Der fordernde Frohsinn

Irgendwann haue ich einem lächelnden jungen Menschen eine runter. Ich finde das falsch, und ich sehe es kommen.

Und zwar einem von der Sorte, die mit Flyern in der Hand und strahlendem Lächeln auf einen zugehen, sich da hinstellen, wo man gerade langgehen wollte, und fröhlich ausrufen: „Hallooo! Kennen Sie [Greenpeace/BUND/Tierfreunde/Malteser/amnesty international]?“ Ein Tischchen mit anderen netten lächelnden jungen Menschen, übrigens alle in den gleichen leuchtenden Westen, amnesty gelb, BUND grün, Malteser rot, und mit noch mehr Flyern steht ganz in der Nähe.
Jetzt, wo die Tage dunkler werden, werden es immer mehr. In der Schloßstraße waren es heute ungelogen auf zwanzig Metern zwei Gruppen (amnesty international und BUND), dazwischen eine laute Combo. Ich winkte energisch ab und ging weiter. Als ich nach einer Dreiviertelstunde zurückkam, standen alle immer noch dort. Die Umweltschützer wehrte ich mit einer energischen Geste ab. (Manchmal antworte ich auf die Frage, ob ich Tiere mag, „Das kommt auf die Zubereitung an“. Aber heute war mir nicht nach Witzen.)

Bis hierher geht es nur darum, daß mir eine bestimmte Form von forderndem Frohsinn schrecklich auf die Nerven geht, vor allem, wenn es regnet.

Als aber dann ein amnesty-international-Jüngling zu mir trat, beschloss ich, doch zu antworten. Ich sagte, ich sei nicht gesonnen, eine Organisation zu unterstützen, die für ein angebliches Recht auf Abtreibung eintritt. Ja aber, meinte der junge Mann, das sei doch nur ein ganz geringer Teil der Arbeit. Ich antwortete, ich sei immer ganz und gar gegen die Tötung von Kindern. Das war er auch und wollte mich auf die „99 anderen Prozent der Arbeit von amnesty international“ aufmerksam machen. Ich sagte ihm, ich spende, wenn ich irgendetwas übrig habe, an Kirche in Not; die setzen sich wirklich für Menschenrechte ein.

Ich sagte ihm nicht (weil es regnete, weil ich einen schlechten Tag habe und weil ich keine Lust auf weitere Diskussionen mit einem jungen Spund hatte), daß ich lange Zeit für amnesty international aktiv war, viele Kilometer gegangen bin, um Unterschriften für Petitionen zu sammeln, massenweis Briefe geschrieben habe, um Gefangene freizupauken, daß ich überglücklich war, als mir auf einen dieser Briefe sogar ein positiver Bescheid ins Haus kam, und daß ich die frühere Arbeit dieser Organisation immer noch segensreich finde.

Aber wenn doch immer noch Gefangene durch amnesty international betreut und vielleicht gerettet werden?

Stellen Sie sich bitte folgendes vor.
Sie wissen, daß Ihr Nachbar seine Frau verprügelt. Sie wissen ferner, daß er monatlich großzügige Spenden an den Kinderschutzbund und das Tierheim überweist und daß er in mehreren gemeinnützigen Organisationen aktiv ist.

Würden Sie mit ihm ein Bier trinken wollen?
Nein?
Und wenn er seine Frau vielleicht nur manchmal prügelt?
Auch nicht?

Sehen Sie – so ist das mit mir und amnesty international.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Der fordernde Frohsinn

  1. Dein Vergleich gefällt mir, den Du anstrengst. Ich stimme dem zu.
    Doch ich ich will ihn nun, für den Moment, noch strenger und gegen mich selbst auslegen:
    Wie sehr bin ich MIR SELBST zu 100% treu und folge meinen Wertvorstellungen?
    Gelingt es mir selbst immer treu zu bleiben?
    Du formulierst etwas dazu, da< ich in mich selbst hineindeuten will:
    Oft bin ich zu bequem und mache einen Bogen um Problemstellungen, um Reibungspunkte gegenüber meinen eigenen Grundsätzen.
    Hier kommt ein Regen dazwischen, da ein Termindruck oder auch einfach nur das Bedürfnis nach Ruhe im Alltag.
    Ich muss mich da immer wieder an der eigenen Nase packen und -weiß Gott!- ich werde es immer wieder tuen müssen, mich auf meine Grundsätze zurück zu besinnen und mir gegenüber selbst einzufordern.
    Möge Gott mir helfen, bei den Sachverhalten zu unterscheiden, wo ich 1 plus 2 gleich 5 sein lassen darf und den Situationen und Begegnungen, in denen es darauf ankommt.,

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen auf meinen Seiten, Markus.
      Ja, damit hat wohl jeder zu tun – mit dem inneren Schweinehund, und auch damit, daß es manchmal nur die Wahl zwischen zwei Übeln gibt und man nicht mal sicher weiß, welches das geringere ist.

  2. Sebastian Wiemann schreibt:

    Abtreibung ist keine „Tötung von Kindern“. Sie ist eben manchmal notwendig. Prinzipiell sollte sie erlaubt sein, wenngleich man versuchen sollte, die Zahl zu reduzieren, z.B. durch (Teil-) Übernahme der Kosten durch die Abtreibenden.

    Eine Gesellschaft, die Abtreibung verbietet, ist eine höchst inhumane. Man scheint wohl auch keine Gedanken daran zu verschwenden, wie es den Kindern ergehen mag, die die Mutter nicht wollte, aber trotzdem gebar.

    Katholisch-christliche Scheinheiligkeit.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      1. Was eine lebensfähige menschliche DNA hat, ist ein Mensch. Also, solange noch nicht jugendlich, ein Kind.
      2. Aus Ihrem Argument geht hervor, daß Sie die Tötung von Menschen (ist es, fragen Sie einen Biologielehrer) manchmal für notwendig, ja human halten.
      3. Ja klar. Scheinheilig ist, wenn man anderer Meinung ist als Sie.

  3. Wolfram schreibt:

    Es gibt auch noch die ACAT – bei der ich allerdings wegen ihrer Einstellung zu Israel nicht Mitglied bin.

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