Assistierter Selbstmord – und was ist mit dem Arzt?

Nicht nur im Bundestag wird darüber debattiert, ob die Selbsttötung mit ärztlicher Assistenz legalisiert werden soll und wenn ja, unter welchen Bedingungen.
Was die Bedingungen angeht, ist man sich bei den Gesetzesentwürfen zugunsten der Sterbehilfe vorerst einig: Das Leiden muß irreversibel und unerträglich sein, und der Patient muß bei klarem Verstand sein und den Wunsch nach Selbsttötung unmißverständlich mehrmals gegenüber einem Arzt kundtun.
Das entspricht der ursprünglichen Fassung des Gesetzes zur Sterbehilfe in den Niederlanden. Dort ist inzwischen auch die Tötung irreversibel kranker Kinder und Dementer legal. Es ist nicht anzunehmen, daß eine solche Entwicklung in Deutschland ausbliebe.

Unter Lebensschützern wird fast nur damit argumentiert, daß die Gefahr des Mißbrauchs legalisierter Sterbehilfe (Überredung, Angst vor Belastung der Angehörigen etc.) groß ist, daß die meisten Menschen, die nach dem Tod verlangen, mit ausreichender Palliativmedizin nicht mehr danach verlangen würden, und daß das Leben ein Geschenk Gottes ist. Ich stimme dem zwar voll und ganz zu (auch wenn das dritte Argument für die Diskussion mit glaubensfernen Befürwortern der Sterbehilfe untauglich ist). Aber es gibt mehr zu bedenken – und es gibt mehr Argumente.

In den Niederlanden verweigert ein Viertel aller befragten Ärzte aus Glaubens- oder Gewissensgründen die Assistenz beim Suizid (Quelle). Im Jahr 2009 hat das Institut für Demoskopie Allensbach 527 Ärzte befragt (Quelle). Die meisten Befragten sind gegen Sterbehilfe, und zwar umso stärker, je öfter sie von Patienten darum gebeten wurden. Die meisten Ärzte befürchten einen schlechten Einfluß auf ihren Beruf, wenn Sterbehilfe legalisiert wird. Die meisten verstehen zwar den Patientenwunsch nach Sterbehilfe (wobei verstehen etwas anderes ist als billigen) aber die meisten wollen nicht, daß Ärzte durch diesen Wunsch gebunden werden.

Wenn Sterbehilfe eine Option wird, dann wird es auch möglich, sie einzufordern. Das Beispiel der Niederlande zeigt, daß die ursprünglich strengen Grenzen der Sterbehilfe innerhalb weniger Jahre aufgeweicht wurden; bereits jetzt können Kinder, die noch lange nicht einwilligungsfähig sind, bei unheilbarer Krankheit getötet werden, ebenso Demente, die nicht mehr einwilligungsfähig sind. Noch können Ärzte sich weigern, aber ich fürchte, der Druck auf Ärzte, dem Todeswunsch von Patienten pflichtschuldigst nachzukommen, wird wachsen. Nichts anderes erwarte ich für Deutschland, wenn assistierter Suizid legalisiert wird.

Es gibt Leiden, die unerträglich sind. Es gibt Krankheitsbilder, bei denen man mit der besten Palliativmedizin nur einen winzigen Teil des Leidens mindert. Ich verstehe den Todeswunsch von Menschen, deren Krankheit unweigerlich zur Demenz führt oder zum vollständigen Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper. Aber ich kann nicht wollen, daß ein anderer Mensch dadurch zur Tötung eines Kranken gebracht, möglicherweise gar genötigt wird. Das aber ist die unmittelbare Folge von Sterbehilfe.

Ich bin gegen assistierten Suizid. Zu meinen Gründen gehört, daß ich Ärzte hiervor geschützt wissen will.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Assistierter Selbstmord – und was ist mit dem Arzt?

  1. hofmeisterhartwig schreibt:

    Ich bin dafür! Die oben angeführten Beweggründe sind eindeutig und klar formuliert! Es gibt keinen Druck auf die Ärzte. Ich habe Verwandte in Belgien, dort hat man nur positive Erfahrungen damit gemacht. Wenn ich da bei uns schon von vielen Fehlbedandlungen gehört habe die zum Tod geführt haben, da ist die Sterbehilfe ein Tropfen auf dem heißen Stein.
    Kein Mensch sagt zu ihnen sie müssen es tun, es ist vollkommen freiwillig, bis auf die Kinder und dementen Menschen. Aber hier ist sicher eine Gruppe von Menschen da, die darüber nicht leichtfertig entscheiden.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Woher die Sicherheit? Gibt es irgendwo Anzeichen, daß die Möglichkeit zum Mißbrauch nicht wahrgenommen wird? Wie soll ein Entscheidungsunfähiger entscheiden? Woher weiß man, wie er entschiede, wenn er könnte?

  2. Pingback: Darf man sich töten lassen? | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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