Aus dem Mittelalter: Witz und scharfe Zunge

Zu der vielfältigen lateinischen Reimlyrik des 12. Jh. gehört auch das folgende Gedicht zu einem dem regelmäßigen Kirchgänger bis heute vertrauten Ärgernis.
Die Autorin – daß es sich um eine Frau handeln muß, ist an der Form dictura in Vs. 3 erkennbar – war vermutlich selbst eine fromme Kirchgängerin und mit der Vagantendichtung vertraut, an deren Tonfall das Gedicht erinnert. Hermann Menges Ansicht, es sei eine Ordensfrau gewesen, die sich an ihren Mitschwestern gestört habe, halte ich für zu weit hergeholt. Georg Büchmann vertritt die Ansicht, das unter das Gedicht hingekritzelte Wort Anas sei eine ungebräuchliche Kurzform von Anastasia, und identifiziert die Dichterin mit Anastasia von Polen, der Gattin des Herzogs von Pommern. Anas könnte freilich auch eine verschleierte Bedeutung haben.

ad garrulas in ecclesia

sponsa Tua Domine
plus minusve tædet me.
quidnam sum dictura?
hac in turba aviarum
quis honorat Verbum clarum
Tua in scriptura?

verba vana veterum
stygem propinquantium
plane venenosa!
sibilum convicium
ducant ad iudicium
verba odiosa!

Mit einer (im Mittelalter unüblichen) Überschrift versehen und nachgedichtet wurde das Werk im späten 19. Jh. – und wieder ist die Autorschaft ungeklärt, man vermutet aufgrund der Handschrift und des Fundortes (auf dem Vorsatzblatt von Henriette Davidis‚ Praktischem Kochbuch) wiederum eine Frau.

Den Tratschweibern in der Kirche

Deine Braut, Herr Jesus Christ,
Mir zuweilen mühsam ist.
Was kann ich noch lehren?
Wer in alter Weiber Schar
Will Dein Wort, so rein und klar,
Will die Schrift noch ehren?

Eitle Worte jener Tratschen,
Gift und Galle! Und sie latschen
Schon zur Höllenpforte!
Tuschelnd zänkisches Gelichter
Führen einst vor seinen Richter
Eigne böse Worte!

Wer immer diese beiden Frauen waren, die im Abstand von acht Jahrhunderten eine verbreitete Unart verdichteten – sie haben mein tiefes Mitgefühl.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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