SpießbürgerInnen

Nachdem ich vor knapp drei Wochen eine Veranstaltung zu Feminismus und Abtreibung besucht und dokumentiert hatte, von der der Bloggerkollege Tobias Klein wegen seiner Umtriebe (er ist der Teilnahme am Marsch für das Leben und des blogoezesanen Schreibens überführt!) ausgeschlossen wurde, wollte ich heute mit ihm den letzten Teil der lebensschützergegnerischen Veranstaltungsreihe vor dem Marsch für das Leben besuchen. Auf facebook wurde die Veranstaltung Abtreiben, einfrieren, durchscannen. (Queer-)Feministische Positionen zu Reproduktionstechnologien heute beworben:

Reproduktionstechnologien bieten verschiedene Möglichkeiten, Fortpflanzung nicht mehr als „naturgegebenen“ Ablauf zu verstehen, sondern entbinden den Kinderwunsch von heterosexuell gedachten Praktiken. Andererseits werden sie sehr oft als selektive Verfahren genutzt, um ‚unerwünschten“ Nachwuchs auszusortieren. Solche
Technologien sind nie losgelöst von gesellschaftlichen Vorstellungen.
Allen Praktiken ist gemein, dass sie auf die ein oder andere Weise mit der Selbstbestimmung der Frau* über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben gerechtfertigt werden.
Auf der Veranstaltung wollen wir uns damit auseinandersetzen, ob und wenn ja wie der Begriff der Selbstbestimmung in Bezug auf Reproduktionstechnologien kritisch betrachtet werden kann, ohne die Entscheidungsfreiheit von Schwangeren auf Abbruch und queere Familienmodelle in Frage zu stellen. Bedeutet Selbstbestimmung im Rahmen von Reproduktionstechnologien zu allererst ein Recht auf biologische Kinder und risikofreier Planungssicherheit, im Sinne eines Selbstmanagements? Welche Möglichkeiten bieten Reprotechnologien für das Entstehen anderer kollektiver Ideen des Zusammenlebens, fern der
heterosexuellen Zweierbeziehung?

mit: Susanne Schultz (Gen-ethisches Netzwerk und kitchen politics), Inga Nüthen (ZEFG, FU Berlin), Antje Barten (ak moB (mit_ohne Behinderung), behinderte Aktivistin), Constanze Körner (Regenbogenfamilienzentrum, LSVD Berlin-Brandenburg)

Zwei junge Frauen standen an der Tür. Wir grüßten, die beiden grüßten kurz zurück und bedeuteten uns, daß wir keinen Zutritt hätten, da wir stören wollten. Tobias widersprach freundlich: Mitnichten, wir wollten nur zuhören. Die beiden sagten, dies sei eine feministische Veranstaltung, und Positionen wie die unseren seien nicht akzeptabel. (In Kenntnis meines losen Mundwerks zog ich vor zu schweigen, und meine Positionen waren den beiden offensichtlich nicht erwägenswert. Was es über Feministinnen sagt, wenn sie eine Frau in Begleitung eines Mannes für geistig mit ihm identisch halten, sei dahingestellt.)

Ich versicherte, ich wolle, genau wie letztes Mal, still dabei sitzen und zuhören; Tobias war ebenfalls dazu bereit und fragte, ob er denn eventuell etwas fragen dürfe. Das wurde verneint. Sie kennen unsere Position, wir die Ihre, unsere Teilnahme sei sinnlos.

Zunächst schien es dennoch, als ließen die beiden Türsteherinnen sich erweichen. Wir hätten allerdings, sollten wir uns irgendwie äußern, den Raum zu verlassen. Wörtlich hieß es:

Wir sind an einer inhaltlichen Auseinandersetzung nicht interessiert.

Tobias bedauerte das und meinte, wir könnten doch in einer Diskussion vielleicht einander als Menschen erkennen. Dem wurde widersprochen. Dann riet eine ebenfalls vor der Tür wartende Frau den beiden, die Veranstalterinnen zu fragen. So geschah es, und es wurde uns beschieden:

Die Referentinnen möchten nicht, daß Ihr hereinkommt.

Ich sagte zum Abschied:

Grüße an die Referentinnen! Wir sehen uns dann ja am Samstag!

Immerhin war die Reaktion ein freundliches Lachen.

Nach meiner Erfahrung mit der vorigen Veranstaltung hätte man durchaus Gemeinsamkeiten finden können. So dürfte das Einfrieren von Eizellen zur späteren Verwendung nicht nur Lebensschützern Unbehagen bereiten. Diese Technik spielt meiner Ansicht nach dem Kapitalismus in die Hände: Frauen bleiben so nachwuchsfrei dem Arbeitsmarkt erhalten, solange sie in jugendlicher Vollkraft arbeiten können. Sind ihre Ressourcen verbraucht, dürfen sie Mütter werden. Vermutlich sehen viele Feministinnen das ähnlich.

Mir scheint dies Demokratie- und Toleranzverständnis und diese Art, mich fraglos als gleichgeschaltetes Anhängsel eines Mannes zu sehen, nicht emanzipiert, sondern spießbürgerlich.

Mit einem Bloggerkollegen in einer Kreuzberger Kneipe sitzen ist allerdings auch ein guter Tagesausklang.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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12 Antworten zu SpießbürgerInnen

  1. Klaus Ebner schreibt:

    Ich würde es durchaus begrüßen wenn diese Kreise das Gespräch suchen würden anstatt bei Gegendemos wirre Beschimpfungen auszusprechen. Allerdings wäre es auch mal interessant beim Marsch für das Leben auch mal jemanden von SPD oder Grünen sprechen zu lassen. Ich denke ein gegenseitiger Meinungsaustausch könnte allen Seiten gut tun. Bezüglich des Social Egg Freezing finde ich die Vorbehalte etwas klischeehaft. Mir gefällt diese „Frauen werden in den Arbeitsmarkt gedrängt“ oder „von der Wirtschaft“ ausgebeutet einfach nicht. Die meisten Frauen, die ich kenne WOLLEN arbeiten und wollen rasch nach der Geburt wieder arbeiten. Das hat einen einfachen Grund. Wenn eine junge Frau einen Beruf mit langer Ausbildungszeit ergreift im akademischen Bereich – z.B. Biochemiker – dann hat sie 7 Jahre Ausbildungszeit, dann ein Auslandsjahr, dann Praktika, dann möchte sie mal ein halbes Jahr die Welt kennen lernen und dann ist sie 28 oder 29 wenn sie die erste fixe Stelle hat. Kriegt sie dann ab 32 zwei Kinder und bleibt je 3 Jahre zu Haus, dann hätte sie sich die ganze Ausbildung sparen können und lieber gleich mit 20 zum Arbeiten angefangen. Auch die Idee, Kinder und Karriere hintereinander zu planen – also Kinder gleich im oder nach dem Studium und Beruf dann ab Mitte 30 macht keinen Sinn, denn die meisten Frauen lernen den richtigen Partner halt erst später kennen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Kinder mit 50 gebären, und wenn man wirklich alt ist, sind sie aus dem Hause… ist schlichtweg nicht gut, weder für die Mütter noch für die Kinder. Man kann Kinder einfach nicht irgendwie passend machen.
      Was meinen kapitalismuskritischen Einwand angeht: Natürlich trifft das nicht für alle zu. Aber es wäre die unbedingte, häufige Folge von social freezing.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Da mögen Sie recht haben. Die Daten sprechen aber auch eine andere Sprache. Statistisch gesehen ist es für ein Kind das schlechteste, wenn die Mutter bei der Geburt keine 20 Jahre alt ist. Die Wahrscheinlichkeit vernachlässigt oder misshandelt zu werden ist dann fast 10x so hoch als wenn die Mutter über 30 ist. Die Idee, dass Frauen möglichst jung Kinder kriegen sollen ist sozial schlicht und einfach unhaltbar.

      • Susann schreibt:

        @Klaus Ebner
        Ich stimme voll zu. Ich hatte recht früh ein Kind, und die Situation war in verschiedenster Hinsicht sehr schwierig und auch nachteilig für das Kind. Ähnlich problematische „outcomes“ bei den Kindern anderer sehr junger Müttern, die ich kenne. Das heißt nicht, dass diese Mütter nicht ihr Bestes getan hätten – da haben wir -, aber mit Anfang 20 fehlt’s halt in einem westeuropäischen „Setting“ echt meist an Stabilität und auf alle Fälle an Lebenserfahrung. Würde ich nicht mehr so machen.
        Der nächste Zeitabschnitt, an dem eine Frau dann beruflich und finanziell halbwegs stabil steht und – mit viel Glück – einen Partner gefunden hat, der sich ebenfalls gefunden hat und der Kinder möchte, ist dann i. d. Regel ab 35 – und da geht das „biologische Fenster“ schon wieder zu. In meinem Fall konnte sich der dazugehörige Herr erst kürzlich entscheiden, das Abenteuer Kind doch noch zu wagen, und ich bin jetzt 40, also Ende der Fahnenstange.Trotzdem ist die ganze Situation wesentlich stabiler und besser als bei Kind 1, und ich habe ein wesentlich besseres Gefühl dabei.
        Es ist also schwierig, wie man es auch dreht und wendet, aber generell ist für das Wohl der Kinder ist eher die späte Variante vorzuziehen.

  2. Loui schreibt:

    Vielleicht kannten die Veranstalterinnen durch den vergangen Blogbeitrag auch bereits Ihr Gesicht – und es fand eine durchaus andere Beurteilung als die des „gleichgeschalteten Anhängsel eines Mannes“ statt..

  3. KingBear schreibt:

    Hab den Abend dann auch mal aus meiner Sicht geschildert. Und gleich noch ein bisschen was zum bevorstehenden „Marsch für das Leben“ drangehängt.

    http://mightymightykingbear.blogspot.de/2015/09/wir-sehen-uns-am-samstag.html?m=1

  4. stefanolix schreibt:

    Nun kann ja so ein Mann ganz schön provozierend auf Feministinnen wirken. Stand denn zur Debatte, dass Du als Frau allein in die Veranstaltung hineinkommst? Ich meine: Sie können Dir als Frau doch nicht allein aufgrund einer vagen Vermutung das Recht absprechen, an einer feministischen Veranstaltung teilzunehmen?

  5. m schreibt:

    Oha. Zu viel der Kritik?

  6. Pingback: Ich schweige nicht. | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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