Sogenannt und selbsternannt

In jeder Kontroverse, gleich worum es geht, tauchen diese Wörter auf, und zwar ist immer die Gegenseite sogenannt und selbsternannt.

Sogenannt ist alles, solange die Bezeichnung verstanden, aber nicht nachvollzogen wird. Von sogenannten Republiken, Umwelt-, Lebens- oder Datenschützern spricht, wer diese selber eben nicht so nennen möchte.

Sagt nun der sogenannte Lebens-, Umwelt- oder Datenschützer, er könne und wolle mit Recht so genannt werden, so wird er automatisch zum selbsternannten -schützer, auch wenn er nicht von sich selbst, sondern von der Römischen Kurie, dem NABU, dem Datenschutzbeauftragten oder dem Bundestagspräsidenten (oder gar von all diesen zugleich) ernannt und so genannt wird.

Sogenannt ist kein unsinniges Wort. Ursprünglich heißt es nur, daß ein bestimmter (vielleicht mißverständlicher) Ausdruck eine bestimmte Bedeutung hat. (Die sogenannte Bisamratte ist eigentlich gar keine Ratte, sondern eine sogenannte Wühlmaus, die wiederum eigentlich keine Maus ist.)

Ein sogenannter Lebensschützer ist also einer, der so wirkt wie ein Lebensschützer, aber keiner ist. Damit könnte man aus Sicht der Lebensschützer all jene als sogenannte Lebensschützer bezeichnen, die sagen, man müsse Abtreibung erlauben, um das Leben der Frauen zu schützen. Sogenannte Tierschützer wären dann in der Diktion radikaler Tierrechtler die Jäger, die sich der Hege ebenso verschrieben haben wie der Jagd, während aus Sicht dieser Jäger die radikalen Tierrechtler Sogenannte Tierschützer wären, und beide Seiten könnten die je andere Seite auch selbsternannt nennen.

Selbsternannt sind natürlich die meisten Leute in irgendeiner Hinsicht. Man könnte einen Hobbykoch auch einen selbsternannten Koch nennen und einen Laienschauspieler einen selbsternannten Schauspieler, so lange, bis der erste von einem Restaurant, der zweite von einem Theater eingestellt wird.

Weder sogenannt noch selbsternannt sind ursprünglich negative Wörter. Sie haben nur einen derart negativen Klang erworben, daß sie im eigentlichen Wortsinn gar nicht mehr benutzt werden können. Das sage ich als selbsternannte sogenannte Dichterin.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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