Märchen von Liebe und Mut

… heißt ein neues Buch von Harald Stollmeier, dessen Märchen vom Erwachsenwerden ich schon vorgestellt habe, ebenso seinen Gedichtband Das Kreuz aus Krippenholz.

Sieben Märchen schildern Liebe und Mut als machtvolle, einander ergänzende Fähigkeiten.

Was wäre geschehen, wenn Adam zu seiner Verantwortung gestanden hätte? Darauf antwortet das erste Märchen, das der Geschichte vom Sündenfall mit Weisheit und Humor eine erstaunliche Wendung gibt.

Ein Junge sehnt sich nach einem Eisvogel und lernt mit großer Geduld, Vögel anzulocken und wieder freizulassen. Als endlich ein Eisvogel zu ihm kommt, steht er vor der Entscheidung, entweder die eigene Sehnsucht erfüllt zu sehen oder einem anderen zu helfen.

In der Geschichte zweier Brüder, die in ein Feenreich geraten, geht es einerseits wieder um das Erwachsenwerden, um das Wachsen von Verantwortung und fürsorglicher Liebe. Andererseits geht es um den Mut, zu seinen Träumen und der eigenen Schwachheit zu stehen.

Die Eule Nocturna ist den Lesern des Vorgängerbandes Märchen vom Erwachsenwerden schon bekannt. Hier erfährt man nun, wie ihre Geschichte mit der des Königspaares und der Königinmutter verbunden ist in einer Kette von alter schwerer Schuld, Verzweiflung, Bekenntnis, Vergebung – und wie am Ende Leben überhaupt erst möglich wird durch uneigennützige Liebe.

Ein Landschaftsbild und das Rosenkranzgebet sind für eine junge Frau der Weg, sich mit dem Tod ihrer Schwester und dem ihres Mannes auszusöhnen und zu begreifen, daß der Tod nicht das Ende ist, sondern in ein versöhntes, über alles Erwarten schönes ewiges Leben führt. Vor die Wahl gestellt, sofort in die himmlische Seligkeit zu gelangen oder auf der Erde weiterzuleben, entscheidet sie sich für letzteres um ihrer Kinder willen. Ihre Schwester sagt ihr zu, sie werde im Himmel auf sie warten – „Aber es wird nicht wie Warten sein.“

Einen durch Hexerei unverletzlichen Soldaten macht Mut ohne Liebe zu einer gnadenlosen Kampfmaschine. Erst als Liebe seinen Mut ergänzt, wird er barmherzig und verletzlich – und glücklich.

Freund und Feind – personifiziert durch einen seltsam gekleideten Jungen und einen Tiger – streiten in Herz und Gewissen eines gemobbten Schülers, der schließlich lernt, sich zu wehren, ohne die Charakterfehler der drangsalierenden Mitschüler zu übernehmen, und der dadurch sich selbst behaupten und zugleich Mitgefühl entwickeln kann.

Diese Märchen tun nicht so, als ob nach Menschenmaß „alles gut“ wird. Es gibt weiterhin Schlechtigkeit und Tod. Aber wo immer Liebe und Mut vereint sind, wird ein kleines Stück des Himmels sichtbar.

Esther Wesemann hat jedes Märchen mit einem sorgfältig gearbeiteten farbigen Initial illustriert.

Harald Stollmeier: Märchen von Liebe und Mut, tredition 2015, 114 S.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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