Total patriarchal – Teil II: Leiblichkeit

Wie beinahe jeder weiß, ist die Kirche patriarchal, und patriarchal ist böse, aber so was von.
Daß meine Meinung hiervon abweicht, ist Lesern dieses Weblogs bekannt. In lockerer Folge werde ich einzelne Punkte, die Bestandteil der katholischen Kirche sind, näher beleuchten – zum Dank dafür, daß in der Regel nicht ich der Kirche, sondern sie mir leuchtet.

Grundlage meiner Ausführungen sind die Lehre der katholischen Kirche und die Biologie.
In diesem Zusammenhang habe ich hier schon einmal etwas geschrieben.

Angeblich ist die Haltung der Kirche zur Leiblichkeit menschen-, zumindest aber frauenfeindlich. Als Gründe werden immer wieder genannt: Der Zölibat, das Ordensleben, die Beschränkung sexueller Aktivitäten auf kirchlich verheiratete Partner, das Verbot von Homosexualität, das Verbot von Verhütung, das Verbot der Tötung Ungeborener.

Zunächst: Es gibt im Christentum keinen Zwang zum Zölibat, da niemand zum Priesteramt oder zum Ordensleben gezwungen wird. Daß Priester zölibatär zu leben haben, ist eine Entwicklung, die ihren offiziellen Anfang bei der Synode von Elvira ihren Anfang nahm; daß schon in der frühen Kirche Gläubige – und mit der Etablierung des Priesteramts auch Priester – häufig freiwillig zölibatär lebten, ist anzunehmen aufgrund des Jesuswortes in Mt. 19,12, wo Er die Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ empfiehlt, ferner Lk. 18,29 und die Ausführungen des Völkerapostels Paulus in 1 Kor. 7.
Verpflichtend wurde der Zölibat für Priester um 1078 durch Papst Gregor VII. Begründet wird der Zölibat durch die Freiheit von familiären Verpflichtungen. Zölibatäre können ohne Rücksicht auf die Familie sprechen und handeln. Die mittelalterliche Kirche sah zudem, daß ohne Zölibat manch einem Priester machtpolitische Erwägungen der Familie – also Erpressung und Bestechung – drohten.

Es stimmt, daß Priester zum Zölibat verpflichtet sind. Da es aber immer eine freie Entscheidung ist, Priester zu werden, kann man von einem Zwang zum Zölibat nicht sprechen. Die oft geäußerte Annahme, Zölibat (und Kirche überhaupt) führe zu gefährlichen Sexualneurosen, ist Unfug. Wenn es so wäre, müßte es unter nicht zölibatär lebenden kirchenfernen Menschen signifikant weniger Sexualdelikte geben. Es sind aber signifikant mehr.

Die Ordensgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam (gegenüber Kirche und Ordensoberen) sind auch für kirchenferne Menschen verstehbar als radikale Abkehr von einer Welt des Konsums, der Gier und der pausenlosen Suche nach Selbstverwirklichung. Ordensleute sind solidarisch mit den Armen, weil sie keinen persönlichen Besitz haben. Sie sind solidarisch mit den Einsamen und Ungeliebten – weil sie auch in einer im Regelfall freundschaftlichen und liebevollen Gemeinschaft auf die enge Bindung an Partner und Familie freiwillig verzichten. Sie sind solidarisch mit den Unterdrückten, nicht weil sie sich unterdrücken lassen (denn ein guter Ordensoberer ist eben kein Unterdrücker, sondern ein väterlicher Freund), sondern weil sie darauf verzichten, ihren eigenen Willen durchzusetzen.
Daß bewußter Verzicht auf eine Menge scheinbar selbstverständlicher Dinge oft befreiend empfunden wird, ist nicht allein im Christentum und nicht einmal allein in Religionen bekannt. Tausende religionsferne Menschen erleben bewußten Verzicht als eigentlichen Gewinn. In der vorösterlichen Fastenzeit wird Verzicht immer wieder ganz ohne Zusammenhang mit dem Christentum propagiert. Im Christentum, und besonders in Mönchs- und Nonnenorden, haben bestimmte Formen des Verzichts ein größeres Gewicht. Die friedvollen und freundlichen Gesichter zahlreicher Ordensleute und die großen sozialen und kulturellen Leistungen der Orden bezeugen, daß das Einhalten der Gelübde kein Fehler ist.

Die Kirche sieht es als falsch und schlecht an, außerhalb einer verbindlichen, freiwilligen, aus Liebe geschlossenen und kinderfreundlichen Partnerschaft sexuelle Kontakte zu pflegen. Das heißt: die Kirche sieht Sexualität als etwas so Großes, Heiliges, Schönes an, daß sie es unbedingt an verantwortungsvolle Liebe knüpft und daran, die Weitergabe von Leben aus Liebe und in Liebe zuzulassen. Dabei soll nichts dazwischenfunken. Der Körper soll weder durch Hormone noch durch mechanische Barrieren beeinträchtigt werden. Zwischen uns passt kein Blatt Papier, hört man als Ausdruck tiefer Freundschaft (übliches Schreibpapier ist 0,1 mm dick). Zwischen katholische Eheleute passt nicht einmal ein Kondom (nach Herstellerangaben ca. 0,06 mm). Was daran leibfeindlich ist, konnte mir noch niemand erklären.

Entgegen einer häufig geäußerten Annahme sieht die Kirche Homosexualität nicht als Sünde an; Sünde ist ja immer ein bewußter Akt der Abwendung von Gott. Sexuelle Orientierung sucht sich niemand aus. Da aber Sexualität nach Ansicht von Biologen und der Kirche ihren Sinn in der Weitergabe von Leben hat, verbietet die Kirche ihren Mitgliedern das Praktizieren von Homosexualität. Homophobie, also Angst vor Homosexuellen, ist das nicht. Auch nicht Hass auf Homosexuelle (was das oft zitierte Schlagwort Homophobie übrigens nicht hergibt; phobos heißt Angst). Grundlage ist die Überzeugung, daß ein Mensch hinter sich selbst zurückbleibt, wenn er eine Sünde begeht – und daß etwas, was der Natur des Menschen widerspricht, seiner Seele schadet. Ich kann darin keine irgendwie geartete Leibfeindlichkeit erkennen.

Daß es als Leibfeindlichkeit angesehen wird, wenn die Kirche sich ausdrücklich gegen die Beseitigung von Leibern (nämlich denen Ungeborener) wendet, ist vollends unverständlich. Ich habe darüber unter dem Stichwort Abtreibung mehrfach geschrieben.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Total patriarchal – Teil II: Leiblichkeit

  1. Wolfram schreibt:

    Hmm. In Zeiten verbesserter pädiatrischer

    • Wolfram schreibt:

      Grrr.
      Weiter:

      … Möglichkeiten und entsprechend niedriger Kindersterblichkeit scheint mir eine etwas differenziertere Einstellung zur Empfängnisverhütung durchaus angebracht. Die Ethik des evangelischen Theologen Otto Michel kann da Wege aufzeigen, wie dem Geist katholischer (!) Familienlehre entsprochen werden kann, ohne ein Gesetz in Buchstaben zu hauen – bekanntlich tötet der Buchstabe, wohingegen der Geist lebendig macht…
      Die _Empfehlung_ zur Ehelosigkeit ist in Mt.19,12 nicht festzuhalten: dort ist lediglich konstatiert, daß einige „um des Himmelreichs willen zur Ehe unfähig“ sind. Das ist weder eine Empfehlung noch beschreibt es eine freiwillige Entscheidung. Sondern scheint mir eher auf der Ebene zu sein, auf der Jesus vom Blindgeborenen sagt, „das ist, damit an ihm das Himmelreich sichtbar werde“.

      Die Zölibatspflicht für das geistliche Amt ist übrigens schlicht unbiblisch – da wird im Gegenteil gefordert, ein Bischof solle ein monogamer Ehemann sein und guter Familienvater.

      • Marcus, der mit dem C schreibt:

        „Er soll einer Frau Mann sein“ ist meines Wissen die gesuchte Formulierung. Es geht hierbei nicht um Polygamie, wie vielfach fälschlich angenommen wird, sondern außer im Falle der Verwitwung mit hinterbliebenen kleinen Kindern, soll der Bischofskandidat als Witwer nicht wieder heiraten, weil dies sonst als prima facie Beweis gewertet wird, daß er nicht enhaltsam leben kann. Genau dies wurde aber von einem Bischof erwartet, daß seine Frau ihm die Schwester wird, mit der die Ehe nicht mehr vollzogen wird.

        Dr. Kreier hat hierzu einen sehr guten Vortrag gehalten, der mit den üblichen urban legends gegen den Zölibat aufräumt. Hier der Start der mehrteiligen Videoreihe:

        Kardinal Stickler hat ein Buch geschrieben, daß sehr gut sein soll (habe es leider nicht)
        Der Klerikerzölibat. Seine Entwicklungsgeschichte und seine theologischen Grundlagen.

        Die Synode von Elvira hat den (Enthaltsamkeits-)Zölibat für Priester und Diakone nicht erfunden, sondern den Brauch aus apostolischer Zeit für den Westen obligatorisch gemacht.

      • Wolfram schreibt:

        Das ist ein Prachtbeispiel für Eisegese: in einen Text hineinlesen, was nicht drinsteht. Ungefähr auf dem Niveau der Legende, David und Jonathan hätten homosexuell praktiziert.

        Und die Synode von Elvira… Nun, wenn die deutsche katholische Kirche all die ausschließen würde, die drei Sonntage nacheinander nicht an der Gottesdienstfeier teilgenommen haben, wäre das Thema Kirchensteuer schnell erledigt. Aber da weder die Bibel für Christen jeder Konfession noch die Synodalbeschlüsse für Katholiken ein Steinbruch sind, woraus man sich nach Wunsch bedienen kann und anderes liegen lassen, muß halt mal festgestellt werden: sind die Beschlüsse von Elvira bindend – dann aber alle! – oder nicht?

  2. Klaus Ebner schreibt:

    Hmmmm…
    „Homophobie, also Angst vor Homosexuellen, ist das nicht. Auch nicht Hass auf Homosexuelle…“ Vielleicht sollten Sie darüber auch mal Exzellenz Huonder informieren. Denn wenn er weder Angst noch Hass auf Homosexuelle hat, warum sollte er dann gerade Auszüge aus dem 3. Buch Mose wählen (Sie wissen schon „ihr Blut soll über sie kommen“) und diese mit den Worten „..dies sollte ausreichen um der Frage der Homosexualität (nicht der homosexuellen Handlungen, Anm.) aus Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben…“ (Applaus beim Publikum). Huonder ruft damit nicht – wie unsinnigerweise behauptet zur Gewalt gegen Homosexuelle auf, er ruft aber sehr wohl dazu auf Homosexualität als solche unter gesetzliche Strafe zu stellen (das Buch Levitikus handelt ja stark vom Verhältnis weltlicher Gerichtsbarkeit zu göttlicher).Ihre Aussage, die Kirche würde nur ihren „Mitgliedern“ homosexuelle Handlungen verbieten ist schlichtweg falsch. Die Kirche hat sich immer vehement gegen die Abschaffung der Homosexuellen-Paragrafen eingesetzt und die galten für alle und nicht nur für Katholiken. Es ist ebenfalls falsch, dass Biologen den einzigen Sinn der Sexualität in der Fortpflanzung sehen. Wie bei allen anderen Primaten erfüllt Sex beim Menschen auch soziale Zwecke, nicht so stark wie bei den Bonobos aber doch wesentlich stärker als bei den Gorillas.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Natürlich hat sich die Kirche gegen die weltliche Strafbarkeit, gegen das Einsperren von Homosexuellen eingesetzt. Zugleich gelten kirchliche Ge- und Verbote eben für Getaufte. Für Christen.
      Selbstverständlich hat Sexualität auch eine soziale Funktion. Es ist aber in der Tat so, daß sie grundsätzlich auf Vermehrung angelegt ist. Das mag einem passen oder nicht.
      Verhaltensbiologische Vergleiche mit dem Tierreich sind grundsätzlich schwierig. Es gibt im Tierreich auch Kannibalismus und Paarung zwischen nahen Verwandten. Dennoch würde ich das bei Menschen nicht empfehlen.

  3. Susann schreibt:

    Gruselig, bin grade in der 39. Woche meiner 2. Schwangerschaft und heilfroh, dass ich nicht wie die Frauen früher ständig schwanger sein muss. Eine Schwangerschaft – so schön sie ist – ist kein Spaziergang, und ich sehe wenig Sinn darin, unwilligen Paaren Schwangerschaften aufzuoktroyieren. Ja, ich weiß, Natürliche Empfängnisverhütung und so, aber wenn die, warum nicht auch das Kondom? Hat mir noch keiner schlüssig erklären können.
    Vernünftig ist: Kinder nur in einer liebevollen, fixen, langejährigen, usw. usf. Partnerschaft, alles andere schafft Probleme. Und wie viele Kinder es möchte, entscheidet selbstverständlich das Paar.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für die Kommentare, die ich z.T. erst heute freischalten konnte, weil ich einige Zeit im internetfreien Raum war.

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Oh, und der letzte Satz ist jetzt auch vervollständigt.

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