Sonderbarer Umgang mit Liedern

Unter der Nummer 358 im katholischen Gesangbuch Gotteslob findet man ein überschwengliches Liebeslied an Jesus. Erste, zweite und letzte Strophe beginnen mit den Worten Ich will dich lieben. Der Autor, Angelus Silesius, mag nicht der größte Barockdichter sein – zu den innigsten gehört er sicher, und dies Lied hat einen festen Platz nicht nur im Gotteslob, sondern auch in meinem Herzen – eine Liebe, die ich mit Josef Bordat teile.
Es ist üblich und berechtigt, alte Kirchenlieder behutsam der sprachlichen Entwicklung anzupassen. Dabei wird allerdings zuweilen über das Ziel hinausgeschossen auf Kosten der sprachlichen Schönheit. (So stand im alten Gotteslob das Adventslied Macht hoch die Tür noch mit dem Vers Ach zeuch mit deiner Gnade ein – darunter eine Fußnote: „zeuch“ ist eine alte Form von „zieh“. Man traute der Gemeinde zu, das zu verstehen. Im neuen Gotteslob, Liednummer 218, steht Ach zieh mit deiner Gnade ein – und dem Lied ist ein Stück seines anrührenden Zaubers genommen.)

Auch Angelus Silesius blieb von der Zurechtstutzung nicht bewahrt.

Im alten Gotteslob steht dieser Text:

1
Ich will dich lieben, meine Stärke,
ich will dich lieben, meine Zier,
ich will dich lieben mit dem Werke
und immerwährender Begier;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

2
Ich will dich lieben, o mein Leben,
als meinen allerbesten Freund;
ich will dich lieben und erheben,
solange mich dein Glanz bescheint;
ich will dich lieben, Gottes Lamm,
als meinen Bräutigam.

3
Ach, dass ich dich so spät erkannte,
du hochgelobte Schönheit du,
dass ich nicht eher mein dich nannte,
du höchstes Gut und wahre Ruh;
es ist mir leid, ich bin betrübt,
dass ich so spät geliebt.

4
Ich lief verirrt und war verblendet,
ich suchte dich und fand dich nicht;
ich hatte mich von dir gewendet
und liebte das geschaffne Licht.
Nun aber ist’s durch dich geschehn,
dass ich dich hab ersehn.

5
Ich danke dir, du wahre Sonne,
dass mir dein Glanz hat Licht gebracht;
ich danke dir, du Himmelswonne,
dass du mich froh und frei gemacht;
ich danke dir, du güldner Mund,
dass du mich machst gesund.

6
Erhalte mich auf deinen Stegen
und lass mich nicht mehr irregehn;
lass meinen Fuß in deinen Wegen
nicht straucheln oder stillestehn;
erleucht mir Leib und Seele ganz,
du starker Himmelsglanz.

7
Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben sonder Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

Das 1657 entstandene Original lautet:

Sie [die Seele, C.S.] verspricht sich jhn biß in Tod zu lieben.

1
ICh wil dich lieben meine Stärcke /
ich wil dich lieben meine Zier /
Ich wil dich lieben mit dem Wercke /
Und jmmerwehrender Begier:
Ich wil dich lieben schönstes Licht
Biß mir das Hertze bricht.

2
Ich wil dich lieben O mein Leben
Als meinen allerbesten Freund;
Ich wil dich lieben und erheben /
So lange mich dein Glantz bescheint.
Ich wil dich lieben Gottes Lamm
Als meinen Bräutigam.

3
Ach daß ich dich so spät erkennet /
Du Hochgelobte Schönheit du!
Und dich nicht eher mein genennet /
Du höchstes Gut und wahre Ruh!
Es ist mir leid und bin betrübt /
Daß ich so spät geliebt.

4
Ich lieff verirrt und war verblendet /
Ich suchte dich und fand dich nicht;
Ich hatte mich von dir gewendet
Und liebte das geschaffne Licht;
Nu aber ists durch dich geschehn
Daß ich dich hab ersehn.

5
Ich dancke dir du wahre Sonne
Daß mir dein Glantz hat Licht gebracht:
Ich dancke dir du Himmels-Wonne /
Daß du mich froh und frey gemacht:
Ich dancke dir du güldner Mund /
Daß du mich machst gesund.

6
Erhalte mich auff deinen Stegen /
Und laß mich nicht mehr jrre gehn;
Laß meinen Fuß in deinen Wegen
Nicht straucheln oder stille stehn:
Erleucht mir Leib’ und Seele gantz
Du starcker Himmels-Glantz.

7
Gib meinen Augen süsse Thränen /
Gib meinem Hertzen keusche Brunst;
Laß meine Seele sich gewöhnen
Zu üben in der Liebe-Kunst:
Laß meinen Sinn / Geist und Verstand /
Stäts seyn zu dir gewand.

8
Ich wil dich lieben meine Krone /
Ich will dich lieben meinen GOTT;
Ich wil dich lieben sonder Lohne
Auch in der allergrößten Noth;
Ich wil dich lieben schönstes Licht /
Biß mir das Hertze bricht.

Daß die siebente Strophe des Originals in Gesangbüchern unserer Zeit nicht mehr steht, kann ich ein bißchen verstehen; man hätte hier zu viel sprachliche Entwicklung erklären müssen, und ein Gesangbuch soll ja kein sprachwissenschaftlicher Aufsatz sein. Es lohnt allerdings, diese Strophe zu lesen. Es geht Angelus Silesius darum, weinen zu können, weil er Gott nicht so nah ist, wie er gerne wäre, und eine von Egoismus freie, ausschließliche und unbedingte Liebe zu Jesus zu entwickeln. Ich teile diesen Wunsch.

Auch die sprachliche Anpassung der dritten Strophe (erkannte/nannte statt erkennet/genennet) ist sinnvoll; trotz meiner oben bekannten Vorliebe für alte Verbformen ertrage ich diese Änderung ohne Verrenkung.

Die letzte Strophe des Liedes lautet im neuen Gotteslob (Hervorhebung von mir):

Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben ohne Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

Ohne Lohne! Ich muß doch sehr bitten! Es klingt furchtbar.
Ein wenig Recherche ergab: Dieser alberne Binnenreim ist historisch. Er steht so in: Angelus Silesius, Heilige Seelen-Lust oder Geistliche Hirtenlieder, Ausgabe von 1668. Das haben die Breslauer Herausgeber Michael Fischer und Dominik Fugger zu verantworten. (Mögen sie dennoch in Frieden ruhen.)
Aber die schöne Formulierung

Ich wil dich lieben sonder Lohne

steht, wie gesagt, im Original, an das sich sowohl das alte Gotteslob als auch andere katholische und evangelische Gesangbücher unserer Zeit hielten. Der einzige Grund, die vielleicht durch Unachtsamkeit entstandene sonder-bare Änderung wieder aufzunehmen, ist die sprachliche Üblichkeit. Sonder Änderung wäre es nicht ohne. Aber kann man Gottesdienstbesuchern wirklich nicht zumuten, dies zu verstehen?

Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben sonder¹ Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

¹ sonder ist ein altes Wort für ohne.

Wenn ich einem Menschen zutraue, an einen Gott in drei Personen zu glauben, der sich ihm durch das Sakrament des Altars in Form von Brot ausliefert, um ihn für Zeit und Ewigkeit zu stärken, dann kann ich ihm auch zutrauen, die alte Bedeutung des Wörtchens sonder zu verstehen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Sonderbarer Umgang mit Liedern

  1. theomix schreibt:

    Du hast ja Sonderwünsche bei ganz altem Zeuch…:mrgreen:
    Es ist, wie so oft, eine Gratwanderung, meine ich. Dummerweise kann ich beides verstehen und nachvollziehen. Die Revisionen der Lutherbibel schlagen sich auch damit herum. Mal sehen, ob ab 2017 Paulus noch mit Anmerkung wie 1984 wider den Stachel löcken kann (Apg 26,14).

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja, das ist so eine von den Stellen, wo ich eine Revision sehr gut verstehen könnte und doch… ach, sehr bedauern würde.
      In der Einheitsübersetzung und der Schlachter Übersetzung finde ich übereinstimmend „gegen den Stachel ausschlagen“ – das ist gut, aber dennoch, schade ums Löcken.

  2. KingBear schreibt:

    Der Duden (Online-Ausgabe!) klassifiziert die Präposition „sonder“ als „gehoben veraltend“. Man sollte denken, das ginge noch.
    Der Korinthen kackende Germanist in mir kann sich zudem bei „ohne Lohne“ nicht enthalten, darauf hinzuweisen, dass das „e“ bei „Lohne“ die alte Dativ-Endung ist, dass die Präposition „ohne“ jedoch den Akkusativ regiert! (Das wäre bei „sonder“ allerdings genauso. Aber wenn man schon am Verschlimmbessern ist, hätte man das Dativ-E auch eliminieren und, zur Wahrung des Reimes, aus der Krone eine Kron‘ machen können.)

    • Claudia Sperlich schreibt:

      „Sonder Lohne“ ist eben Angeli Silesii Grammatik. Das E streichen geht hier nicht, weil sonst die Melodie nicht mehr passt (oder nur mit einem gezwungenen Krohon und Lohon).
      „Gehoben veraltend“ werde ich mir vielleicht mal auf ein T-Shirt drucken lassen.

  3. Lisje Türelüre aus der Klappergasse. schreibt:

    Zonder, ausgesprochen: sonder, ist niederländisch und heißt „ohne“.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Liebe Lisje, willkommen auf diesen Seiten.
      Sonder, ausgesprochen sonder, ist Deutsch und heißt „ohne“. Es ist ein nicht mehr sehr geläufiges Wort. Die deutsche und die niederländische Sprache haben, wie Du sicher bemerkt hast, einige Ähnlichkeit.😉

  4. Pingback: Vivant Fugger et Fischer! | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

  5. Aspergiller schreibt:

    Das Lied „Singt dem Herrn alle Völker und Rassen“ hat in Rottenburg-Stuttgart unter der Nr. 832 Eingang in das neue Gotteslob gefunden, jedoch als „Singt dem Herrn alle Völker der Erde“. Da wurden dann die „Rassen“ der political correctness geopfert.

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