Noch nicht

Nondum, das lateinische Wort für noch nicht, ist der Titel eines Gedichtes des Jesuiten und Priesters Gerard Manley Hopkins. Ich habe bei der Übersetzung das Metrum verändert, aber die Anzahl der Hebungen je Vers behalten – die englische Sprache kann sich um einiges kürzer fassen als die deutsche. Zunächst das Original:

Nondum

‘Verily Thou art a God that hidest Thyself.’
ISAIAH xlv. 15

God, though to Thee our psalm we raise
No answering voice comes from the skies;
To Thee the trembling sinner prays
But no forgiving voice replies;
Our prayer seems lost in desert ways,
Our hymn in the vast silence dies.

We see the glories of the earth
But not the hand that wrought them all:
Night to a myriad worlds gives birth,
Yet like a lighted empty hall
Where stands no host at door or hearth
Vacant creation’s lamps appal.

We guess; we clothe Thee, unseen King,
With attributes we deem are meet;
Each in his own imagining
Sets up a shadow in Thy seat;
Yet know not how our gifts to bring,
Where seek Thee with unsandalled feet.

And still th’unbroken silence broods
While ages and while aeons run,
As erst upon chaotic floods
The Spirit hovered ere the sun
Had called the seasons’ changeful moods
And life’s first germs from death had won.

And still th’abysses infinite
Surround the peak from which we gaze.
Deep calls to deep, and blackest night
Giddies the soul with blinding daze
That dares to cast its searching sight
On being’s dread and vacant maze.

And Thou art silent, whilst Thy world
Contends about its many creeds
And hosts confront with flags unfurled
And zeal is flushed and pity bleeds
And truth is heard, with tears impearled,
A moaning voice among the reeds.

My hand upon my lips I lay;
The breast’s desponding sob I quell;
I move along life’s tomb-decked way
And listen to the passing bell
Summoning men from speechless day
To death’s more silent, darker spell.

Oh! till Thou givest that sense beyond
To show Thee that Thou art, and near,
Let patience with her chastening wand
Dispel the doubt and dry the tear;
And lead me child-like by the hand
If still in darkness not in fear.

Speak! whisper to my watching heart
One word – as when a mother speaks
Soft, when she sees her infant start,
Till dimpled joy steals o’er its cheeks.
Then, to behold Thee as Thou art,
I’ll wait till morn eternal breaks.

Und hier meine Übertragung:

Nondum

Fürwahr, du bist ein Gott, der sich verborgen hält.
Jes. 45,15

Gott, wir erheben das Loblied zu Dir,
Doch wird keine Antwort vom Himmel gegeben;
Der zitternde Sünder betet zu Dir,
Hört keine Erwidrung, kein Wort vom Vergeben ;
Gebet scheint verirrt in der Wüste hier,
Gewaltiges Schweigen nimmt Hymnen das Leben.

Zwar sehen wir die irdische Pracht,
Doch nicht die Hand, die sie schuf zumal:
Unendliche Welten gebiert die Nacht,
Doch wie in leerem erleuchteten Saal,
Wo nicht der Herr Tür und Feuer bewacht,
Sind Leuchten der leeren Schöpfung nur Qual.

Wir raten. Du, König, bist unsichtbar,
Wir kleiden in Zeichen Dich, die wir verstehen;
So, wie es ein jeder für sich macht klar,
Stelln Schatten wir vor Deinen Thron. Wir sehen
Nicht, wie unsre Gaben wir recht bringen dar
Und wo bloßen Fußes zu Dir wir gehen.

Und ungebrochen brütet das Schweigen,
In Weltenzeit und in Äonenlauf,
Wie einst auf der wirren Fluten Steigen
Der Geist schwebt‘, ehe den Jahreslauf
Die Sonne rief, und den Wetterreigen,
Und Lebenskeim aus dem Tod wuchs auf.

Ein bodenloser Abgrund umspinnt
Den Bergesgipfel, von dem wir schauen.
Die Tiefe ruft Tiefe, und schwindlig und blind
Taumelt die Seele durch Nacht und Grauen,
Die wagt, nach dem leerem Labyrinth,
Nach Angst des Daseins auszuschauen.

Du aber schweigst, wenn in Deiner Welt
Bekenntnis gegen Bekenntnis zieht,
Mit wehendem Banner den Feind umstellt,
Der Eifer schwillt, Mitleid blutend flieht,
Von Tränen beperlt die Wahrheit gellt
Mit ihrer klagenden Stimme im Ried.

Nun ich die Hand auf den Mund mir lege,
Die zagenden Seufzer niederzuringen,
Geh von Gräbern gesäumte Lebenswege,
Und horche, wenn Totenglocken klingen,
Daß Menschheit aus stummem Tag sich rege
Sie im stilleren, dunkleren Tod zu bezwingen.

Oh, bis Du wirst Jenseitssinne mir geben,
Die Dich und Dein Sein, Deine Nähe zeigen,
Lass Du die Geduld die Rute erheben,
Dass Tränen trocknen und Zweifel sich neigen,
Führ mich wie ein Kind an der Hand durchs Leben,
Und lass meine Angst auch in Dunkelheit schweigen.

Sprich! Nur ein Wort, meines Herzens Verlangen,
Sanft, wie eine Mutter zum Kinde spricht,
Wenn’s aufschrickt, dann tröstet sie, bis auf die Wangen
Sich stiehlt in Grübchen ein freudiges Licht.
Dich, wie Du bist, will ich schauend umfangen,
Will warten, bis ewiger Morgen anbricht.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Die Berliner Choralschola stellt ein Konzert unter dies Motto. Ihr Leiter Markus Krafczinski schreibt dazu:

NONDUM – Noch nicht …
Gesänge der Erwartung
<a href="http://Gerard Manley Hopkins“ target=“_blank“>Gerard Manley Hopkins, der große viktorianische Lyriker, thematisiert als junger Mann in seinem Gedicht „Nondum“ die Spannung zwischen einem Glauben in Demut und der anscheinlichen Abwesenheit göttlicher Antwort darauf.
Angeregt von diesem Text gehen wir im gregorianischen Repertoire auf Spurensuche. Gesänge aus dem Stundengebet und der Messe mit Texten vorwiegend aus dem Neuen Testament zeigen, wie das Leben im „noch nicht“, wie die Erwartung ihren Ausdruck findet.
Ein gemeinsames Konzert von Mitgliedern der Berliner Choralschola und des Liturgischen Chores der Zionskirche, Lauda Sion.

Termine:

Samstag, 19. September, 16.00 Uhr
Konzert und Ausstellungseröffnung von Robert Weber im Schloß Neuenhagen
Freienwalder Straße 12 16259 Bad Freienwalde / OT Neuenhagen
(Hier leider ohne mich, da ich anderweitig verpflichtet bin.)

Sonntag, 20. September, 18.30 Uhr
Zionskirche, Zionskirchstraße 32, 10119 Berlin
(Hier singe ich mit und trage das Gedicht in Original und Übersetzung vor.)

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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