Eine von acht Hymnen

Ambrosius von Mailand hat sie geschrieben, und es gibt eine bekannte Übersetzung, die ich nicht mag, weil in ihr zu viele Wörter vorkommen.

Ambrosius hat die Sprache ohne ein überflüssiges Wort verdichtet. Ich habe versucht, das nachzuahmen – und bin schon in der ersten Strophe auf die Schwierigkeit gestoßen, daß tempus zwar ursprünglich Zeit heißt, aber auch Jahreszeit und Wetter. Man kann den Vers et temporum das tempora nicht mit der gleichen Eleganz verständlich ins Deutsche übertragen.

Der heilige Kirchenvater ist längst über allen Ärger anläßlich mangelhaften Interpretationen erhaben, und so wage ich, meine Übertragung öffentlich zu zeigen.

Der Dinge ewger Schöpfer Du,
Die Nacht beherrschst Du und den Tag,
Du gibst den Jahreszeiten Zeit
und milderst so den Überdruß.

Des Tages Herold ruft schon aus,
der wachsam ist in tiefer Nacht,
der Nachts den Wanderern ist Licht,
indem er sondert Nacht von Nacht.

Da löst erwachter Morgenstern
den Himmel aus der Finsternis,
da lässt die Vagabundenschar
von unheilvollen Wegen ab.

Da schöpft der Seemann neue Kraft,
und Meereswogen legen sich,
da wird vorm Künder seiner Schuld
der Fels der Kirche selber weich.

So lasst uns aufstehn, tätig sein,
die Ruhenden erweckt der Hahn,
die Schläfrigen ermuntert er,
die Leugner überführt der Hahn.

Vom Hahnenschrei geht Hoffnung aus,
das Heil wird Kranken neu geschenkt,
geborgen wird des Räubers Schwert,
in Sündern wird der Glaube neu.

Jesus, sorg Du für den, der fällt,
und leite uns durch Deinen Blick;
wenn Du sorgst, stehn Gefallne auf,
in Tränen wird die Schuld gelöst.

Du Licht, strahl in den Sinnen auf
vertreibe unsres Geistes Schlaf.
Dir gelte unser erster Ruf,
Dir lösen wir Gelübde ein.

Preis sei dem Vater, unserm Gott,
und Seinem eingebornen Sohn,
dem Heilgen Geist, dem Tröster, auch
jetzt und in alle Ewigkeit.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Eine von acht Hymnen

  1. akinom schreibt:

    „Da löst erwachter Morgenstern
    den Himmel aus der Finsternis,
    da lässt die Vagabundenschar
    von unheilvollen Wegen ab“….

    Heilige machen Heilige! Davon bin ich überzeugt Vom heiligen Kirchenlehrer Ambrosius
    weiß ich nicht viel. Aber an der Heiligkeit des heiligen Kirchenlehrers Augustinus und seiner schwer geprüften heiligen Mutter Monika, meiner Namenspatronin, ist er sicher nicht „unschuldig“! Vielleicht wird er ja auch noch für seine wortgewaltige Verehrerin Claudia Sperlich… zur „Steigbügelhalterin“ in den Himmel … ?

    Ich selber kenne nur einen einzigen Satz von St. Ambrosius, der aber in meinem Leben eine große Rolle spielt. Es ist der Trost, den er Mutter Monika mit den Worten schenkte: „Ein Kind so vieler Tränen kann nicht verloren gehen!“…

    Ja, es gibt eine „Berufung zum Weinen!“, die sogar von Jesus selber stammt: Den Müttern an Seinem Kreuzweg hat ER buchstäblich ins Stammbuch geschrieben: „Weint über euch und eure Kinder!“ Sind vielleicht auch fehlende Müttertränen Ursache für jüngste Kirchenaustritts-Statistik?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wer weiß – ob mein Kircheneintritt, unerwünscht von beiden Eltern und beiden Brüdern, vielleicht auch eine Frucht der mütterlichen Tränen war? Denn die gab es – aus Gründen, um alle drei Kinder.

      • Gertie schreibt:

        Die Übertragung klingt aber doch schon sehr „sprachlich dicht“, um das Wort „poetisch“ zu vermeiden. Ich bin überzeugt, dass der hl. Kirchenvater das nicht nur erhaben dulden sondern ganz entschieden gut heißen würde.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Herzlichen Dank für das hohe Lob!

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