Sexistische Arschlöcher wie ich

Ja, das ist Jutta Ditfurths in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur am 29. Juni 2015 verwendete Bezeichnung für Abtreibungsgegner. Also auch für mich.
Um meinem Ruf gerecht zu werden, stelle ich hier den Podcast vor. Über jedem Absatz steht die Zeitangabe im Podcast und ein Zitat.

00:39

Die organisierten Abtreibungsgegner beklagen sich, daß es 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt. Darüber muß man sich nicht beklagen.

Frau Ditfurth spricht von „ungefähr zwanzig Millionen Frauen in diesem Land, die im sogenannten gebärfähigen Alter sind“. „Sogenannt“ ist im modernen Sprachgebrauch der Hinweis darauf, daß das Folgende falsch, schlecht oder anrüchig ist, eben nur so genannt, nicht wirklich so. Die sachliche Feststellung über die Anzahl von Frauen nach der Pubertät und vor dem Klimakterium kann rechnerisch richtig oder falsch sein (ich halte die genannte Zahl aufgrund einer Statistik über die Altersstruktur in Deutschland im Jahr 2013 für ungefähr richtig). Die Feststellung, daß es eine bestimmte Größenordnung gebärfähiger Frauen gibt, kann aber nicht moralisch verwerflich, anrüchig oder chauvinistisch sein. Sie entzieht sich der moralischen Beurteilung. Damit ist „sogenannt“ hier ein unsinniges Wort.
Die Verwendung von Wörtern wird im Lauf des Interviews nicht logischer.
Daß 100.000 Abtreibungen im Jahr manchem beklagenswert erscheinen, wischt sie mit einem „muss nicht“ beiseite, um dann zu erklären, es seien zu wenig Abtreibungen gemessen an der Zahl der ungewollt schwangeren Frauen. Daß eine Frau ihr zunächst ungewolltes Kind behält, weil sie es dann doch will, gesteht Ditfurth zwar als Möglichkeit zu, sieht aber Zwang und Druck als weit mächtigere Gründe. Daß es bei dem Verbot der Kindstötung zu jedem Zeitpunkt des kindlichen Lebens um den Schutz eben dieses Lebens geht, ist ihr deutlich – und sie findet das eindeutig schlecht. Sie zitiert § 219 (1) wie folgt: „Die Beratung dient nicht etwa der Frau, sondern dem Schutz des ungeborenen Lebens“.
Wörtlich heißt es: „Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens“. „Nicht dem Schutz der Frau“ ist Frau Ditfurths Interpretation. Ob es dem Schutz der Frau dient oder nicht, die Tötung eines in ihr wachsenden Menschen unter bestimmten Umständen zu gestatten oder nicht, möge jeder für sich herausfinden.

02:31

… die vielleicht auch in irgendwelchen – egal jetzt welche Religion – religiösen Kontexten leben, aufwachsen und von ihnen beeinflusst werden, daß die einfach keine Möglichkeit finden, ihre sexuelle Selbstbestimmung auszuüben…

Es gibt keine hundertprozentig sichere Verhütungsmethode. Aber für Ditfurth ist die sexuelle Selbstbestimmung offenbar gleichbedeutend mit Sex haben, wann immer man will, mit wem man will, ohne irgendwelche Gedanken an persönliche Fähigkeiten und Möglichkeiten zu verschwenden. So wird aus der Selbstbestimmung (ich bestimme, mit wem ich überhaupt in Erwägung ziehe, ins Bett zu gehen) über die Selbstermächtigung (ich bestimme, mit wem ich ins Bett gehe, egal wie die Umstände sind) die Selbstherrlichkeit (ich entscheide, ob ein Kind lebt oder stirbt). Ich will jetzt kein Kind und trotzdem mit dem Mann, den ich mag, schlafen heißt: Ich will weitgehende Konsequenzen nicht in Erwägung ziehen und trotzdem etwas tun, das grundsätzlich darauf ausgerichtet ist, weitgehende Konsequenzen zu haben.
Ditfurth traut religiösen Menschen sexuelle Selbstbestimmung, Leidenschaft und ein lustvolles Sexualleben nicht zu. Hier kann ich sie beruhigen. Es ist äußerst lustvoll, ohne einen Gedanken an die Qualität des Gummis, die Bekömmlichkeit der Pille oder den richtigen Sitz des Pessars mit einem von Herzen und in vollkommener Ehrlichkeit geliebten Menschen Sex zu haben. Andererseits ist es der Liebe nicht abträglich, es einfach mal seinzulassen, weil gerade jetzt eine Schwangerschaft ungelegen käme.

03:42

Also, wenn man sich in der Geschichte des Abtreibungsparagraphen seit der Weimarer Republik, den zwanziger Jahren, der Nazizeit und so weiter auskennt, dann war das immer ein verfluchter Paragraph.

Die KPD forderte in der Weimarer Republik die Abschaffung des § 218, weil Arbeiterfamilien spätestens mit dem dritten Kind fast unweigerlich verarmten. Damit wurde nicht die soziale Ungerechtigkeit bekämpft, nicht auf Lohngerechtigkeit und menschenwürdige Arbeitsplätze gedrängt, sondern dem Kind der Schwarze Peter zugeschoben. Bei einer Abtreibung aus Armut wird nicht der Grund für die Armut beseitigt, sondern der Hauptleidtragende der Armut.
Jeder Mensch ist vor ungerechtfertigter Gewalt zu schützen. Das gilt selbstverständlich auch für den Menschen vor der Geburt. Die Verpflichtung zur Beratung ist ein Versuch, erwogene oder schon geplante Tötungen zu verhindern. Daran kann ich nichts Schlechtes finden. Es gibt hochgelobte Projekte, gewaltbereiten oder bereits straffällig gewordenen Menschen beratend und begleitend neue Wege zu zeigen. Wenn es bei den möglichen oder tatsächlichen Opfern von Gewalt um Menschen vor der Geburt geht, soll das auf einmal nicht fortschrittlich, sondern rückwärtsgewandt sein?
In der Tat ist ungeborenes Leben ein sentimental angehauchter, weil redundanter Begriff. Daß es Leben ist, ergibt sich aus dem Wort ungeboren von selbst – ich ziehe den Ausdruck „das Ungeborene“ vor. Es ist andererseits aus Gründen der raschen Verständlichkeit nicht sinnvoll, alle Stadien von Empfängnis bis Geburt einzeln zu benennen, wenn es um Schutzwürdigkeit geht. „Der Schutz von Blastozyten, Morulae, Embryonen und Föten“ ist kein griffiger Ausdruck. Genau darum geht es aber in der Diskussion, und zwar unabhängig davon, wie man zu diesem Schutz steht.
Und in der Tat geht es in § 218 nicht vorrangig um die Mutter, sondern vorrangig um das Kind. Es geht auch nicht um Väter, Geschwister, Nachbarn oder den Tierschutz – sondern um Ungeborene. Für andere gibt es weitere Gesetze.

04:58

… Und unheimlich interessant fand ich, daß es [das Leben] nie beim Mann beginnt, sondern immer erst dann im Körper der Frau, das war das Böse, durch die Kirche.

Eine Eizelle (DNA der Frau) allein ist kein Mensch. Ein Spermium (DNA des Mannes) allein ist kein Mensch. Sie sind einzeln auch nicht entwicklungsfähig. Ein Mensch entsteht bei der Befruchtung – und logischerweise kann er vor seinem Entstehen auch nicht zu Tode gebracht werden.
Die Kirche hat das schon lange vor der modernen Biologie klar gesehen. Menschliches Leben beginnt im Mutterleib – damit hat die Frau nach kirchlicher Auffassung eine Würde, die kein Mann erlangen kann. Man muss nicht einmal gläubig sein, um die Vorstellung, Gott habe im Leib einer Frau gewohnt und sei von ihr geboren und gestillt und gewindelt worden, äußerst frauenfreundlich zu finden.
Was Frau Ditfurth über „Kirchenfürsten“ zum besten gibt (Kirchenfürst! Allein schon!), ist bestenfalls pubertäre Pöbelei, auf die es nicht lohnt, näher einzugehen.

06:06

Aber diese Formulierung, „Die Beratung dient nicht dem Schutz der Frau, sondern dem des ungeborenen Lebens“, ist eine Giftquelle.

Was giftig sein soll daran, einen Menschen vom ersten Augenblick seines Lebens an zu schützen und das auch deutlich zu sagen, kann ich nicht verstehen.

06:55

… daß diese Verengung auf „das eine bringt das Glück und ist das Maß aller Dinge“ ganz schrecklich ist.

Hier unterstellt Frau Ditfurth, die Kirche oder die Lebensschutzbewegung oder der Staat (um diese drei ging es bisher) sehe als Maß aller Dinge und einzige Möglichkeit zum Glück die Familiengründung. Das stimmt für keinen der genannten. Für alle drei gilt: Es gibt verschiedene Lebensmodelle, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Davon wird die unbedingte Schutzwürdigkeit jedes Menschen (auch des kleinsten) nicht berührt.

07:26

Ditfurth:Und ich finde es eine Unverschämtheit, daß Frauen so entmündigt werden, daß man glaubt, es bricht jetzt die abtreibende Hölle aus, wenn man ihnen dieses Selbstbestimmungsrecht tatsächlich zuspricht.

Angenommen, man würde ab morgen Gewalttaten aller Art legalisieren. Vermutlich würde daraufhin nicht eine Hölle von Mord und Totschlag ausbrechen – oder zumindest keine schlimmere, als wir schon haben. Denn tatsächlich ist die abschreckende Wirkung von Strafen großenteils Einbildung. Dennoch finde ich es richtig, die Beseitigung von Menschen unter Strafe zu stellen.

… solche sexistischen Arschlöcher können sich dann auch auf den § 219 beziehen. Das ist meine Sorge.

Frau Ditfurth, Sie haben mich gerade „sexistisches Arschloch“ genannt. Ich bin aber nur eine Verhütungspanne. Übrigens eine mit wundervollen Eltern.
Wie ich Sie in schwachen Momenten in Gedanken bezeichne, werde ich nicht Ihnen sagen – sondern meinem Beichtvater.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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23 Antworten zu Sexistische Arschlöcher wie ich

  1. jobo72 schreibt:

    Danke für die Auseinandersetzung mit einer Position, die sehr deutlich macht, um was es wirklich geht: Selbstherrlichkeit und Herrschaft über die Natur (und darüber hinaus). Der Übergang von Selbstbestimmung über Selbstermächtigung zu Selbstherrlichkeit ist der Kern (nicht nur) dieses Problems.

    Nur, wenn man die Herrschaft über die Natur für den Normalzustand hält, kann man ja erstaunt darüber sein bzw. es „unheimlich interessant“ finden, dass – wenn neues Leben aus der Vereinigung von Samen- und Eizelle entsteht (und der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen) – neues Leben dann wohl „in der Frau“ beginnt – natürlich! Erst, wenn wir über die Natur herrschen, können wir das Leben „außerhalb der Frau“ beginnen lassen. Das ist Technokratie pur. Ich werde nie verstanden, wie man als Umweltschützerin oder als Naturfreund gerade beim Menschen aufhört mit der ökologisch motivierten Herrschaftskritik.

    Und: Dass ein Mensch, der offenbar keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass die Tötung eines ungeborenen Menschen als so etwas wie ein ethisches Problem aufgefasst werden könnte, dass ein solcher Mensch alle, die genau dieses Problem sehen, auch noch beschimpfen muss, macht die Haltung eigentlich nur in sich stimmig. Grundfalsch, aber eben konsequent grundfalsch.

    Grüße vom sexistischen Arschloch
    Josef

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Stimmt, konsequent ist sie. Was beweist, daß Konsequenz im Denken und Handeln keine Primärtugend ist.

      • Peter Enders schreibt:

        Ne, Leute, zu unserem Glück ist sie nicht konsequent, weder im richtigen Sinn konkreter Konsequenz noch in ihrem abstraktiv-formalistischen! Denn ihre „Konsequenz“ müßte bedeuten, dass sie mit dem Ungeborenen alles Leben, auch das geborene, unter Tötungswürdigkeit stellte und dies bewerkstelligte (vgl. Nazis usw.). Erst recht ja das Leben der philosophisch unterwegs seienden Menschen, denen die zweite, eigentliche Geburt in diesem Leben aufgegeben ist, die „geboren“ und „ungeboren“ zugleich sind, so die Christen. Diese zweite Geburt ist von konkreter Konsequenz (=Liebe!) sogar abhängig. Konsequenz im Denken, Sagen und Zeigen ist eine Primärtugend bzw. ein Primärideal, welche(s) aus sich zu Friedfertigkeit führt und zur Achtung allen Lebens, des geborenen wie des ungeborenen. Hass ist Inkonsequenz. Deine Konsequenz, Claudia, bewundere ich.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Willkommen auf meinen Seiten, Peter.
        Stimmt, so konsequent ist sie auch wieder nicht.

  2. Richard (ryszard) schreibt:

    Danke , vielen Dank vom sexistischen Arschloch, Richard

  3. stefanolix schreibt:

    Guten Morgen! Ich würde gern einen Gedanken zu der Wendung »sogenanntes gebärfähiges Alter« beisteuern. Ich denke, dass es Gründe geben kann, das Wort »gebärfähig« zu hinterfragen und quasi in Gänsefüßchen zu verwenden.

    Das Wort mag ein Fachbegriff in der Medizin sein [Nebenfrage: Ist das überhaupt so?]. Es kann aber in sozialer Hinsicht missverstanden werden: Es reduziert die betreffenden Frauen in diesem Moment auf die Fruchtbarkeit. In demselben Alter sind Frauen aber auch »fähig«, zu studieren, zu arbeiten oder viele andere Sachen zu tun. Viele Frauen entscheiden sich heute bewusst gegen eine Schwangerschaft und beugen entsprechend vor – sie wollen sicher nicht als »gebärfähig« gesehen werden.

    Herzliche Grüße
    Stefan
    (im Sinne des Artikels zu zwei Dritteln sexistisch)

    .

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Jein.
      Sicher, der Begriff kann so abfällig genutzt werden. Ich selbst sehe ihn aber als schlichtweg sachlich. Daß eine Frau außer gebärfähig noch einer gewaltigen Menge anderer Dinge fähig ist, wird davon ja nicht berührt. Meiner Erfahrung nach ist übrigens die Zahl der Studenten, die zugleich Eltern sind, im Fachbereich Katholische Theologie ungewöhnlich hoch.

      • stefanolix schreibt:

        Ich meinte gar nicht, dass der Begriff abfällig genutzt wird, es ist ja ein »terminus technicus«. Ich meinte eher, dass er abfällig verstanden werden kann. Das Wort ist eine starke Verallgemeinerung und darauf reagiere ich zunehmend sensibel.

        Ich habe neulich für meine Lehrveranstaltung in Statistik recherchiert und stieß im Zusammenhang mit der statistischen Normalverteilung auf eine Quelle zum Thema Fruchtbarkeit. Der Titel war sinngemäß »Die Verteilung der fruchtbaren Tage beim Weibe«. Für diesen Titel würde der Autor heute verbal gesteinigt, obwohl er es sicher nicht abfällig gemeint hat. Es geht aber manchmal auch um die Rezeption …

        [Wenn Deine Beobachtung statistisch belegbar ist]: Es kann eine Menge Ursachen haben, dass Studentinnen der Theologie relativ zeitig schwanger werden. Erstens ist es ja biologisch ein günstiges Alter für den Kinderwunsch (je jünger eine erwachsene Frau ist, desto besser). Zweitens darf man vermuten, dass sie einen Ehemann mit sicherer Position und sicherem Einkommen haben. Drittens könnten Verhütung und bewusste Planung dort nicht so gewollt sein …

  4. Sebastian schreibt:

    Das Thema ist sehr stark emotional überfrachtet. Nicht immer passt ein Kind in die Lebensplanung, dann ist die Abtreibung vielleicht ein zu einfaches und ein leicht verurteilbares Mittel. Wie sieht es aber nach einer Vergewaltigung aus? Oder bei der 12jährigen, bei der es blinde Liebe und fehlendes Wissen war – kann man das Vergewaltigung nennen? Oder Kindern, die mit schweren Behinderungen auf die Welt kommen würden?
    Das alles ist für Außenstehende – und nahezu nur diese diskutieren darüber – nicht wirklich nachvollziehbar und betrifft sie ja auch nicht persönlich. Insofern wird sich nie eine für alle vertretbare Lösung finden lassen.
    In heutigen Zeiten Enthaltsamkeit als wirksames Verhütungsmittel zu propagieren, finde ich allerdings schon irgendwas zwischen mutig und fragwürdig.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wenn die Würde des Menschen tatsächlich unantastbar ist, ist sie das immer.
      Zur Würde gehört aber automatisch das unveräußerliche Recht auf Leben. Dies wird durch Tötung – gleich aus welchen Gründen und an wem – mißachtet. Tötung ist niemals gut, nicht einmal dort, wo sie zur Notwehr oder Nothilfe (z.B. bei Geiselnahmen) als unvermeidliches Übel zur Rettung Unschuldiger verübt wird. Viel weniger bei einem Unschuldigen.
      Man kann auch nicht das Leben eines Kindes gegen die Not seiner Mutter aufwiegen. Jeder Mensch steht irgendeinem anderen im Weg, das ist unvermeidlich. Aber das kann und darf nichts an seinen unveräußerlichen Rechten ändern.
      Enthaltsamkeit ist in der Tat der einzige hundertprozentig wirksame Schutz vor Schwangerschaft, und ich sehe nicht ein, warum man etwas unübertroffen Hochwirksames nicht beim Namen nennen sollte.
      Die Abtreibungen nach Vergewaltigung machen einen winzigen Bruchteil aller Abtreibungen aus. Hiervon abgesehen, wird ein Unrecht nicht Recht dadurch, daß es Folge eines anderen Unrechts ist. Verstehen kann ich es, aber nicht billigen.
      Unter den Verfechtern unbedingten Lebensschutzes sind zahlreiche Eltern behinderter Kinder.

      • Sebastian schreibt:

        Du setzt einfach mal voraus, dass eine befruchtete Eizelle schon als vollwertiger „Mensch“ zählt. Tatsächlich setzen sich auch diese nicht immer (eher selten) fest, so dass es zur Schwangerschaft kommt. Aber genau diese Definitionsfrage ist auch einer der zentralen Punkte zu diesem Thema.
        Einigen wir uns darauf, dann man dazu unterschiedlicher Meinung sein kann und darf? Oder – wie ich – sich einer Meinung zu enthalten.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Natürlich kann man verschiedene Meinungen haben. Meine ist, daß ich die Biologie nicht ändern kann. Aber lassen wir es gut sein – Streit muß deshalb wirklich nicht entbrennen.

  5. Klaus Ebner schreibt:

    Ich will die Äußerungen von Frau Dittfurth nicht kommentieren, es steht mir auch nicht zu. Was sie mit der Bezeichnung „zu wenig Abtreibungen“ gemeint hat, ist mir auch nicht klar, vermutlich denkt sie dass viele Frauen durch den $ 218 zum Austragen gezwungen werden, was ja nun wieder völlig im Gegensatz zur Meinung der Lebensschutz-Bewegung steht. Wie auch immer – der Deliktkreis lässt sich einfach mit nichts anderem vergleichen. Denn würde man Abtreibung ganz konsequent unter Strafe stellen, dann wäre das die einzige Lebenssituation in der der Staat einen Bürger durch Strafandrohung dazu zwingt größte persönliche Einschränkungen, gesundheitliche Risken und Schmerzen in Kauf zu nehmen, OHNE dass dieser zuvor gegen irgendeine Verordnung oder irgendein Gesetz verstoßen hätte und natürlich auch dass dieser auch nur die geringste Gegenleistung dafür bekäme. Die lässt Mütter im Schwangerschaftskonflikt völlig alleine, schon dort wo der Konflikt theoretisch lösbar wäre. Und dort wo er es nicht, hilft ohnehin keine „Hilfe“.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Nun, man darf einen Menschen auch nach der Geburt nicht töten, nicht einmal dann, wenn er extrem lästig ist, unsympathisch, gewalttätig, empathielos. Man darf es einfach nicht, und ich bin sicher, hierüber sind wir uns einig.
      Was ist nun der genaue Unterschied zwischen dem Menschen vor der Geburt und dem Menschen nach der Geburt?

      • Klaus Ebner schreibt:

        Nun, die Geburt ist in der Tat eine Zäsur. Nicht umsonst heißt es ja „auf die Welt kommen“, es gibt einen Geburtsdatum und das Alter richtet sich nach dem Datum der Geburt und nicht 9 Monate davor. Strafrechtlich ist die Geburt – genauer gesagt das Einsetzen der Eröffnungswehen – auch eine Zäsur und das völlig zurecht. Es gibt ganz einfach keine Alternative dazu, oder wollen Sie wirklich bei jeder Fehlgeburt den Staatsanwalt ermitteln lassen und Frauen im „gebärfähigen Alter“, die z.B. tauchen gehen wollen per Zwangsmaßnahme zum Schwangerschaftstest vorführen wegen Gefahr im Verzug? Oder überhaupt jede Frau, die in ein benachbartes Land reisen will in dem Abtreibung erlaubt ist? Das würde schlicht und einfach nicht funktionieren. Wir leben in einer pragmatischen Gesellschaft, die in vielen Dingen von Fristen geprägt ist die mehr oder weniger gerecht und mehr oder weniger sinnvoll sind. Eine bessere Lösung gibt es aber nicht. Aus eben diesem Grund wird es in D auch keine Änderung des § 218 geben. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Sie brauchen mir nicht vollkommen unfassliche Dämlichkeit zu unterstellen (die Annahme, ich könne die ironischen Vorschläge tatsächlich machen, ist eine solche Unterstellung).
        Das Alter richtet sich übrigens nach deutschem Erbrecht nicht nach dem Geburtstermin, sondern nach dem errechneten Zeugungstermin. Sonst wäre ein Mensch, dessen Vater vor seiner Geburt stirbt, diesem gegenüber nicht erbberechtigt.
        Wenn ein Kind vor der Geburt nicht schützenswert ist, dann wird das Zeitfenster, in dem ein Mensch im Brutkasten sicherer ist als im Mutterleib, mit medizinischem Fortschritt größer. Das deutet auf die Unlogik übergroßer Liberalität in dieser Sache.
        Den logischen Unterschied zwischen der Definition von Lebensrecht vor und nach der Geburt kann man weder biologisch noch ethisch begründen.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Es liegt mir vollkommen fern, Ihnen irgendetwas zu unterstellen. Ich wollte nur – überspitzt – darstellen was eine rechtliche Gleichbehandlung von ungeborenem Leben ab der Zeugung in letzter Konsequenz bedeuten würde. In El Salvodor und NIcaragua werden nach Fehlgeburten Ermittlungen aufgenommen, das ist eine Tatsache. Und gegen eine Frau, die schwanger skaten geht, dabei das Gleichgewicht verliert, stürzt und ihr Kind verliert müsste von Amts wegen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt werden. Genau wie wenn sie mit dem Rad stürzt und ihr Kind im Kindersitz dabei umkommt. Allerdings ist das Ganze – ebenso wie die Frage nach dem Lebensbeginn – eine rein akademische Diskussion, die in strafrechtlicher Sache ohnehin keine Bedeutung hat. Eine Mehrheit für eine deutliche Änderung der Rechtslage wird sich ohnehin nicht finden.

      • Sebastian schreibt:

        Mit (irrelevanten) Gesetzen lässt sich gut argumentieren: In Teilen der USA ist es verboten, nachts nackt rückwärts auf einem Pferd zu reiten, in England gilt immer noch ein Gesetzt, dass es Studenten verbietet, ohne ihr Schwert aus dem Haus zu gehen.
        Fakt ist, dass wir irgendwo die Grenze ziehen müssen, sonst müssten Frauen, die nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht schwanger werden ebenso verurteilt werden. Die Grenze bei der erfolgreichen Einnistung einer befruchteten Eizelle zu ziehen scheint mir sehr willkürlich, ja unkontrollierbar zu sein.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Nach deutschem Recht ist grobe Fahrlässigkeit während der Schwangerschaft auch dann keine Straftat, wenn sie zum Tod des Kindes führt. (Übrigens wird auch die Tötung einer Schwangeren nicht als Doppelmord angesehen – was ich bereits grenzwertig finde.)
        In der Tat ist es unmenschlich und kaum praktikabel, einer Frau, die ungewollt ihr Kind verliert und daran vielleicht selbst Schuld trägt, zu bestrafen – auch wenn es formal eine fahrlässige Tötung ist. Abtreibung ist aber die gezielte Tötung eines Ungeborenen. Das hat eine andere ethische und damit auch juristische Qualität. Deshalb ist sie in Deutschland auch immer noch verboten; das Problem ist die Straffreiheit „unter bestimmten Umständen“ und die Praxis, die jeden möglichen Grund als „bestimmte Umstände“ ansieht.
        Was übrigens die Diskussion um den Beginn des Lebens angeht: Man mag darüber geteilter Meinung sein, ob eine befruchtete Eizelle vor der Einnistung ein Mensch ist (ich bin aus Gründen eindeutig der Meinung, sie ist es). Ab Einnistung kann darüber allerdings kein Zweifel mehr bestehen.

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    „… sonst müssten Frauen, die nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht schwanger werden ebenso verurteilt werden“ – das kann jetzt nicht als Argument bzw. Gegenargument ernst gemeint sein, oder?
    Ob eine Eizelle befruchtet wird bzw. ob eine befruchtete Eizelle lebensfähig ist, beschließt nicht der Gesetzgeber, und in der Tat war in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland der Gesetzgeber immer gerade noch gescheit genug, das einzusehen.
    Auch das Vorhandensein unsinniger Gesetze macht sinnvolle Gesetze (wie das Verbot von Abtreibung) nicht ebenfalls unsinnig.

    • Klaus Ebner schreibt:

      Auch die absichtliche Schädigung des Embryos – zum Beispiel durch starken Alkoholkonsum während der Schwangerschaft -ist in Deutschland keine Straftat – in Österreich auch nicht. Worüber man sicher diskutieren kann. Der Gesetzgeber ging und geht in diesem Zusammenhang immer davon aus, dass die Interessen von Mutter und Kind ident sind, was aber eben nicht immer der Fall ist. Und was das Lebensrecht von Ungeborenen angeht, dieses wird in Deutschland ja explizit anerkannt, sonst müsste es ja gar keinen § 218 geben, da niemandes Rechte verletzt würden. Außer in begründeten Fällen ist Abtreibung ja, wie Sie richtig schreiben verboten. Dem Gesetzgeber kann man aber nicht vorschreiben wie und unter welchen Bedingungen er etwas bestrafen muss – das ist dann eben eine Entscheidung der Politik. Die deutschen Verfassungsrichter haben sich da sehr weit hinausgelehnt und selbst versucht Politik zu machen bzw. dem Gesetzgeber Gesetze zu diktieren. Das ist in in dieser Form wohl auch nur in Deutschland möglich.

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