Es wird Probleme geben

… gegen die die bisherigen Lappalien sind.

Es wird Probleme geben mit immer mehr Menschen, die um ihr nacktes Leben laufen, und die in Deutschland ankommen. Das ist so, und das können wir nicht ändern – es sei denn, Deutschland macht die Grenzen zu, eine Mauer um die Bundesrepublik, mit Stacheldraht und Schießbefehl. Erfahrungsgemäß sind derartige Maßnahmen ganz unabhängig von der moralischen Verwerflichkeit auch wirtschaftlich eher schädlich. Das sei allen ins Stammbuch geschrieben, die mich als Gutmenschen titulieren, weil ich die Aufnahme von Flüchtlingen als Pflicht sehe.

Es ist schwierig, Menschen, die gestern noch nicht hier waren, die weder Landessprache noch Gesetze und Traditionen dieses Landes mehr als ungefähr kennen, die mit den klimatischen, geographischen und sozialen Gegebenheiten in Deutschland unvertraut sind, zu beherbergen, zu versorgen, zu lehren, zu integrieren. Das darf nicht dazu führen, es von vornherein bleiben zu lassen. Sowohl jeder einzelne von uns als auch der Staat mit Legislative, Exekutive, Judikative muß Flüchtlingen – wie allen anderen Menschen auch – entgegenkommen mit Wohlwollen und Klarheit über Möglichkeiten, Gegebenheiten und Pflichten aller Menschen in diesem Land. Und da wir gerade bei Pflichten sind: Wer seinen Pflichten (z.B. der zur tätigen Nächstenliebe) nicht nach Kräften nachkommt, muß den Mund halten, wenn andere das auch nicht tun, und das gute Beispiel dankbar annehmen, wenn sie es tun.

Mit den vielen, die aus echter Not kommen und den Willen haben, hier ein friedliches Leben zu führen, kommen auch andere, die diesen Willen nicht haben, und einige, die üble Anschläge planen. In dem Augenblick, wo man aus den wenigen üblen Gestalten auf die vielen in Not schließt, spielt man das Spiel der Wenigen. Wer einen Menschen ohne nähere Prüfung ablehnt nur aus dem Grund, daß dieser vielleicht mit dem IS sympathisieren könnte, spielt dem IS in die Hände, denn eine solche Haltung wird dazu führen, daß weitere friedfertige Menschen massakriert werden. Wer zudem Schlechtigkeit für ein Wesensmerkmal der Anderen hält, sollte dringend seine eigene Geschichte und die seiner nächsten Verwandten prüfen.

Angenommen, es gäbe keinen Fremdenhass, keine Vorverurteilung, keine unstrukturierte Gutmenschelei, keine sinnfreien Maßnahmen, keinen Mißbrauch des Asylrechts, keine Mißstimmungen in den überfüllten Auffanglagern – selbst dann wäre die Flut von Flüchtlingen ein schwer zu stemmendes Problem, dem wir uns stellen müssen. Menschen, die vor Boko Haram, ISIS und ähnlichen Mörderbanden fliehen, darf man nicht abweisen – auch nicht, wenn es gerade gar nicht passt.
Stellen Sie sich vor, sie sehen jemanden bewußtlos und offensichtlich schwer verletzt auf der Straße liegen. Und sie haben einen wichtigen Termin, an dem sich ihre berufliche Zukunft entscheidet. Und sie haben gerade kein Mobiltelephon. Wie ist es? Sagen Sie „Oh, tut mir leid, ich würde ja gerne helfen, aber es passt gerade nicht?“ Oder würden Sie riskieren, einen Arbeitsplatz nicht zu bekommen, Berufschancen zu verlieren – aber vielleicht ein Leben zu retten?

Nun geht es nicht um einen Schwerverletzten und nicht um eine berufliche Zukunft. Sondern es geht um massenhaft Hilfsbedürftige und um die Zukunft eines Landes (und mindestens eines Kontinentes). Das ist hart, es wird hart bleiben, und ich glaube keinem Menschen, der eine wohlfeile Lösung dafür anbietet, und keinem, der mir weismachen will, es gebe gangbare Wege ohne schweren Verzicht. Wie man helfen kann, ist übersichtlich auf einer Seite des Erzbistums Berlin dargestellt.

Hilfe für so viele ist schwierig und kostet Geld. Das heißt: Entweder, wir (auch ich) schrauben unsere Ansprüche herunter – oder wir lassen die Menschen, die vor IS und Boko Haram fliehen, alleine. Nicht jeder kann tatkräftig helfen – vielleicht fehlen Mittel und Kraft, oder man arbeitet an anderen Baustellen der Nächstenliebe. Aber jeder wird hinnehmen müssen: Entweder Flüchtlinge können prinzipiell in diesem Land Zuflucht finden, oder dies Land ist ungastlich. Entweder wir sind nicht mehr ganz so fordernd und verwöhnt – oder wir sind böse. Denn einem Menschen in existenzieller Not die Tür vor der Nase zuschlagen, obwohl man helfen könnte, ist böse.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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