Dialog mit Frau Ditfurth

Gelegentlich versuche ich, mit Politikern zu kommunizieren. Manchmal gelingt das, meistens eher nicht. Heute bin ich ganz grandios damit gescheitert.

Jutta Ditfurth berichtete auf ihrer Facebook-Seite mit großer Begeisterung von ihrer Teilnahme an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Nie wieder Deutschland“ am 3. Oktober in Frankfurt am Main, veranstaltet von der Ökologischen Linken, der ÖkoLinX-Antirassistischen Liste und der Antifa Kritik & Klassenkampf:

Glücklich und geschafft. Wunderbare NIE-WIEDER-DEUTSCHLAND-Veranstaltung. Fast 500 ZuhörerInnen. Zwei nagelneue Vorträge gegen Deutschland von Thomas Ebermann und mir. Um das DGB-Haus herum, und auf dem Grundstück, zeitweilig Polizisten und BFE-Einheiten, die wissen wollten, ob von der Veranstaltung „etwas ausginge“. Das hoffen wir doch!
Allen Genoss*innen, die die Veranstaltung mitvorbereitet und mitorganisiert hatten (alles klappte perfekt) und dem Moderator allerherzlichen Dank, auch den Freund*innen, die aus dem Norden, Süden, Osten, Westen gekommen waren.
— Glücklich und geschafft und deshalb eines anderes Mal mehr.
Jutta Ditfurth, 4.10.2015

Ich finde es besonders für eine Politikerin befremdlich, das Land, in dem sie als solche arbeitet, „nie wieder“ zu wollen. Ein Politiker ist ja, dem Wortsinn nach, einer, der für die Polis, die Bürgerschaft, da ist, zu ihr gehört und ihr nützt (das bedeutet die griechische Nachsilbe -ikos). Auch wenn man kein Griechisch kann, kann man das wissen und muß es wissen, wenn man Politiker wird. Das ist ebenso wichtig wie das Wissen darum, was Medizin eigentlich ist, wenn man Arzt werden will.
Nun ist es zwar wahr, daß ich (mangels Interesse an politischem Hickhack und weil es mir vollauf genügt, ungefähr zu wissen, welche Parteien gerade irgendwelchen Einfluß haben) nicht so recht wußte, wo Frau Ditfurth nun gerade ist. Die ÖkoLinX-Antirassistische Liste (diese phonetische Herausforderung für Rezitatoren!) war an mir vorbeigegangen. Diesen Bildungsmangel nehme ich auf meine Kappe.

Dennoch ist mir das Folgende befremdlich.

Ich kommentierte Frau Ditfurths Mitteilung:

Wenn Sie nie wieder deutsche Religions- und Meinungsfreiheit, deutsche Sozialgesetze und deutsche Krankenkassen und deutsche Bibliotheken, Konzerthäuser, Museen, öffentliche Parks, Infrastruktur, Suppenküchen, Kleiderkammern etc. wollen, können Sie einfach so weitermachen wie bisher. Dann ist das in spätestens zwanzig Jahren alles vorbei, und Sie dürfen bei Zahnweh einen Bader ihrer Wahl bezahlen. Und ja: ich finde sehr vieles sehr reformbedürftig. Und nein: die Nazikeule ist auf mich nicht anwendbar. Aber „nie wieder Deutschland“ heißt auch „nie wieder Thomas Mann oder Droste-Hülshoff oder LeFort lesen“. Wer in Deutschland ein Politikergehalt bezieht und Deutschland als Chiffre für das Böse verwendet, ist einfach ein bisserl bescheuert.

Ihre Rückfrage war, was ich denn glaube, was sie für ein Gehalt beziehe. Und wieder muß ich gestehen: Ich recherchierte erst jetzt. So doll ist es wohl nicht. Ich antwortete:

Frau Ditfurth, OK, der Punkt geht an Sie – ich weiß nicht, wieviel Sie bekommen, es interessiert mich auch nicht. Nur daß Sie als Politikerin ja nicht einfach nur einem Hobby nachgehen und aller Wahrscheinlichkeit nach mit politischer Arbeit mehr verdienen als mit Büchern (Schriftstellerei ist erbärmlich schlecht bezahlt, soviel weiß ich). – Den ganzen Rest meines Kommentars haben Sie sicher auch gelesen, und im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren halte ich Sie für gescheit genug, ihn auch zu verstehen. Ich wüßte jetzt wirklich gerne, was Sie, genau Sie, mit „Nie wieder Deutschland“ meinen.
Und ehe Sie mir jetzt Inkonsequenz vorwerfen: „Gescheit genug, meinen Kommentar zu verstehen“ und „bisserl bescheuert“ schließt sich nicht aus. So kompliziert schreibe ich nicht.

Als ich nachsehen wollte, ob und wie Frau Ditfurth geantwortet hatte, stellte ich fest, daß meine Kommentare gelöscht worden waren. Deshalb kann ich auch Frau Ditfurths Gegenkommentar nicht mehr wörtlich wiedergeben, weil damit auch dieser verschwunden war.

Das wäre alles keinen Blogartikel wert, wenn nicht unzählige frühere und spätere Kommentare ungelöscht dastünden, in denen Frau Ditfurth offene und schlecht verhüllte Morddrohungen erhält („an die Wand stellen“, „hängen“), zu Gruppenvergewaltigung aufgerufen wird, wüste Schimpfwörter und offene Verherrlichung des Nationalsozialismus neben gehässigen Bemerkungen über Frau Ditfurths Lebensumstände stehen.

Ich war gewiß nicht nett zu Frau Ditfurth und halte das auch nicht für nötig. Aber war ich wirklich schlimmer als der nationalchauvinistische Pöbel, der seinen frauenverachtenden Dreck über alles kippt, was nicht bereit ist, ihm sein Bier zu kredenzen?

Nein, war ich nicht. Und Frau Ditfurth sollte bitte mal ganz schnell beweisen, daß sie besser ist als jener Pöbel.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Dialog mit Frau Ditfurth

  1. Klaus Ebner schreibt:

    Ich denke der Frau Ditfurth (die ja auch eine Seite als Dittfurth betreibt) macht es einfach ziemlichen Spaß die braunen Recken aus der Reserve zu locken. Und es bereitet ihr sicher einiges an Kopfzerbrechen, dass das so einfach ist. Man fragt sich worüber man sich mehr wundern soll, über das Ausmaß an Hass, das einem täglich aus den sozialen Netzwerken entgegenströmt oder über das Ausmass von Dummheit derjenigen, die glauben, das alles bliebe unerkannt, clandestin und ohne Konsequenzen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Nun ja, mag sie ihren Spaß haben (wenn diese Einschätzung stimmt). Für mich bleibt da so ein Gschmäckle – eine gewählte Politikerin findet mich offenkundig a) schlimmer und b) weniger einer Antwort würdig als die og. Horde von Pöblern. Da mache ich mir schon Gedanken um ihre Lesefähigkeit.

      • Klaus Ebner schreibt:

        Nun ja – ich denke wenn man sich die Performance Werte der Seite bei dem Beitrag ansieht – z.B. 184.000 Aufrufe und zig Postings dann könnte ich mir schon vorstellen dass sie das nicht alles alleine gesichtet hat und das ev. auch aus Versehen mal was gelöscht worden ist. Ich würde das jetzt nicht persönlich nehmen. Viele Personen im politischen Bereich bedienen sich externer Content Manager und Social Media Zuarbeiter.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Zudem kann es natürlich auch passieren, daß facebook Dinge „verliert“ – alles schon gehabt. Ja, ich sollte da wohl etwas vor- und nachsichtiger sein.
        Dennoch bleibt es seltsam.

  2. Pingback: Was so als Nazi-Hassmail empfunden wird | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

  3. Wo die Frau (von) Dithfurt politisch steht, läßt sich so genau wohl gar nicht verorten, Zumindest ziemlich extrem. Und auf einem Koordinatenkreuz treffen die unten in der Koordinatenbasis noch streng nach links bzw. rechts laufenden Kurven weiter oben wieder zusammen – eben in der Richtung „extrem“. Da lassen sich die Akteure weder im Tun, noch im Habit auseinanderhalten. Die einen wie die anderen wollen dieses schöne Land Deutschland in der Mitte Europas zugrunde richten. Die einen haben es ja schonmal geschafft, die anderen konnten Ende der 1980er Jahre gerade noch so daran gehindert werden. Es macht also nicht allzuviel Unterschied, ob die Extremisten hierzulande Stalin oder aber Hitler abgöttisch verehren. Es ist jedenfalls bedrohlich, daß Menschen, die Deutschland nicht wollen, auch noch in der Bürgerschaft deutscher Städte sitzen. Der Kapitalismus hat in den 90er Jahren nicht „gesiegt“, er ist nur „übriggeblieben“ und er ist auf jeden Fall dringend veränderungsbedürftig. So wie es derzeit funktioniert, läuft das Ganze auf eine Katastrophe zu, ein Dampfkessel, dessen Sicherheitsventile verstopft sind und der Chauffeur immer weiter Kohlen schaufelt, immer mehr heizt, weil immer mehr Leistung verlangt wird. Und je weiter der Prozeß in der Gesellschaft voranschreitet, je mehr Menschen unterhalb des Existenzminimums gedrückt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das irgendein „Heil“s-Prediger, welcher Couleur auch immer, auf die Bühne springt und „dem Volk“ wieder sagt, wo es langgeht. Das möge der Ewige verhindern! In diesem Sinne liebe Grüße vom ollen, grauen Wolf aus dem Land am Meer.

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