Unter FeministInnen

Am 27. August 2015 präsentierte Kirsten Achtelik im k-fetisch in Neukölln ihr eben erschienenes Buch Das Kreuz mit der Norm. Geschichte der Auseinandersetzung um Reproduktionstechnologien.

Der geschätzte Bloggerkollege Tobias Klein hatte mich auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Da ihm der Zutritt verwehrt wurde, weil er in einem anderen Lokal einst vor dem Essen still gebetet hatte und auf Nachfragen zugab, mit der Lebensschutzbewegung zu sympathisieren, ging ich (nicht ganz furchtlos) alleine.

Vor etwa vierzig Menschen sprach eine Frau der Gruppe NoFundiM.ärsche einleitende Worte. Sie vertrat die in der Ankündigung genannte, leider erkrankte Rebecca Maskos. Ihren eigenen Namen verriet sie nicht; sie bezeichnete sich nur als Mitglied jener Gruppe und bevorzugte das Pronomen wir. Sodann legte sie in launigem Ton los:

„Wir hatten gerade schon Besuch von einem sogenannten Lebensschützer … Wenn eine solche Person im Raum ist, möge sie bitte die Hand heben und sofort gehen, oder, wenn sie in der Diskussion solche Positionen äußert, werden wir sie rausschmeißen.“ (Amüsiertes Lachen aus dem Publikum.)

Christen warf sie die Haltung vor, „daß Sexualität kein Ort für Lust und Begehren ist“. Gehsteigberatung sowie Schwangerenkonfliktberatung mit eindeutiger Position für das Leben des Kindes fand sie ganz böse. Der Marsch für das Leben sei immer größer geworden, seine Positionierung in der Presse und die Grußworte von Politikern immer besser – also müsse er „verhindert“ werden. Ziel der geplanten Gegendemonstration sei, den Marsch „zu blockieren und zu sabotieren“.

Nun endlich kam Frau Achtelik zu Wort.

Die Fragestellung des Buches: Kann man als Feministin für selektive Abtreibung argumentieren? beantwortete sie mit Ja.

Zunächst stellte sie die verschiedenen Möglichkeiten der Schwangerenvorsorge vor. Die invasive Untersuchung, bei der Material aus dem Uterus analysiert wird, sah sie wegen der Gefahr des Spontanaborts als äußerst problematisch an. Allerdings antwortete sie auf die unmittelbare Frage aus dem Publikum, ob eine Fruchtwasseruntersuchung gefährlich sei, sehr stotternd – äh, also – das ist eher eine Prognose… sicher ist alles nicht.

Eine Hörerin, Mutter eines Kindes, ergänzte in der anschließenden Diskussion: Die Werbung für Vorsorgeuntersuchungen – auch nicht-invasive – schüre Ängste. Wenn nämlich eine Auffälligkeit gesehen wird, die vielleicht krankhaft ist, werden Schwangere zu einer invasiven Untersuchung nachgerade gedrängt.

Eugenische Bewegungen gab es in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik; hier wurden Stammbäume erstellt, um das Risiko von angeborenen Behinderungen einzuschätzen (diese sind allerdings wenig aussagekräftig). In den 50er Jahren waren einige Behinderungen vor der Geburt feststellbar. 1968, ein Jahr nach der ersten vorgeburtlichen Diagnose von Trisomie 21, kam es zur ersten Abtreibung aus genau diesem Grund.

Die Autorin sieht den Mutterpass als Mittel der Normierung, Überwachung und Kontrolle. Teilweise kann ich das nachvollziehen, sie verläßt dabei aber meiner Ansicht nach die sachliche Ebene bald und bewegt sich vielleicht schon auf eine Art Verschwörungstheorie zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Eugenik umbenannt in Humangenetische Beratung; das sollte ungute Assoziationen verhindern, in der Sache blieb es aber gleich. Die Techniken wurden verbessert, die Kosten für Risikogruppen von den Kassen übernommen. Die Begründung war hierbei immer, das behinderte Kind zu „verhindern“. Der „volkswirtschaftliche Nutzen“ wird glücklicherweise nicht mehr als Argument angeführt, stattdessen der Schutz der Schwangeren vor Angst. (Daß die immer genaueren Untersuchungen dabei nicht unbedingt hilfreich sind und daß ein besserer Umgang mit der Angst Schwangerer gefunden werden müsste, wurde später klar.) 1976 wurde die eugenische Indikation wieder eingeführt.

Trotz der Totalüberwachung Schwangerer ist die Erkennungsquote von Herzfehlern schlecht; dadurch werden unmittelbar nach der Geburt lebensnotwendige Operationen möglicherweise nicht rechtzeitig vorgenommen. Das zeigt, daß nach anderen Behinderungen bevorzugt gesucht wird. Die Autorin sprach in diesem Zusammenhang von Babys (die es zu retten gilt) in Abgrenzung zu Föten (deren Leben zur Disposition steht).

Die ökofeministische Bewegung der 70er und 80er Jahre mit ihrer Ansicht, das Patriarchat versuche, die weibliche Selbstbestimmung zu sabotieren, und Frauen seien gegenüber Männern dadurch ausgezeichnet, daß sie in lebendigen Zusammenhängen leben, sieht sie als Kuriosum. Die Rote Zora mit ihren Anschlägen auf humangenetische Beratungsstellen beurteilt sie halb kritisch, halb bewundernd. Sie hob die Krüppelbewegung hervor, die bei der Aufarbeitung behindertenfeindlicher Praktiken, darunter bis in die 90er Jahre (!) Zwangssterilisierungen behinderter Frauen, große Verdienste erwarb.
Zu Recht empörte sie sich über das Frauenhandbuch 1 der Gruppe Brot und Rosen (1971), in dem behindert geborene Kinder ausschließlich als Pflegefälle gesehen werden, durch die das „eigene[s] Leben der Mutter zerstört“ werde. Diese Gleichsetzung von Behinderung des Kindes und Zerstörung des mütterlichen Lebens sieht sie als unsinnig und boshaft an. Aus dem Publikum kam später der Hinweis, daß ganze 5% aller Behinderungen überhaupt auf genetische Defekte zurückgehen.

Bei der 12-Wochen-Frist geht es um die psychische und physische Gesundheit der Frau, nicht die des Kindes. Die Autorin bemängelte, daß es fast unmöglich sei, eine Indikation aufgrund psychischer Probleme der Mutter zu bekommen. Sie argumentierte mit dem Fallbeispiel einer durch Vergewaltigung Schwangeren, die im 5. Monat abtreiben wollte und der zunächst die Indikation verweigert wurde. Wörtlich sagte die Autorin: „Sie hat den Abbruch gekriegt, ist noch mal gut gegangen.“

An einer Demonstration vor einem Beratungszentrum in Essen 1980 nahmen 20.000 Menschen teil; daß in Deutschland heute keine Demonstrationen der Lebensschutzbewegung in dieser Größe stattfinden, sieht sie positiv, befürchtet jedoch das Schlimmste angesichts wieder steigender Zahlen der Lebensschützer. 5000 Teilnehmer am Marsch für das Leben in Berlin sei „viel – viel zu viel“. Daß ein Behindertenbeauftragter von „Inklusion im Mutterleib“ sprach, ist für sie ein „geschickter Schachzug“. Die Lebensschützer versuchen ihrer Ansicht nach, sich mit Behinderten zu „verbünden“ und sie zu „instrumentalisieren“.

Mich hat der Vortrag bestärkt in meinem Vorhaben, trotz terminlicher Schwierigkeiten auch in diesem Jahr am Marsch für das Leben teilzunehmen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Unter FeministInnen

  1. Alipius schreibt:

    „NoFundiM.ärsche“? Ich bekräftige hiermit Dein Statement, daß Satire im Grunde ausgedient hat.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Endlich einer, der mir glaubt. 😉

      • akinom schreibt:

        Ich auch!!!! Wie lange hat das gedauert? Aber „steter Tropfen…“ und „Mut, statt Wut!“
        Es lohnt sich, am Ball zu bleiben!

        Einen weiteren Mutmacher fand ich heute bei Kath.Net.:
        „Familie 28 August 2015, 11:30

        US-Footballprofi entscheidet sich gegen Abtreibung
        Evan Rodriguez und seine Frau Olivia haben sich gegen die Abtreibung ihrer an Anenzaphalie leidenden Tochter entschieden. Sie wollen das Kind bekommen, obwohl es nur eine Lebenserwartung von wenigen Tagen hat….“

        Wer könnte den Mutter und Vater das Erlebnis gemeinsamer Elternschaft je ersetzen, auch wenn es nur kurze Zeit währen wird?“ Ist es Neid der Feministinnen, die sie einfach nur zu mitleidenswerten „traurigen Gestalten“ macht?

        Nehmen wir sie mit ins Gebet! Ein toller Bericht, Frau Sperlich! DANKE!

  2. KingBear schreibt:

    Danke fürs Protokollieren! Den Bericht von meiner Nicht-Teilnahme gibt’s hier:
    http://mightymightykingbear.blogspot.de/2015/08/real-life-filterbubble.html?m=1

    😀

    • akinom schreibt:

      Das haben Sie wirklich großartig und professionell gemacht, Frau Sperlich! In Ihre „Journalistenschule“ sollten alle Mitarbeiter der Medienzuft gehen! Da würde sich dann sicher mancher erstaunt die Augen reiben!

  3. C.Becker schreibt:

    Liebe Claudia, als Frau mit einer Behinderung „verbünde“ ich mich doch sehr gerne mit dir und anderen Lebensschützern in dieser Sache!
    Liebe Grüße
    Carmen

  4. Pingback: SpießbürgerInnen | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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