Pflegeheimepisoden

Die folgenden Aussagen in verschiedenen Stadien dementer Heimbewohner sind nicht von mir erdacht, sondern von mir gehört bei der Arbeit als Betreuungsassistentin.

Bettlägerige Frau (die mich ziemlich beharrlich Viktoria nennt, was ja auch ein schöner Name ist):

Außer Ihnen betet niemand mit mir. Bleiben Sie hier.

***

Jesus, steh mir bei in meiner Not.
Hilf mir, damit ich weiß, daß Du bei mir bist.
Jesus, steh mir bei, wenn ich wieder alles vergesse.
Bitte verzeih mir, wenn ich ungeduldig bin, weil Viktoria nicht gleich kommt.
Jesus, steh mir bei in meiner Not.
Sei bitte bei mir.

99jährige zu einem Bild des Christus Pantokrator:

Das Gedächtnis ist voll. An den Augen sieht man, daß Er alles weiß.

Dieselbe vor der Gymnastik:

Ich will die ganzen alten Knacker nicht sehen.

Aussage eines seit über 50 Jahren verheirateten Mannes, mit charmantem Lächeln:

Ich heirate morgen. Sie werden verstehen, daß ich etwas nervös bin.

Beim ab und zu stattfindenden Tanzcafé mit Livemusik werden Bewohner, die eigentlich einen Rollator brauchen, und dauermürrische Depressive auf einmal zu seligen Tänzern. Bei Konzerten werden Bewohner mit dem ständigen Drang, auf wackligen Beinen ziellos herumzugehen, plötzlich still, singen leise mit oder bewegen die Finger im Takt.

Und auch: Eine Frau, die bitterlich weint und sterben will. Eine andere, die nicht sterben kann. Eine, die das Haus verlassen hat, weil sie mal wieder in ihre westfälische Heimatstadt will. Ein launenhafter Bettlägeriger, der im Viertelstundentakt klingelt. Bewohner, die immer schlechtgelaunt sind oder äußerst fordernd und herrisch. Bewohner, die mich anstrahlen und sagen „Schön, daß Sie kommen“. Bewohner, die mich empfangen mit „Was ist denn jetzt schon wieder?“
Es gibt halt alles.
Und ich liebe diese Arbeit.
Ich hoffe, sie wird irgendwann mal anders als ehrenamtlich sein.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Pflegeheimepisoden

  1. akinom schreibt:

    An einem Tag, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt habe, schaute ich mit Mühe kurz in meinen PC und fand die „Pflegeheimepisoden“…. „Ein Vorgucker?“ So fragte ich mich…. Seit meinem 70. Geburtstag vor einigen Wochen fühle ich mich plötzlich alt geworden. Ich sammle Erfahrungen mit einem steifen Nacken bei dem alles – selbst das Atmen und Essen – anstrengend ist bei mir bis dato unbekannte Schmerzen verursacht. Nach Einnahme von Spritzen und verodneten Schmerztabletten ist dann wieder alles wie ein Spuk vorbei. Gestern dann konnte ich versuchsweise ohne Schmerztablette – den Kopf fast problemlos drehen und deshalb auch gefahrlos eine Straße überqueren. Doch mein rechtes Handgelenk beschwerte sich überraschend.Ich konnte buchstäblich nichts mehr tun: keine angebrochene Sprudelwaserflasche öffnen, keine Zahnbürste halten, kein Knöpfchen an der Bluse öffnen… Den kleinsten kleinsten Handtast musste mein Mann für mich verrichten. Nur den PC konnte ich einschalten und ungeschickt mit der linken Hand an der Maus in den Briefkasten gucken…wo ich die „Pflegeheimepisoden“ fand… Heute nun – mit Schmerztablette – ist der Spuk (erst einmal) vorbei und ich kann Frau Sperlich auf diese Weise versichern, dass ihr Einsatz wirklich ein Segen ist…Gerne bete ich auch mit ihr….Es bleibt spannend!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich wünsche gute Besserung, möge es sich so gut als möglich wieder einrenken!
      Und wenn nicht: Mögen sich gute Wege auftun, mit dieser Einschränkung zu leben.

      • akinom schreibt:

        Danke! Ich habe keine Angst. 365 Mal steht in der Bibel: „Fürchtet Euch nicht!“

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