen.. Ich meine, nur weil ein Embryo in der 7 Woche kleiner ist als in der 30 Woche, darf man ihn eher töten? Also ist es auch okay ein 7 Jähriges Kind zu töten, aber ein 30 Jähriger Erwachsener ist mehr Wert?

    Wird man erst wertvoll, wenn man groß ist? Wie viele cm. muss man denn haben um wertvoll zu sein???

    Schon klar, Pro Choicer sagen jetzt, geboren kann man nicht mit ungeboren vergleichen. Aber kann man das nicht?
    Es sind alles Menschen!! Wer in Biologie Grundschule aufgepasst hat, der weiß, es sind Menschen!

    Dieses wahllose, zahlreiche töten, es macht mich einfach nur wütend. Ich bin um jedes Kind emotional berührt, was es nicht schafft, geboren zu werden.

    Anstatt so um Abtreibungen zu wettern, sollte man sich einfach mal mehr für die Adoption aussprechen. Niemand muss Mutter werden, aber es darf dafür auch nicht getötet werden.

    Das Post-Abortion-Syndrom soll ja angeblich auch nur eine Erfindung sein, dabei wird einfach nur weggeschaut, bei den Frauen, die hinterher weinen! Den Frauen, denen immer nur gesagt wird, jeder Zahnarztbesuch seie schlimmer. Wenn ich sowas lese…ach..

    Es ist einfach unrecht..

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen auf diesen Seiten, Euphemisma, und Dank für den engagierten Kommentar.
      Ein Arzt, der sich im Lebensschutz engagiert, sagte mir, in seiner Praxis seien öfter Frauen gewesen, die sich gegen ihr Kind entscheiden wollten. Wenn er vorschlug, es stattdessen zur Adoption freizugeben, war regelmäßig die Antwort: „Ich gebe doch mein Kind nicht weg!“ Das zeigt, wie verworren da auch argumentiert wird – Tötung im frühen Stadium wird ernsthaft erwogen, die Abgabe der Fürsorge an Menschen, die das gerne möchten, aber nicht. Als Argument wird hier gesagt, daß man ja während der Schwangerschaft wachsende Gefühle für das Kind entwickelt. Das stimmt sicher – aber das Argument geht von der Gefühlslage der Mutter aus, nicht vom Kind.

      • Euphemisma schreibt:

        Danke sehr, liebe Claudia.
        Dieses Argument hörte ich auch schon sehr oft. Auch mir ist dies unbegreiflich.
        Vor allem ist das so an den Haaren herbei gezogen. Woher möchten diese Frauen denn wissen, dass sie Gefühle – also Gefühle, die dazu bewegen das Kind zu behalten, bekommen werden?
        Und selbst wenn dann Gefühle aufkommen, die dazu bewegen, das Kind nicht abzugeben, was ist daran so schlimm? Wenn man Hilfe braucht mit dem Kind, kann man sie immer in irgendeiner Form bekommen.

        Aber man soll gerade nicht nur das schlechte sehen, es ist immer schön zu erfahren, dass auch andere sehen, dass auch die Tötung eines eben noch sehr kleinen Menschen unrecht ist.

        Liebe Grüße, Amy

      • Claudia Leitner schreibt:

        Um ein Kind zur Adoption freizugeben muss man es erst einmal austragen. Und da beginnt das eigentliche Problem: eine Abtreibung bleibt clandestin – nicht einmal der eigene Partner muss davon etwas mitbekommen. Die Variante mit der Adoption ist das genaue Gegenteil, JEDER kriegt es mit. Die betreffende Frau ist gesellschaftlich auf alle Zeit erledigt, sie gilt als unzuverlässiges Flittchen, dass zu blöd zum verhüten ist – und ihren Job ist sie mit Sicherheit auch los. Insofern scheint mir der Vorschlag des Arztes nicht sehr aus der Sicht seiner Patientin gedacht. Es ist kein Wunder, dass die kirchennahe „Aktion Leben“ in Österreich Adoption explizit nicht als geeignete Lösung für einen Schwangerschaftskonflikt sieht.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Das hätte meine Urgroßmutter vermutlich auch noch so gesehen. In meiner Kindheit (genauer: vor 46 Jahren) galt eine alleinerziehende Mutter in den spießigeren Gegenden Westberlins noch als unmoralisch. Aber seitdem hat sich ja einiges auch zum Guten entwickelt.
        Ganz abgesehen davon bin ich der altmodischen Ansicht, daß das Leben ein weit höheres Gut ist als der gute Ruf – und das gilt für jedes Leben und jeden mehr oder weniger guten Ruf.

  3. Eugenie Roth schreibt:

    (Da) Ohne Mann war ich zwar noch nie schwanger, aber ich kann mir GUT vorstellen, dass der Körper der Frau DIREKT nach der Empfängnis seinen gesamten Hormonhaushalt umstellt, nicht erst nach dem 3. Monat oder wann auch immer.
    Die Frau, die empfangen hat, ist schwanger … und sei das Kind ein Punkt auf einem Teststreifen.
    Leider sehen das zu viele anders …

  4. akinom schreibt:

    „Schwangere Auster“ nennen die Berliner ihre Kongresshalle. War nicht „schwanger“ früher einmal ein ziemlich unbekanntes Wort für „ein Kind erwarten“?

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