Macht mir die Heimat nicht madig!

Damit meine ich ausdrücklich nicht Leute, die mit dem Begriff Heimat nichts verbinden können, weil sie der Ansicht sind, die Nazis hätten dies Wort erfunden.
Sondern damit meine ich die Leute, die sich für große Patrioten halten.

Ich liebe dies Land mit seinen romanischen Kirchen und barocken Palästen und Jugendstilwohnhäusern, ich liebe dies Land mit Norddeutscher Tiefebene und bayerischen Alpen, mit den trutzigen Wendenkirchlein der Mark Brandenburg und mit der eleganten Architektur des Saarlandes, ich liebe das derbe Berlinerisch, das gemütliche Sächsisch, das bodenständig freundliche Bayerisch und das hochges-tochene Hamburgsch, die vielen Flüsse und die Meeresstrände, die fetten Mischwälder und Blumenwiesen Westfalens.

Ich liebe die in diesem Land so lange kultivierten Künste, die vielfältige Dichtkunst, die alten Universitäten und Akademien, die Begeisterung für Philosophie.

Ich liebe die Orientbegeisterung von Goethe und Hauff, die wissbegierige Reiselust der Brüder Humboldt, die lange, auf so schreckliche Weise unterbrochene Freundschaftsgeschichte zwischen Polen und Deutschland.

Ich liebe dies Land. Ich will tun, was ich kann, um es zu schützen vor Menschen, die es zu einem abgeschotteten, intoleranten Klüngel machen wollen und sich dabei auch noch auf die Kultur zu berufen wagen.

Dies schreibe ich, nachdem mir ein Journalist einen Artikel empfahl, in dem er affirmativ zitiert wird und dessen Titel Deutschland vorwirft, sein Volk zu vernichten, und diesem Volk empfiehlt, aufzustehen.
Daß ich dies als populistisch bezeichnet habe, hält er für ein Zeichen mangelnder Intelligenz. Das besorgt mich nicht weiter, ich kann mit seiner Mißachtung leben. Schlimmer finde ich, daß er mir diesen Artikel empfahl, als er noch dachte, ich sei vielleicht doch intelligent, und daß er hierdurch und durch andere Äußerungen (insbesondere über Flüchtlinge in Deutschland) eine große Lust zur Abschottung und zu völkischem Trallala (ich habe kein netteres Wort dafür) erkennen läßt.

Deutschland ist ein altes Kulturland. Völkisches Trallala und pauschale Verurteilung aller schutzsuchenden Fremden ist der Versuch, diese Kultur zu vernichten. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, diesen Versuch zu sabotieren.

Von meinem Vater Martin Sperlich stammt dies Gedicht:

An mein Vaterland
Bad Ems 1978

Ich liebe dieses Land, mit dem geht es zu Ende,
es ist ja schon seit hundert Jahren faul
und stinkt zur Hölle und ich liebe es;

ich liebe seine Sprache und die Oberfläche
der Hügel, die es so schön modellieren
daß ich ihr Bild nie mehr vergessen kann.

Die Mörderenkel spähen, Grinsemichel
mit Bettlerhänden, durch die Korridore
der faulen Diener, Spesen zu ergattern;

ich liebe dieses Land, die Uferränder,
den Felderschnee mit seinen Hasenspuren –
und mag sein süßer Boden auch bedeckt sein

mit hochgruppierten ernsten Eitelkeiten
und Kunstkritikern und Regierungsräten
und Pflanzenkübeln und Fußgängerzonen –

es gibt dort auch Ameisen und Bäume
und Brombeerranken und Kartoffelfeuer
(und ganz besondre Wolken in Masuren)

Ich liebe meine Frau, dies Land und meine Kinder
die Verse von der Kirsch und von der Droste
die Ebereschen und die spitzen Kirchen;

ich liebe es mit Zorn, die Maskenbildner
der optimistischen Erfolgsgesichter
sind nicht imstande, mich davon zu heilen.

Dies ist mein Land, mein Blut, mein Märchen, meine Mutter
und ich gedenke hier noch zu verweilen.

Meine Heimatliebe ist ähnlich.

Dies Land

Dies Land ist meine Heimat, wird es bleiben,
so weit ich heimisch sein kann auf der Erde.
Kein Recht, kein Unrecht, keine Drohgebärde
und keiner Staatsmacht nörgelnde Beschwerde
wird mich – so hoffe ich – aus ihm vertreiben.

Dies Land mit seinen Kirchen, seinen Städten,
mit seiner Sprache, die mein Denken prägt –
an dessen Wurzeln dumpfe Herrschsucht sägt,
und dessen Zweige Gängelei zerschlägt,
ist mein. Hier will ich dichten, dienen, beten.

Dies Land bedroht die Kranken und die Alten,
und macht es leicht, die Kinder zu ermorden.
Das wird geduldet von Regierungshorden,
das Unrecht ist schon fast zum Recht geworden
und wird vielleicht schon bald für Pflicht gehalten.

Gedankenfreiheit heißt: Man macht sich keine.
Verachtet wird, was dem Erwerb nicht nützt,
der Schwache wird vom Starken nicht gestützt,
das Kind im Mutterleib bleibt ungeschützt –
in diesem Land hat Sinn der Zweck alleine.

Hier will ich liebend schreiben, handeln, leben
nach eignem Denken, Glauben und Gewissen,
nicht glattgehobelt – lieber noch zerrissen,
will keine Regenbogenfahnen hissen
und der Beliebigkeit mich nicht ergeben.

Ich will im lauen Einheitsbrei nicht treiben,
nicht buckeln vor den Besserwisserscharen,
will helfen, Menschenleben zu bewahren,
nicht Worte, Taten und Gebete sparen.
Dies Land ist meine Heimat, wird es bleiben.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Macht mir die Heimat nicht madig!

  1. Ulrike Ludy schreibt:

    Ich liebe dieses Land, manche Teile mehr und manche weniger, aber insgesamt ist es mein Heimatland.
    Ich liebe dieses Land und seine Sprachen, von bayrisch über pfälzisch bis hoch zur friesisch Waterkant.
    Ich liebe dieses Land mit seinen alten Bauten und seinen Landschaften, die schon mancher Fremde schön fand.
    Ich liebe Deutschland!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      So ist es. Und ich darf bei Dir vermuten, daß Du zwischen Nationalismus und Heimatliebe zu unterscheiden weißt. (Ich habe die steile These, daß Nationalismus mit Heimatliebe herzlich wenig zu tun hat; ein Nationalist will ja die Heimat nicht bereichert wissen, sondern im eigenen Saft kochen.)

  2. Karl Eduard schreibt:

    Ich finde, die Rezitatorin sollte einmal in Ruhe in sich gehen und sich fragen, wer die Kultur trägt in der sie lebt. Wodurch diese Kultur und auch die Religion, die sie lebt, ermöglicht wird. Das alles fällt ja leider nicht vom Himmel. Natürlich ist es schwer, gewisse Überlegungen zu denken, wenn man zuvor in Friede, Freude, Eierkuchen gebadet hat. Da sträubt sich das Innere und schreit, ob man zu denen gezählt werden will.

    Aber, nehmen wir mal an, es werden mehr Kirchen geschändet, in Taufbecken gepinkelt und Reliquien gestohlen oder Besucher des Gottesdienstes verhöhnt. Das kommt ja nicht irgendwoher. Das hat irgendwann mal angefangen, wurde geduldet, verschämt verschwiegen oder der Dialog mit den Tätern gesucht.

    Die Rezitatorin schreibt auch regelmäßig, wie das in anderen Ländern endet. Da ruft sie dann auf, zur Solidarität. Aber wenn die Anfänge im eigenen Land zu beobachten sind, soll man ihnen dann wehren? Sicher nicht. Weil das rassistisch und fremdenfeindlich wäre. Was der Kommentator verstehen kann.

    Am Film Quo Vadis hat ihm am besten gefallen, wie klaglos sich die Christen haben fressen lassen. Aber wenn kein Christ mehr da ist, wer verbreitet dann noch das Wort Gottes? Oder singt die Lieder, die ihn loben? Aber darum ist es ja auch nicht schade. Sonst würde man darum kämpfen. Um die Lieder, die Gedichte, die Schnitzereien, die Architektur. Die die Rezitatorin regelmäßig bewundert und bestaunt.
    Oder, wenn man selbst nicht stark genug ist für den Kampf, den Kämpfern die Unterstützung nicht versagen.

    Man darf auch ruhig feige sein, weil das menschlich ist aber dann sollte man die, die dafür eintreten, daß es noch Kirchen gibt, nicht diffamieren. So viel Mut kann jeder aufbringen. Oder?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dieser Kommentar ist so dumm, so unfassbar dämlich, daß ich ihn allein deshalb zulassen muß. Du hast Dir gerade die völlige Unfähigkeit zu sinnerfassendem Lesen bescheinigt.
      Und Du hast mich implizit beschuldigt, nicht für die Kirche einzutreten, nicht für Kultur, nicht gegen Diffamierung aufzustehen.
      In Zukunft wirst Du Deine Blähungen nicht mehr auf diesem Weblog ablassen.

    • Wolfram schreibt:

      Daß es in Deutschland noch Kirchen gibt, in denen Gottesdienst gefeiert wird (übrigens von Gläubigen und nicht von Religiösen), ist bestimmt nicht das Verdienst der Nationalisten mit ihren germanischen Mythen, ihrem Deutsch-„Christentum“ und was da sonst an geistigem Irrsal und Wirrsal produziert wird und wurde.
      Die Verhöhner christlicher Gläubiger sind meist deutsch mit germanischem Stammbaum wesentlich weiter als der Ariernachweis forderte.
      Ins-Weihwasser-Pinkler gehören vermutlich genau so ins Reich der Hetzlügen wie jüdische Brunnenvergiftungen.

  3. Bettina schreibt:

    Hat dies auf laut und leise literatur lesen rebloggt und kommentierte:
    meine Leseempfehlung – dieser Beitrag von Claudia Sperlich

  4. Pingback: Heimat, nicht nur geographisch | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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