Ungewollte Seelen?

Die Autorin des kürzlich hier zitierten Manifests hat ihren Namen und ihre Anschrift angegeben. Ich habe ich eine Antwort geschrieben, die heute versandt wird – und die ich hier zitiere.

Liebe Frau ***,

beim Marsch für das Leben arbeitete ich als Ordnerin, und Ihr Manifest kam mir in die Hände.
Ich habe es erst vorgestern wiedergefunden. Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, Ihnen darauf zu antworten.

Aus Ihrer Anschrift erkenne ich, daß Sie mit benachteiligten Kindern zu tun haben – auch wenn ich natürlich nicht sehen kann, ob Sie als Erzieherin, Köchin, Hausmeisterin oder in einer anderen Eigenschaft im Neuen Lernort Dortmund arbeiten oder wie Sie sonst damit zusammenhängen.

Sie schreiben:

Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und wurden aus dem Paradies vertrieben.
So sind wir auch nicht mehr wie die Tiere dem Fortpflanzungszwang unterworfen, sondern können verhindern, daß die Seelen unserer ungewollten Kinder *geboren* werden, *zur Selbstbewußtheit gelangen*.
Ungewollte Kinder sind schlecht ausgerüstet für das Leben, sie gehören zu den Unglücksraben, zu den Unterdrückten und Ausgebeuteten, zu den Verbrechern.
Das wäre ein Marsch fürs Leben,
fürs gute wahre Leben,
die Manifestation der ungewollten Seelen zu verhindern.

Sie setzen Seelen bei den Ungeborenen voraus; da haben wir eine gemeinsame Basis. Ich stimme Ihnen auch zu, daß wir aus dem Paradies vertrieben wurden. Allerdings ist das nicht das Ende, sondern der Anfang von Zwängen – aus denen wir ausbrechen können, sofern wir um Gottes Beistand bitten. Daß erotische Liebe und das Entstehen neuen Lebens grundsätzlich miteinander verknüpft sind, ist jedoch nicht Zwang, sondern biologische Gegebenheit sowie Geschenk. Kein Tier hat eine so starke, lebenslange, innige Bindung an Partner und Kinder wie ein Mensch im Idealfall.

Nun gehen Sie nicht vom Idealfall aus, sondern von den Kindern, die im Neuen Lernort Dortmund das von den Eltern versäumte Rüstzeug für ein Leben in Würde bekommen sollen. Mir ist dabei klar, daß sozial und gar familiär benachteiligte Kinder – besonders ungewollte, im schlimmsten Fall mißhandelte Kinder – durch die beste Hilfe die Schatten ihrer Kindheit nicht völlig loswerden können. Das ändert nicht, daß es Menschen sind, die keineswegs nur Unglücksraben, Unterdrückte, Ausgebeutete oder gar Verbrecher sein oder werden müssen. Mir sind solche Fälle durchaus bekannt (ich habe eine Zeitlang als ehrenamtliche Vollzugshelferin gearbeitet), aber auch gegenteilige Fälle von frohen, freundlichen und tüchtigen Menschen, die die üblen Zustände ihrer Kindheit überwunden haben.
Zudem geschieht es oft, daß Frauen, für die die Schwangerschaft zunächst angstbesetzt war, ihre Kinder noch vor oder kurz nach der Geburt liebgewinnen und gut für sie sorgen.
Menschen mit schlechter Ausgangsposition von vornherein als bleibende Opfer und werdende Verbrecher darzustellen ist unsachlich und ungerecht.

Nicht alle Teilnehmer am Marsch für das Leben sind gegen Verhütungsmittel. Ich selbst folge in der Beurteilung von Verhütungsmethoden der Lehre der katholischen Kirche. Die natürliche Verhütung, die durch genaue Beobachtung des weiblichen Körpers und in angewandter Kenntnis der fruchtbaren Tage einer Frau besteht, verhindert ungewollte Schwangerschaften ohne Gefährdung irgendeines Menschen. Alle anderen Verhütungsmittel sind immer ein Eingriff in das Leben der Frau und zuweilen auch in das des Mannes. Natürliche und gesunde Abläufe in ihrem Körper werden durch Hormongaben oder durch Einsetzen eines Fremdkörpers, im sanftesten Falle durch eine Barriere aus Latex, behindert. Bei hormonellen Verhütungsmitteln, besonders der „Pille danach“, besteht der Verdacht, daß ihre Anwendung in manchen Fällen nicht verhütend, sondern abtreibend wirkt, also nicht die Befruchtung einer Eizelle verhindert, sondern eine bereits befruchtete Eizelle (einen Menschen im frühen Entwicklungsstadium) zerstört.

Sie schreiben, es sei ratsam, zu „verhindern, daß die Seelen unserer ungewollten Kinder *geboren* werden, *zur Selbstbewußtheit gelangen*“. Hier sprechen Sie nicht mehr von Verhütung, sondern davon, einen Menschen physisch zu vernichten, um seine Seele vor Schaden und seine Mitmenschen womöglich vor einem heranwachsenden Verbrecher zu bewahren.
Man könnte nun sagen: „Ja, physische Vernichtung verhindert seelisches Leid des Vernichteten. Ein seelisch Kranker, der von einem Hochhaus springt, ist hinterher nicht mehr seelisch krank, sondern tot, also alles gut. Ein Schwerverbrecher, der gehängt wird, begeht keine Verbrechen mehr, also alles gut.“
Es ist klar, daß das keine zulässigen Argumente sind, und daß Selbstmord und Todesstrafe keineswegs gut sind, sondern furchtbar – auch, weil sie im ersten Fall zahlreiche Betroffene hinterlassen, Auffinder, Freunde, Verwandte, und im zweiten Fall noch dazu einen Täter fordern (den Vollstrecker).
Genau dies taugt aber auch als Argument gegen Abtreibung. Man braucht für eine Abtreibung jemanden, der das tut. Das ist im Regelfall ein Arzt, der aus seinem Studium weiß, was Leben ist und daß das Wesen, das er vernichtet, ein unverwechselbarer Mensch ist, gleich in welchem frühen Stadium.

Abtreibung fordert Menschenopfer und die schwere Belastung weiterer Menschen. Abtreibung heißt: Eine Mutter entscheidet – oft nicht unter familiärem oder gesellschaftlichem Druck – über das Leben ihres Kindes, und zwar negativ. Sie beschließt, das Kind töten zu lassen (oder es durch die Einnahme einer Pille selbst zu töten). Ein Arzt wird zum Täter durch mechanische Entfernung eines lebenden Menschen oder durch Verschreibung eines für diesen jungen Menschen tödlichen Giftes. Partner oder Angehörige der Mutter werden teils zu Mittätern durch Billigung oder gar Forderung der Abtreibung, teils zu Opfern (denn ein Vater, dessen Kind getötet wird, ist ebenso Opfer wie die Mutter).

Soweit meine Position zu Ihrem Manifest. Glauben Sie mir bitte, daß ich keinen Groll gegen Sie habe, auch wenn Ihr Manifest meiner Überzeugung nach logisch und menschlich verkehrt ist. Ich hoffe für Sie und die Kinder in Ihrem Umfeld, daß Sie Ihre Ansicht über ungewollte Kinder revidieren.

Mit freundlichen Grüßen
Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Ungewollte Seelen?

  1. Wolfram schreibt:

    Hat sie geantwortet?

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