Theodizeefrage im Pflegeheim

Wenn man Demente betreut, hört man von ihnen gelegentlich die Frage, wieso Gott sie nicht einfach sterben läßt, wieso Er ihre Gebete nicht erhört, wieso Er einem alles wegnimmt.
Darauf gibt es keine ehrliche Antwort außer „Ich weiß es nicht“. Es gibt natürlich andere sinnvolle Reaktionen: In den Arm nehmen; gemeinsam beten; ablenken; sagen, daß Er alle liebt, auch wenn man es nicht begreift; in den Garten gehen – das ist alles richtig, und mit etwas Übung kann man erspüren, was gerade zu genau diesem Menschen passt. Aber es sind nicht im Wortsinn Antworten auf die Theodizeefrage.

Damit kann ich leben. Das ist so, und es ist nicht meine Aufgabe, zu sagen, was ich nicht weiß – sondern zu trösten, so gut ich kann. Viel schwieriger ist, daß ich mir selbst – und Gott – auch solche Fragen stelle, genauer gesagt, eine Frage.

Unser Glaube wird immer wieder auf die Probe gestellt. Das ist meistens verstehbar. Aber wenn man nun nicht mehr imstande ist, zu glauben – nicht, weil es an gutem Willen oder Ausdauer fehlt, sondern weil es, ohne jede Besserungsmöglichkeit, an Verstand fehlt? Wenn die Demenz bei frommen Menschen den Glauben zusammen mit dem Verstand auffrisst?

„Ich habe mein Leben lang gebetet, und Gott hört nichts.“ Den Satz kenne ich aus dem Pflegeheim in mehreren Abwandlungen. Er macht mir Angst. Da verlieren treue Christen ihren Glauben ohne jedes eigene Verschulden und ohne jede Möglichkeit, ihn wiederzufinden.

Was soll eine Prüfung, die niemand bestehen kann?

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Theodizeefrage im Pflegeheim

  1. akinom schreibt:

    Jesus ist stellvertretend für unsere Sünden am Kreuz gestorben und hat uns aufgetragen, ihm nachzufolgen. Gemeint ist sicherlich nicht nur das Martyrium. Eltern, deren Kinder sich (auch) aufgrund unterlassener Erziehung vom Glauben abgewandt haben, dürfen die versäumte Verantwortung nicht später nachholen und an sich reißen. Aber sie können – davon bin ich überzeugt – ihre Kinder buchstäblich in den Himmel beten. Und so können wir sicher auch Kind gewordene Demente stellvertretend in der Nachfolge Christi in den Himmel beten. Um was wir in rechter Weise beten – so ist uns verheißen – wird erhört. Es kann gar nicht anders sein. Aber Rechenschaft über den Erfolg unseres Wirkens ist uns der Herr nicht schuldig: „Glaubt nur…“

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Darum geht es mir bei der Frage gar nicht.
      Sondern darum, daß Menschen hier auf der Erde den Glauben verlieren aus keinem anderen Grund als weil sie dement sind, und daß es für sie nicht die geringste Chance gibt, diesen Glauben wiederzuerlangen. Daß Gott sie dafür nicht in die Hölle schicken wird, ist mir schon klar. Das Problem ist, daß sie hier einfach auf keine Weise mehr neu lernen können, zu glauben.

      • akinom schreibt:

        Noch ein Gedanke: Glaubensfinsternis ist eine harte Gnade, die viele große Heilige „ohne eigenes Verschulden“ durchlitten haben und Jesus selbst am Kreuz – uns unbegreiflich – so formuliert hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
        Ist der Hilferuf in immer größer werdender Gottesfinsternis „Gott hört nichts!“ kein Gebet? Oder ist es das Gebet, auf das Jesus schon längst geantwortet hat: „Lasst die Kindlein zu mir kommen!“? Ich habe die demente und psychisch kranke Cousine meines Mannes Ostern sterben sehen. Ich wusste: „Sie sieht das Licht am Ende ihres Tunnels!“
        Daher bin ich überzeugt: „Treue Christen verlieren ihren Glauben ohne eigenes Verschulden nicht, ohne ihn wiederzufinden.“ Und das sicher auch schon zu Lebzeiten!
        Und Sie sind es, Frau Sperlich, die den „Kindlein“ hilft, zu Jesus zu kommen!

      • Bettina schreibt:

        Claudia, Demente verlieren so viel, aber aus meiner Erfahrung möchte ich sagen, dass sie „ihren Glauben“ nicht verlieren, sie können ihn – wie weit einfachere Dinge auch – nicht mehr komplex zum Ausdruck bringen. Sing mit ihnen Lieder, die sie auch in der Kirche sangen/singen, dann wirst Du es anders wahrnehmen, das berührt sogar noch die, die sich kaum noch artikulieren können. So meine Sicht …

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Jein, Bettina. Die Gefühlsebene bleibt ansprechbar; die alten Lieder und Gebete werden erkannt. Aber das Gefühl tiefster Gottverlassenheit ist auch immer wieder da, und dann ist eben kein Intellekt zur Hand, der einen befähigt, ein gutes Buch zu lesen oder ein Gebet zu formulieren oder einfach nur zu denken „Da muß ich durch“.
        Trotzdem kann man natürlich mit den von Dir beschriebenen Mitteln viel lindern.

  2. Bastian Volkamer-Scheidler schreibt:

    “Treue Christen verlieren ihren Glauben ohne eigenes Verschulden nicht, ohne ihn wiederzufinden.”
    Oha. Wer ihn verliert, ohne ihn wiederzufinden, ist schuldig? Das klingt ja sehr nett, ist aber grausam und, so denke ich, auch falsch.
    Ich stimme mit Frau Sperlich überein: ich weiß es nicht. Ich kann nachvollziehen, wie man den Glauben verlieren kann, und ich kann argumentieren, wie er eigentlich auch in der Krise bestehen sollte. Doch das ist zwar sicher oft theologisch korrekt, aber eben nicht tragfähig. Ich kenne den Versuch von mir selbst, auf alles eine Antwort zu geben. Und mit dem Kopf bekomme ich auch stets eine hin. Nur ist der Kopf nur ein kleiner Teil des Menschen, und wenn ich selbst angefochten bin, hilft er mir oft wenig oder steht sogar im Weg. Denn dann zeigt sich plötzlich, dass eine praktische Frage eine praktische Antwort erfordert, keine theoretisch-theologisch-mystische.
    Es ist Fakt: der Glaube ist die Verbindung des Menschen zu Gott, er ist von Gott gefordert und man kann ihn verlieren. Und in so manchen Fällen denke ich, dass ich den Glauben in der Situation Dritter längst verloren hätte. Hier hilft kein Herbeireden des Glaubens, sondern der Umgang mit seinem Verlust ist gefordert.

    Zwei Ansätze habe ich auf die Frage von Frau Sperlich.
    Zum einen das christliche Prinzip der Stellvertretung. Christus starb stellvertretend für mich. Meine Frau und ich haben den Glauben stellvertretend für unsere Kinder angenommen, als sie im Säuglingsalter getauft wurden. Wir können für die glauben, die es selbst nicht mehr können.
    Das Andere ist Gott selbst. Denn wenn ich den Glauben verliere, verliere ich deshalb nicht Gott. Der ist da, ob ich es glaube oder nicht. Und er ist auch bei den alten Menschen.

    Als Christ muss man meiner Erfahrung nach zwei Ohnmachten aushalten, die tief ins Existenzielle gehen: die Ohnmacht gegen den Unglauben anderer und die Ohnmacht gegen sie eigene Sündhaftigkeit. Im Glauben wird nicht nur die Rettung sichtbar, sondern auch der Abgrund, aus dem man gerettet wird.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen und herzlichen Dank für diesen guten Kommentar.
      Den Gedanken des stellvertretenden Glaubens finde ich einerseits schwierig, weil ich ihn mit der Freiheit im Glauben nicht recht zusammenbringen kann. Andererseits habe ich keine bessere Antwort und glaube auch nicht, daß es die gibt.
      Der letzte Absatz gefällt mir besonders. Ja, das ist, was wir ertragen müssen.

      • Bastian Volkamer-Scheidler schreibt:

        Ich denke, der stellvertretende Glaube steht zur Freiheit nicht in Widerspruch. Jeder kann sich entscheiden. Die Stellvertretung überwindet ja niemanden.
        Wenn ich mich aber entscheiden muss, gerettet zu werden, oder nicht, dann stehe ich, bevor ich mich entscheide, natürlich auch irgendwo. Die Stellvertretung sorgt nur dafür, dass ich vor meiner eigenen Entscheidung auf der sicheren Seite bin. Hinter dem Misstrauen dagegen steckt meist die komische Haltung, vor einer Entscheidung zwischen ja und nein müsse man auf nein stehen, alles andere sei unfrei (entdecke ich auch bei mir selbst). Ist natürlich Blödsinn. Ich kann mich genauso frei entscheiden, wenn ich vorher auf ja stehe.
        In einer Beziehung sind doch die schönsten Momente die, in denen einer dem anderen eine Last abnimmt, sie also stellvertretend trägt oder erledigt, und dem anderen dadurch etwas mehr Freiheit schenkt. Stellvertretung befreit.
        Außerdem: wenn Christus nicht stellvertretend gehandelt hätte, wäre ich geliefert.

  3. Peter Enders schreibt:

    Stimme Akinom zu. Manchmal „wandert“ der Glaube auch. Geduld hilft, dass er verweilen kann.

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