Zwölf Jahre danach

Am 26. Juni 2003 starb mein Vater Martin.
Von ihm habe ich das Dichten gelernt. Seine vielen Gedichte habe ich nach seinem Tod in meinem nur ganz kurz bestehenden Sperlich Verlag Berlin herausgegeben.
Für ihn habe ich zu seinen Lebzeiten einige Gelegenheitsgedichte geschrieben, nach seinem Tod zwei, die wirklich etwas taugen.

Splitter

Warum er in jenen Minuten
auf jenem Quadratmeter war,
da die Granate barst
und ihre Splitter
in sein Bein schleuderte
(als Mädchen glaubte ich,
blaugrüne Narben und Hinkebein
seien bei Männern gewöhnlich),
hat er mir nie erzählt,
auch nicht den Brüdern, doch
meiner Mutter einmal.

Von ihr weiß ich:
Ein anderer hatte gelegen
an jener Stelle,
und er versuchte,
ihn wegzubringen –
nicht in Sicherheit,
die gab es nicht,
aber doch wenigstens
in einen Graben mit Feldarzt.

Er hat damit nie geprahlt –
vielleicht, weil ihm Pflichttun
kein Grund zum Prahlen war;
vielleicht, weil ihm grausig
vor Augen stand, welchem
Unheil er beigestanden
in jenem Krieg.

Von ihm weiß ich nur
(ich fragte ihn einmal),
daß die Granatsplitter
schlugen durch schmutzstarre Hosen,
daß er im Dreck lag,
eine Nacht lang,
dann im Lazarett,
das Bein eine ekle Walze,
und daß sein Glück war
ein Arzt, der nicht schnitt
und Morphium gab.

© Claudia Sperlich

und

Vater

Wir gingen abends oft zum Automaten.
Laternen warfen ihre gelben Scheiben
aufs Pflaster, und mein Schatten wollt nicht bleiben –
ich staunte, daß wir niemals auf ihn traten.

In deiner Hand war sehr viel Raum für meine.
Im Wechsel schwer und leicht erklang dein Gehen,
und wenn ich rannte, bliebst du manchmal stehen –
dein Hinken wartete auf kurze Beine.

Du gabst mir Antwort auf die schwersten Fragen
und zeigtest mir den Großen Himmelswagen,
und manchmal rezitiertest du Gedichte.

Dann stecktest du die Schachtel Filterlose
bedächtig in die Tasche deiner Hose –
dann gings nach Haus zur Gutenachtgeschichte.

© Claudia Sperlich

Ihm und meiner Mutter hatte ich, als sie beide schon alt waren, meine Übersetzung eines Gedichtes von Jean Richepin gewidmet.

Zyklus: Meine Paradiese/Mes Paradis

Ich kenne zwei Alte, die sagen, „Ich liebe dich“, heute
so wie in den Tagen der singenden Jugend des Frühlings:
Ihr Leben ist über dies schlichte Motiv eine Fuge.
Sie konnten dies Thema wohl hundertmal variieren
mit himmlischen Flöten und schmetternden Hörnern der Orgel,
und gingen durch Dur und durch Moll und durch allerlei Rhythmen.
Die Noten des Frühlings sind immer von Neuem erklungen.
Zwar ist das Allegro der Küsse vorbei und vergangen…
es klingt das Andante mit letzten Modulationen!
Doch wieder erklingt das Motiv in Akkorden des Friedens.

© Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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