Wieder ein Hymnus übersetzt!

Er gilt als ambrosianisch, stammt aber von einem Anonymus des 5. Jhs. und ist den Hymnen des Ambrosius nachempfunden. Die letzte Strophe mit dem Lob der Dreieinigkeit ist dem gestern vorgestellten æterne rerum conditor entnommen.

In der dritten Strophe heißt es:

carnis terat superbiam
potus cibique parcitas

– wörtlich: Sparsamkeit an Trank und Speise zermürbt des Fleisches Hochmut. Warum das in der gängigen Übertragung wiedergegeben wurde mit

und gib uns jeden Tag das Brot
für unsre und der Brüder Not

wissen nur Gott, der Übersetzer und der Autor, der mittlerweile über grimmige Autoreneitelkeiten erhaben ist. Die verfälschten Verse ziehen in der folgenden Strophe eine weitere Verfälschung nach sich: mundi per abstinentiam heißt wörtlich rein durch Enthaltsamkeit. Von der Weihe des Tuns steht da nichts. Persönlich finde ich den Aufruf zur Askese nicht zu unanständig, um ihn möglichst treu zu übersetzen.

Schon steigt herauf das Lichtgestirn –
lasst uns zu Gott in Demut flehn,
daß Er uns in des Tages Werk
bewahr vor dem, was Unheil bringt.

Die Zunge halte Er im Zaum,
daß keines Streites Rauhheit tönt;
zur Hege schirme Er den Blick,
daß er nicht Eitelkeiten trinkt.

Rein sei des Herzens tiefster Grund,
auch bleibe fern die Unvernunft;
zerrieben wird des Fleisches Stolz
durch Sparsamkeit in Trank und Mahl,

daß, wenn der Tag vergangen ist
und unser Los bringt wieder Nacht,
wir rein sind durch Enthaltsamkeit
und daß wir singen Ihm zum Preis.

Preis sei dem Vater, unserm Gott,
und Seinem eingebornen Sohn,
dem Heilgen Geist, dem Tröster, auch
jetzt und in alle Ewigkeit.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Wieder ein Hymnus übersetzt!

  1. akinom schreibt:

    „…zerrieben wird des Fleisches Stolz
    durch Sparsamkeit in Trank und Mahl“

    Was sagt mir der Text, der so alt ist, wie Ambrosius bzw. Anonymus des 5. Jahrhunderts und so jung wie Claudia Sperlich? Alt und jung liegen nicht am Geburtsdatum. Schließlich ist Pippi Langstrumpf 70. Und manche Krippenkinder scheinen schon uralt zu sein. Auch 20jährige sind es: die, die das Leben verlernt haben und deren Zeit nur aus Ablenkung vom Leben und Flucht vor dem Leben zu bestehen scheint: „Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin!“ Kann es etwas Schrecklicheres geben?

    Das von mir gewählte obige Zitat betrifft mich ganz persönlich. Für Sparsamkeit/Großzügigkeit ist mein Mann zuständig, den ich als meinen „Finanzminister“ geheiratet habe
    in Ermangelung jeglicher persönlicher Beziehung zum Geld. Aber in Bezug auf „Fleisches Stolz“ und „Trank und Mahl“, betrifft sie mich sehr wohl. Meine Bewunderung gilt denen, die “ rein sind durch Enthaltsamkeit“. Für mich scheint dies eine ewige „Baustelle“ zu sein. Ich war nie eine „Opferseele“. Bei mir hat Claudia Sperlich da also ins Wespennest gestochen wenn sie meint:
    „Persönlich finde ich den Aufruf zur Askese nicht zu unanständig, um ihn möglichst treu zu übersetzen.“ Ich kann ihn weder übersetzen noch leben!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Mir ist der Aufruf auch ein Stachel im Fleisch – oder, meinetwegen, im Fett.
      Gerade deshalb finde ich ihn so bedenkenswert. Ich weiß ja, daß ich ihm „eigentlich“ folgen kann.

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